Nach Ak, IX: 156,01 bis 273,20 / B-Rink
Dezember 1996 / byb-Fassung: 5. November 2002 /
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|P_156_
|L01 ≥ Physische Erdbeschreibung. +
|L02 Einleitung. +
|L03 §_1. ≤

|L04 Bei unsern gesammten Erkenntnissen haben wir zuvörderst auf die
|L05 Quellen oder den Ursprung derselben unser Augenmerk zu richten, nächst
|L06 dem aber auch auf den Plan ihrer Anordnung oder auf die Form, wie
|L07 nämlich diese Erkenntnisse können geordnet werden, zu merken, weil wir
|L08 sonst nicht im Stande sind, sie uns in vorkommenden Fällen, wenn wir
|L09 ihrer gerade bedürfen, in das Gedächtniß zurückzurufen. Wir müssen sie
|L10 demzufolge, noch bevor wir sie selbst erlangen, gleichsam in bestimmte
|L11 Fächer abtheilen.

|L12 ≥ §_2. ≤
|L13 Was nun die Quellen und den Ursprung unserer Erkenntnisse anlangt:
|L14 so schöpfen wir diese letztern insgesammt entweder aus der reinen
|L15 Vernunft oder aus der Erfahrung, die weiterhin selbst die Vernunft
|L16 instruirt.

|L17 Die reinen Vernunfterkenntnisse giebt uns unsere Vernunft; Erfahrungserkenntnisse
|L18 aber bekommen wir durch die Sinne. Weil nun aber
|L19 unsere Sinne nicht über die Welt hinausreichen: so erstrecken sich auch
|L20 unsere Erfahrungserkenntnisse bloß auf die gegenwärtige Welt.
|L21 So wie wir indessen einen doppelten Sinn haben, einen äußern
|L22 und einen innern: so können wir denn auch nach beiden die Welt als
|L23 Inbegriff aller Erfahrungserkenntnisse betrachten. Die Welt, als Gegenstand
|L24 des äußern Sinnes, ist Natur, als Gegenstand des innern
|L25 Sinnes aber, Seele oder der Mensch.

|P_157_
|L01 Die Erfahrungen der Natur und des Menschen machen zusammen
|L02 die Welterkenntnisse aus. Die Kenntniß des Menschen lehrt uns
|L03 die Anthropologie, die Kenntniß der Natur verdanken wir der physischen
|L04 Geographie oder Erdbeschreibung. {&e Freilich Erfahrungen
|L05 im strengsten Sinne giebt es nicht, sondern nur Wahrnehmungen, die
|L06 zusammengenommen die Erfahrung ausmachen würden. Wir nehmen
|L07 jenen Ausdruck hier auch wirklich nur als den gewöhnlichen in der Bedeutung
|L08 von Wahrnehmungen.}

|L09 Die physische Erdbeschreibung ist also der erste Theil der Weltkenntniß.
|L10 Sie gehört zu einer Idee, die man die Propädeutik in der Erkenntniß
|L11 der Welt nennen kann. Der Unterricht in derselben scheint
|L12 noch sehr mangelhaft zu sein. Nichtsdestoweniger ist es gerade sie, von
|L13 der man in allen nur möglichen Verhältnissen des Lebens den nützlichsten
|L14 Gebrauch zu machen im Stande ist. Demzufolge wird es nothwendig, sie
|L15 sich als eine Erkenntniß bekannt zu machen, die man durch Erfahrung vervollständigen
|L16 und berichtigen kann.

|L17 Wir anticipiren unsere künftige Erfahrung, die wir nachmals in der
|L18 Welt haben werden, durch einen Unterricht und allgemeinen Abriß dieser
|L19 Art, der uns gleichsam von Allem einen Vorbegriff giebt. Von demjenigen,
|L20 der viele Reisen gemacht hat, sagt man, er habe die Welt gesehen.
|L21 Aber zur Kenntniß der Welt gehört mehr, als bloß die Welt sehen. Wer
|L22 aus seiner Reise Nutzen ziehen will, der muß sich schon im Voraus einen
|L23 Plan zu seiner Reise entwerfen, nicht aber die Welt bloß als einen Gegenstand
|L24 des äußern Sinnes betrachten.

|L25 Der andere Theil der Weltkenntniß befaßt die Kenntniß des
|L26 Menschen. Der Umgang mit Menschen erweitert unsere Erkenntnisse.
|L27 Nichtsdestoweniger ist es nöthig, für alle künftigen Erfahrungen dieser Art
|L28 eine Vorübung zu geben, und das thut die Anthropologie. Aus ihr
|L29 macht man sich mit dem bekannt, was in dem Menschen pragmatisch ist
|L30 und nicht speculativ. Der Mensch wird da nicht physiologisch, so daß
|L31 man die Quellen der Phänomene unterscheidet, sondern kosmologisch
|L32 betrachtet.*)

|L33 Es mangelt noch sehr an einer Unterweisung, wie man seine bereits
|L34 erworbenen Erkenntnisse in Anwendung zu bringen und einen seinem
|L35 {&e *) Vergl. Kants Vorrede zu seiner Anthropologie in pragmatischer
|L36 Hinsicht. Zweite Aufl. Königsb. 1800. gr. 8.}

|P_158_
|L01 Verstande, so wie den Verhältnissen, in denen man steht, gemäßen, nützlichen
|L02 Gebrauch von ihnen zu machen, oder unsern Erkenntnissen das
|L03 Praktische zu geben habe. Und dieses ist die Kenntniß der Welt.
|L04 Die Welt ist das Substrat und der Schauplatz, auf dem das Spiel
|L05 unserer Geschicklichkeit vor sich geht. Sie ist der Boden, auf dem unsere
|L06 Erkenntnisse erworben und angewendet werden. Damit aber das in Ausübung
|L07 könne gebracht werden, wovon der Verstand sagt, daß es geschehen
|L08 soll: so muß man die Beschaffenheit des Subjectes kennen, ohne
|L09 welches das erstere unmöglich wird.

|L10 Ferner aber müssen wir auch die Gegenstände unserer Erfahrung im
|L11 Ganzen kennen lernen, so daß unsere Erkenntnisse kein Aggregat, sondern
|L12 ein System ausmachen; denn im System ist das Ganze eher als
|L13 die Theile, im Aggregat hingegen sind die Theile eher da.
|L14 Diese Bewandtniß hat es mit allen Wissenschaften, die eine Verknüpfung
|L15 in uns hervorbringen, z. B. mit der Encyklopädie, wo das Ganze
|L16 erst im Zusammenhange erscheint. Die Idee ist architektonisch; sie
|L17 schafft die Wissenschaften. Wer z. E. ein Haus bauen will, der macht sich
|L18 zuerst eine Idee für das Ganze, aus der hernach alle Theile abgeleitet
|L19 werden. So ist also auch unsere gegenwärtige Vorbereitung eine Idee
|L20 von der Kenntniß der Welt. Wir machen uns hier nämlich gleichfalls
|L21 einen architektonischen Begriff, welches ein Begriff ist, bei dem das
|L22 Mannigfaltige aus dem Ganzen abgeleitet wird.

|L23 Das Ganze ist hier die Welt, der Schauplatz, auf dem wir alle Erfahrungen
|L24 anstellen werden. Umgang mit Menschen und Reisen erweitern
|L25 den Umfang aller unserer Kenntnisse. Jener Umgang lehrt uns den
|L26 Menschen kennen, erfordert aber, wenn dieser Endzweck soll erreicht werden,
|L27 viele Zeit. Sind wir aber schon durch Unterweisung vorbereitet: so
|L28 haben wir bereits ein Ganzes, einen Inbegriff von Kenntnissen, die uns
|L29 den Menschen kennen lehren. Nun sind wir im Stande, jeder gemachten
|L30 Erfahrung ihre Classe und ihre Stelle in derselben anzuweisen. Durch
|L31 Reisen erweitert man seine Kenntniß der äußern Welt, welches aber von
|L32 wenigem Nutzen ist, wenn man nicht bereits durch Unterricht eine gewisse
|L33 Vorübung erhalten hat. Wenn man demnach von diesem oder jenem sagt,
|L34 er kenne die Welt: so versteht man darunter dies, daß er den Menschen
|L35 und die Natur kenne.

|P_159_

|L01 ≥ §_3. ≤
|L02 Von den Sinnen fangen sich unsere Erkenntnisse an. Sie geben uns
|L03 die Materie, der die Vernunft nur eine schickliche Form ertheilt. Der
|L04 Grund aller Kenntnisse liegt also in den Sinnen und in der Erfahrung,
|L05 welche letztere entweder unsere eigne oder eine fremde ist.
|L06 Wir sollten uns wohl nur mit unserer eignen Erfahrung beschäftigen,
|L07 weil diese aber nicht hinreicht, alles zu erkennen, indem der Mensch in Ansehung
|L08 der Zeit nur einen kleinen Theil derselben durchlebt, also darin
|L09 wenig selbst erfahren kann, in Hinsicht auf den Raum aber, wenn er gleich
|L10 reist, vieles doch nicht selbst zu beobachten und wahrzunehmen im Stande
|L11 ist: so müssen wir uns denn auch nothwendig fremder Erfahrungen bedienen.
|L12 Diese müssen indeß zuverlässig sein, und als solche sind schriftlich
|L13 verzeichnete Erfahrungen den bloß mündlich geäußerten vorzuziehen.
|L14 Wir erweitern demnach unsere Erkenntnisse durch Nachrichten, wie
|L15 wenn wir selbst die ganze ehemalige Welt durchlebt hätten. Wir erweitern
|L16 unsere Kenntniß der gegenwärtigen Zeit durch Nachrichten von fremden
|L17 und entlegenen Ländern, wie wenn wir selbst in ihnen lebten.
|L18 Aber zu merken ist dies: Jede fremde Erfahrung theilt sich uns mit,
|L19 entweder als Erzählung, oder als Beschreibung. Die erstere ist eine
|L20 Geschichte, die andere eine Geographie. Die Beschreibung eines einzelnen
|L21 Ortes der Erde heißt Topographie. {&e - Ferner Chorographie,
|L22 d. i. Beschreibung einer Gegend und ihrer Eigenthümlichkeiten. - Orographie,
|L23 Beschreibung dieser oder jener Gebirge. - Hydrographie,
|L24 Beschreibung der Gewässer.

|L25 Anmerkung. Es ist hier nämlich von Weltkenntniß die Rede und sonach
|L26 auch von einer Beschreibung der ganzen Erde. Der Name Geographie wird
|L27 hier also in keiner andern als der gewöhnlichen Bedeutung genommen.}

|L28 ≥ §_4. ≤
|L29 Was den Plan der Anordnung betrifft: so müssen wir allen unsern
|L30 Erkenntnissen ihre eigenthümliche Stelle anweisen. Wir können
|L31 aber unsern Erfahrungs-Erkenntnissen eine Stelle anweisen, entweder
|L32 unter den Begriffen, oder nach Zeit und Raum, wo sie wirklich anzutreffen
|L33 sind.

|L34 Die Eintheilung der Erkenntnisse nach Begriffen ist die logische,
|L35 die nach Zeit und Raum aber die physische Eintheilung. Durch die
|L36 erstere erhalten wir ein Natursystem (+L Systema naturae +), wie z. B. das

|P_160_
|L01 des Linne, durch die letztere hingegen eine geographische Naturbeschreibung.
|L03 Sage ich z. B.: die Rinderart wird unter das Geschlecht der vierfüßigen
|L04 Thiere oder auch unter die Gattung dieser Thiere mit gespaltenen
|L05 Klauen gezählt: so ist dieses eine Eintheilung, die ich in meinem Kopfe
|L06 mache, also eine logische Eintheilung. Das +L Systema naturae + ist gleichsam
|L07 eine Registratur des Ganzen, wo ich alle Dinge, ein jedes in seine
|L08 ihm eigenthümlich zukommende Classe setze, mögen sie sich gleich auf der
|L09 Erde in verschiedenen, weit von einander entlegenen Gegenden vorfinden.
|L10 Zufolge der physischen Eintheilung hingegen werden die Dinge gerade
|L11 nach den Stellen, die sie auf der Erde einnehmen, betrachtet. Das
|L12 System weist die Stelle in der Classeneintheilung an. Die geographische
|L13 Naturbeschreibung aber weist die Stellen nach, an denen jene Dinge auf
|L14 der Erde wirklich zu finden sind. So sind z. B. die Eidechse und das Krokodil
|L15 im Grunde ein und dasselbe Thier. Das Krokodil ist nur eine ungeheuer
|L16 große Eidechse. Aber die Örter sind verschieden, an denen sich diese
|L17 und jenes auf der Erde aufhalten. Das Krokodil lebt im Nil, die Eidechse
|L18 auf dem Lande, auch bei uns. Überhaupt betrachten wir hier den Schauplatz
|L19 der Natur, die Erde selbst und die Gegenden, wo die Dinge wirklich
|L20 angetroffen werden. Im System der Natur aber wird nicht nach dem
|L21 Geburtsorte, sondern nach ähnlichen Gestalten gefragt.
|L22 Indessen dürfte man die Systeme der Natur, die bisher verfaßt sind,
|L23 richtiger wohl Aggregate der Natur nennen, denn ein System setzt schon
|L24 die Idee des Ganzen voraus, aus der die Mannigfaltigkeit der Dinge
|L25 abgeleitet wird. Eigentlich haben wir noch gar kein +L Systema naturae +. In
|L26 den vorhandenen sogenannten Systemen der Art sind die Dinge {&v bloß zusammengestellt
|L27 und an einander}
geordnet.

|L28 Wir können aber beides, Geschichte und Geographie, auch gleichmäßig
|L29 eine Beschreibung nennen, doch mit dem Unterschiede, daß erstere eine
|L30 Beschreibung der Zeit, letztere eine Beschreibung dem Raume nach ist.
|L31 Geschichte also und Geographie erweitern unsere Erkenntnisse in Ansehung
|L32 der Zeit und des Raumes. Die Geschichte betrifft die Begebenheiten,
|L33 die, in Ansehung der Zeit, sich nacheinander zugetragen haben.
|L34 Die Geographie betrifft Erscheinungen, die sich, in Ansehung des Raums,
|L35 zu gleicher Zeit ereignen. Nach den verschiedenen Gegenständen, mit
|L36 denen sich die letztere beschäftigt, erhält sie verschiedene Namen. Demzufolge
|L37 heißt sie bald die physische, die mathematische, die politische,

|P_161_
|L01 bald die moralische, theologische, litterarische oder mercantilische Geographie*).
|L03 Die Geschichte desjenigen, was zu verschiedenen Zeiten geschieht, und
|L04 welches die eigentliche Historie ist, ist nichts anders als eine continuirliche
|L05 Geographie, daher es eine der größten historischen Unvollständigkeiten
|L06 ist, wenn man nicht weiß, an welchem Orte etwas geschehen sei,
|L07 oder welche Beschaffenheit es damit gehabt habe.

|L08 Die Historie ist also von der Geographie nur in Ansehung des Raumes
|L09 und der Zeit verschieden. Die erste ist, wie gesagt, eine Nachricht
|L10 von Begebenheiten, die auf einander folgen, und hat Beziehung auf die
|L11 Zeit. Die andere aber ist eine Nachricht von Begebenheiten, die neben
|L12 einander im Raume vor sich gehen. Die Geschichte ist eine Erzählung,
|L13 die Geographie aber eine Beschreibung. Daher können wir denn zwar
|L14 auch eine Naturbeschreibung, aber keine Naturgeschichte haben.
|L15 Diese letztere Benennung nämlich, wie sie von Vielen gebraucht wird,
|L16 ist ganz unrichtig. Weil wir aber gewöhnlich, wenn wir nur den Namen
|L17 {&e *) Fabri in seiner Geistik S. 3 nennt noch eine Producten-Geographie. Die
|L18 gewöhnlichen Eintheilungen der Geographie findet man von ihm a. a. O. auf die
|L19 gewöhnliche Weise definirt. Aber eben diesen Definitionen hat man die lange nicht
|L20 dem Kenner gnügende Anordnung aller unserer geographischen Werke, vorzüglich über
|L21 politische Geographie, beizumessen. Mehr darüber an einem andern Orte. Die politische
|L22 Geographie wird übrigens noch in die alte, mittlere und neuere eingetheilt.

|L23 In Hinsicht auf diese letztere siehe:
|L24 Mannerts Geographie der Griechen und Römer. Nürnberg. gr. 8. Neue
|L25 Aufl. 1799.
|L26 D'Anvilles alte und mittlere Erdbeschreibung. gr. 8. Nürnberg. 1782.
|L27 Von ersterer eine neue Aufl. 1800.
|L28 Mentelle, vergleichende Erdbeschreibung a. d. Franz. gr. 8. Winterthur. 1785.
|L29 Die große Zahl der neuern die politische Geographie betreffenden Schriften, vorzüglich
|L30 von Büsching, Bruns, Ebeling, Hartmann, Gatterer, Gaspari,
|L31 Canzler und Fabri sind bekannt. Vergl. auch Crome, Europens Producte.
|L32 Dessau. 1782. 2te Aufl. Th. 1. Leipz. 1784. Nebst der Productenkarte.
|L33 v. Breitenbauch, Vorstellung der vornehmsten Völkerschaften der Welt
|L34 nach ihrer Abstammung, Ausbreitung und Sprachen. Mit 1 Karte.
|L35 Leipz. 1794. gr. 8.
|L36 Desselben Religionszustand der verschiedenen Länder der Welt in den
|L37 ältern und neuern Zeiten. Nebst Karte. das. 1794. gr. 8.
|L38 Die Litteratur der mathematischen Geographie s. weiter unten.
|L39 Bearbeitungen der Geographie nach den übrigen, oben angegebenen Gesichtspunkten
|L40 fehlen uns fast noch gänzlich.}

|P_162_
|L01 haben, mit ihm auch die Sache zu haben glauben: so denkt nun niemand
|L02 daran, wirklich eine solche Naturgeschichte zu liefern.

|L03 Die Geschichte der Natur enthält die Mannigfaltigkeit der Geographie,
|L04 wie es nämlich in verschiednen Zeiten damit gewesen ist, nicht aber,
|L05 wie es jetzt zu gleicher Zeit ist, denn dies wäre ja eben Naturbeschreibung.
|L06 Trägt man dagegen die Begebenheiten der gesammten Natur so vor, wie
|L07 sie durch alle Zeiten beschaffen gewesen, so liefert man, und nur erst dann,
|L08 eine richtig sogenannte Naturgeschichte. Erwägt man z. B., wie die verschiedenen
|L09 Racen der Hunde aus einem Stamme entsprungen sind, und
|L10 welche Veränderungen sich mit ihnen vermittelst der Verschiedenheit des
|L11 Landes, des Klima, der Fortpflanzung etc. durch alle Zeiten zugetragen
|L12 haben: so wäre das eine Naturgeschichte der Hunde, und eine solche könnte
|L13 man über jeden einzelnen Theil der Natur liefern, z. B. über die Pflanzen
|L14 u. dergl. m.*) Allein sie hat das Beschwerliche, daß man sie mehr durch
|L15 Experimente errathen müßte, als daß man eine genaue Nachricht von
|L16 allem zu geben im Stande sein sollte. Denn die Naturgeschichte ist um
|L17 nichts jünger als die Welt selbst, wir können aber für die Sicherheit unserer
|L18 Nachrichten nicht einmal seit Entstehung der Schreibekunst bürgen.
|L19 Und welch ein ungeheurer, wahrscheinlich ungleich größerer Zeitraum,
|L20 als der ist, den man uns gewöhnlich in der Geschichte darüber nachweist,
|L21 liegt jenseits derselben wohl!

|L22 Wahre Philosophie aber ist es, die Verschiedenheit und Mannigfaltigkeit
|L23 einer Sache durch alle Zeiten zu verfolgen. Wenn man die wilden
|L24 Pferde in den Steppen zahm machen könnte: so wären das sehr dauerhafte
|L25 Pferde. Man merkt an, daß Esel und Pferde aus einem Stamme
|L26 herrühren und daß jenes wilde Pferd das Stammpferd ist, denn es hat
|L27 lange Ohren. So ist ferner auch das Schaf der Ziege ähnlich, und nur
|L28 die Art der Cultur macht hier eine Verschiedenheit. So ist es auch
|L29 mit dem Weine u. dergl.

|L30 Ginge man demnach den Zustand der Natur in der Art durch, daß
|L31 man bemerkte, welche Veränderungen sie durch alle Zeiten erlitten habe:
|L32 so würde dieses Verfahren eine eigentliche Naturgeschichte geben.
|L33 Der Name Geographie bezeichnet also eine Naturbeschreibung, und
|L34 zwar der ganzen Erde. Geographie und Geschichte füllen den gesammten
|L35 {&e *) S. z. B. Ch. F. Ludwigs schönen Grundriß der Naturgeschichte der
|L36 Menschenspecies. Mit Kupf. Leipz. 1796. gr. 8.}

|P_163_
|L01 Umfang unserer Erkenntnisse aus; die Geographie nämlich den des Raumes,
|L02 die Geschichte aber den der Zeit.

|L03 Wir nehmen gewöhnlich eine alte und eine neue Geographie an, denn
|L04 Geographie ist zu allen Zeiten gewesen. {&g } Aber was war früher da, Geschichte
|L05 oder Geographie? Die letztere liegt der erstern zum Grunde, denn
|L06 die Begebenheiten müssen sich doch auf etwas beziehen. Die Geschichte ist
|L07 in einem unablässigen Fortgange; aber auch die Dinge verändern sich
|L08 und geben zu gewissen Zeiten eine ganz andre Geographie. Die Geographie
|L09 also ist das Substrat. Haben wir nun eine alte Geschichte, so
|L10 müssen wir natürlich auch eine alte Geographie haben.
|L11 Die Geographie der gegenwärtigen Zeit kennen wir am besten. Sie
|L12 dient außer andern, noch nähern Zwecken auch dazu, die alte Geographie
|L13 vermittelst der Geschichte aufzuklären. Allein unsere gewöhnliche Schulgeographie
|L14 ist sehr mangelhaft, obwohl nichts fähiger ist, den gesunden
|L15 Menschenverstand mehr aufzuhellen als gerade die Geographie. Denn
|L16 da der gemeine Verstand sich auf die Erfahrung bezieht: so ist es ihm
|L17 nicht möglich, sich ohne Kenntniß der Geographie auf eine nur einigermaßen
|L18 beträchtliche Weise zu extendiren. Vielen sind die Zeitungsnachrichten
|L19 etwas sehr Gleichgültiges. Das kommt daher, weil sie jene Nachrichten
|L20 nicht an ihre Stelle bringen können. Sie haben keine Ansicht
|L21 von dem Lande, dem Meere und der ganzen Oberfläche der Erde. Und
|L22 doch ist, wenn dort z. B. etwas von der Fahrt der Schiffe in das Eismeer
|L23 gemeldet wird, dies eine äußerst interessante Sache, {&v weil die freilich jetzt
|L24 schwerlich mehr zu hoffende Entdeckung}
oder auch nur die Möglichkeit der
|L25 Durchfahrt durch das Eismeer in ganz Europa die wichtigsten Veränderungen
|L26 zuwege bringen müßte. Es giebt schwerlich eine Nation, bei der
|L27 sich der Verstand so allgemein und bis auf die niedrigsten Volksklassen
|L28 erstreckte, als dies bei der englischen der Fall ist. Ursache davon sind die
|L29 Zeitungen, deren Lectüre einen extendirten Begriff der ganzen Oberfläche
|L30 der Erde voraussetzt, weil uns sonst alle darin enthaltenen Nachrichten
|L31 gleichgültig sind, indem wir keine Anwendung von ihnen zu machen wissen.
|L32 Die Peruaner sind in der Art einfältig, daß sie alles, was ihnen dargeboten
|L33 wird, in den Mund stecken, weil sie nicht im Stande sind einzusehen,
|L34 wie sie eine zweckmäßigere Anwendung davon machen könnten.
|L35 Jene Leute, die die Zeitungsnachrichten nicht zu benutzen verstehen, weil
|L36 sie keine Stelle für sie haben, befinden sich mit diesen armen Peruanern,
|L37 wenn nicht in einem gleichen, so wenigstens in einem sehr ähnlichen Falle.

|P_164_

|L01 ≥ §_5. ≤
|L02 Die physische Geographie ist also ein allgemeiner Abriß
|L03 der Natur, und weil sie nicht allein den Grund der Geschichte, sondern
|L04 auch den aller übrigen möglichen Geographieen ausmacht: so würden die
|L05 Hauptstücke einer jeden dieser letztern hier gleichfalls in der Kürze müssen
|L06 abgehandelt werden. Hierher gehört demnach:

|L07 1. Die mathematische Geographie, in der von der Gestalt, Größe
|L08 und Bewegung der Erde, so wie von ihrem Verhältnisse zu dem Sonnensysteme,
|L09 in dem sie sich befindet, gehandelt wird.

|L10 2. Die moralische Geographie, in der von den verschiedenen Sitten
|L11 und Charakteren der Menschen nach den verschiedenen Gegenden geredet
|L12 wird. Z. B. wenn in China und besonders in Japan der Vatermord
|L13 als das fürchterlichste Verbrechen in der Art bestraft wird,
|L14 daß man nicht nur den Missethäter selbst auf die grausamste Weise zu
|L15 Tode martert, sondern auch seine ganze Familie umbringt und alle
|L16 seine Nachbaren, {&v die mit ihm in einer Straße wohnen, in gefängliche
|L17 Verwahrung bringt.}
Man glaubt nämlich, ein solches Laster kann unmöglich
|L18 auf einmal, sondern nur nach und nach entstanden sein, daher
|L19 die Nachbaren dies bereits hätten voraussehen und es der Obrigkeit
|L20 anzeigen können. Dagegen wird es in Lappland für eine ausgezeichnete
|L21 Liebespflicht gehalten, wenn der Sohn seinen auf der Jagd
|L22 verwundeten Vater mit einer Sehne vom Rennthiere tödtet, daher sie
|L23 derselbe auch allezeit seinem geliebtesten Sohne anvertraut.

|L24 3. Die politische Geographie. Wenn der erste Grundsatz einer
|L25 bürgerlichen Gesellschaft ein allgemeines Gesetz so wie eine unwiderstehliche
|L26 Gewalt bei Übertretung desselben ist, die Gesetze sich aber
|L27 gleichfalls auf die Beschaffenheit des Bodens und der Einwohner beziehen:
|L28 so gehört die politische Geographie ebenfalls hierher, indem sie
|L29 sich gänzlich auf die physische Geographie gründet. Ergössen sich die
|L30 Ströme in Rußland südlich: so wäre das für das ganze Reich von dem
|L31 ausgezeichnetesten Nutzen, aber nun fließen sie fast alle in das Eismeer.
|L32 In Persien gab es geraume Zeit zwei Regenten, deren einer seinen
|L33 Sitz zu Ispahan, der andere aber zu Kandahar hatte. Sie vermochten
|L34 es nicht sich gegenseitig zu überwältigen, denn daran hinderte sie die
|L35 zwischen inne liegende Wüste Kerman, die größer ist als manches Meer.

|L36 4. Die mercantilische Geographie. Hat ein Land der Erde dasjenige
|L37 im Überflusse, was ein anderes gänzlich entbehren muß: so wird

|P_165_
|L01 vermittelst der Handlung in der ganzen Welt ein gleichförmiger Zustand
|L02 erhalten. Hier wird also angezeigt werden müssen, warum und woher
|L03 ein Land dasjenige im Überflusse hat, dessen ein anderes entbehren
|L04 muß. Mehr als irgend etwas hat die Handlung die Menschen verfeinert
|L05 und ihre gegenseitige Bekanntschaft begründet*).

|L06 5. Die theologische Geographie. Da die theologischen Principien
|L07 nach der Verschiedenheit des Bodens mehrentheils sehr wesentliche Veränderungen
|L08 erleiden: so wird auch hierüber die nothwendigste Auskunft
|L09 müssen gegeben werden. {&g } {&e Man vergleiche z. B. nur die christliche Religion
|L10 im Oriente mit der im Occidente und hier wie dort die noch
|L11 feinern Nuancen derselben. Noch stärker fällt dies bei wesentlich in
|L12 ihren Grundsätzen verschiedenen Religionen auf. Vergl. H. E. G.
|L13 Paulus, Memorabilien. St. 1. Leipzig 1791. S. 129. und v.
|L14 Breitenbauch in dessen zweitem, oben genannten Buche.}

|L15 Außerdem werden hier die Abweichungen der Natur in dem Unterschiede
|L16 zwischen Jugend und Alter, ferner das, was jedem Lande eigenthümlich
|L17 ist, bemerkt werden müssen. Z. B. die Thiere, jedoch nicht die
|L18 einheimischen, es sei denn, daß sie in verschiedenen Ländern auch anders
|L19 beschaffen wären. So schlagen unter andern die Nachtigallen lange
|L20 nicht so stark in Italien als in den nordischen Gegenden. Auf wüsten
|L21 Inseln bellen die Hunde gar nicht. Auch von Pflanzen, Steinen, Kräutern,
|L22 Gebirgen, usw. wird hier die Rede sein müssen.

|L23 Der Nutzen dieses Studiums ist sehr ausgedehnt. Es dient zur
|L24 zweckmäßigen Anordnung unserer Erkenntnisse, zu unserm eignen Vergnügen
|L25 und gewährt reichen Stoff zu gesellschaftlichen Unterhaltungen. {&g }

|L26 ≥ §_6. ≤
|L27 Bevor wir nun wirklich zu der Abhandlung der physischen Geographie
|L28 selbst übergehen, müssen wir nach den bereits vorangeschickten vorläufigen
|L29 Anmerkungen uns nothwendiger Weise erst noch einen Vorbegriff
|L30 von der mathematischen Geographie machen, weil wir dessen in jener
|L31 Abhandlung nur zu oft bedürfen werden. Demzufolge {&v erwähnen} wir
|L32 {&v hier der} Gestalt, Größe und Bewegung der Erde, {&e so wie ihres Verhältnisses
|L33 zu dem übrigen Weltgebäude.}

|L34 {&e *) Fabri in seiner Geistik. S. 4. giebt den Grundriß einer solchen mercantilischen
|L35 oder Handlungsgeographie.}

|P_166_

|L01 ≥ Mathematische Vorbegriffe. +
|L02 §_7. ≤
|L03 Was also zuvörderst die Gestalt der Erde betrifft: so ist dieselbe beinahe
|L04 kugelähnlich, oder, wie Newton es aus den Centralgesetzen und der
|L05 Anziehung genauer bestimmt hat, eine Sphäroide, welche Behauptung
|L06 nachmals {&v auch durch wiederholte} Beobachtungen und Ausmessungen bestätigt
|L07 ist*).

|L08 {&e Man stellt sich dabei aber die Figur der Erde so vor, als wäre sie
|L09 ganz vom Wasser umgeben, also eine hydrostatische Gestalt derselben.
|L10 Die Berge machen hier keinen Unterschied, da sie nicht einmal im Erdschatten
|L11 zu bemerken sind, und der höchste von ihnen kaum den 1.900sten
|L12 Theil des Erddurchmessers ausmacht**).}
{&e Beweise von der runden Gestalt
|L13 der Erde sind folgende:

|L14 1. Die Sonne geht nicht überall zu gleicher Zeit auf und unter, welches
|L15 geschehen müßte, wenn, was man geraume Zeit glaubte, die Erde eine
|L16 Ebene wäre. Hieraus würde indessen nur folgen, daß die Erde von
|L17 Morgen gegen Abend rund sei. Aber

|L18 2. auch die Polhöhen und Mittagshöhen sind nicht an allen Örtern dieselben.
|L19 Reisen wir um fünfzehn Meilen weiter nach Süden, so steht
|L20 der Polarstern um einen Grad niedriger und einen Grad höher,
|L21 wenn wir um eben so viel weiter nach Norden reisen, bis er uns endlich
|L22 unter dem Pole selbst in den Scheitelpunkt tritt. Daraus schließen wir
|L23 denn mit vollem Rechte auch auf eine Rundung der Erde von Norden
|L24 nach Süden.

|L25 3. Der Erdschatten bei Mondfinsternissen ist, und zwar in allen Lagen
|L26 der Erde, beständig rund.

|L27 4. Man erblickt selbst bei der unbegrenzten Aussicht auf offnem Meere
|L28 zuerst nur die äußersten Spitzen der Objecte und allmählig erst die
|L29 untern Theile derselben.

|L30 *) Vergl. Gaspari a.a.O. S. 73 u.f.
|L31 **) "Dies ist", sagt Bode, "verhältnißmäßig kaum die Dicke des Papiers,
|L32 womit ein Erdglobus von einem Fuß im Durchmesser überzogen ist." Allgem.
|L33 Betrachtungen über das Weltgebäude. Berl. 1801. 8. S. 5. Der Durchmesser
|L34 der Erde nämlich beträgt 1.720 geographische Meilen, jede, dem mittlern Umfange
|L35 nach, zu 3.811 8/15 Toisen. Der höchste Berg unserer Erde dagegen, der Chimborasso,
|L36 hält nur eine Höhe von 3.567 Pariser Fuß weniger als eine solche Meile.}

|P_167_
|L01 {&e 5. Man hat die Erde nach allen Gegenden umschifft, was nicht möglich
|L02 gewesen wäre, hätte sie keine runde Gestalt*).}

|L03 {&v Jene vorhin erwähnte sphäroidische Gestalt der Erde rührt daher,}
|L04 weil alle Materie, die nach den Polen zu liegt, sich zufolge der Gesetze der
|L05 Schwere und der Schwungkraft gegen den Äquator hin sammelt und um
|L06 denselben anhäuft, welches auch geschehen würde, wenn die Erde ganz
|L07 vom Wasser umflossen wäre, und zwar deshalb, weil um den Pol gar
|L08 keine, bei dem Äquator aber die stärkste Bewegung stattfindet, daher auch
|L09 der Durchschnitt, welcher durch die beiden Pole geht {&e (die Erdaxe)}, kleiner
|L10 ist als der Äquator. Newton hat bewiesen, daß ein jeder sich frei bewegender
|L11 Körper diese Gestalt annehmen müsse.

|L12 Ist nun aber die Figur der Erde eine Sphäroide: so giebt es auch
|L13 Antipoden, die wie wir den Himmel über sich und die Erde unter ihren
|L14 Füßen haben. Die gemeine Meinung, als müßten diejenigen, die unter
|L15 uns wohnen und uns die Füße zukehren, herunterfallen, ist pöbelhaft,
|L16 denn nach den Gesetzen der Schwere, die aus der Anziehung der Erde
|L17 entspringen, muß sich alles auf der Erde nach dem Mittelpunkte derselben
|L18 bewegen, so daß auch nicht das kleinste Partikelchen sich von ihr zu entfernen
|L19 im Stande ist. {&e Wenn ein Körper durch die Erde auf die andere,
|L20 entgegenstehende Seite derselben fallen könnte: so würde er nicht unten,
|L21 sondern wieder oben sein. Denn ein Körper, der eben so viel steigt, als
|L22 er gefallen war, steht nicht unten, sondern oben. Jeder Körper fällt nur
|L23 bis in das Centrum; von da an muß er wieder steigen. Die Kraft aber,
|L24 die ihn bis in das Centrum trieb, würde ihn auch weiter treiben,triebe
|L25 ihn nicht seine Schwere dagegen wieder zurück. Man kann hiermit die
|L26 Lehre vom Pendel vergleichen.}

|L27 Weil nun das bisher bekannt gewordene feste Land nebst den Bergen
|L28 beinahe allein auf der einen und zwar nördlichen Halbkugel der Erde,
|L29 das Wasser aber hauptsächlich auf der entgegengesetzten Hemisphäre befindlich
|L30 ist: so hat man vermuthet, daß auch im Süden noch ungleich
|L31 mehr Land, als bis jetzt entdeckt ist, vorhanden sein müsse, und zwar aus
|L32 dem Grunde, {&v weil man sich sonst keine Auskunft darüber zu geben im
|L33 Stande war, wie}
die Erde ihr Gleichgewicht behalten könne. Man sollte
|L34 {&e *) Ein ziemlich genaues Verzeichniß dieser Reisen um die Welt, wie man sie zu
|L35 nennen pflegt, giebt Fabri a. a. O. S. 10. u. f. Auch zählt er die ältern Meinungen
|L36 von der Gestalt der Erde S. 7. u. f. auf. Noch mehrere Gründe für die runde Gestalt
|L37 der Erde liefert fast jede physische Geographie.}

|P_168_
|L01 vermuthen, die Leute stellten sich die Erde wie ein Schiff vor, in dem des
|L02 Gleichgewichtes wegen eine Seite nicht stärker beladen sein darf als die
|L03 andere. Das ist aber nur bei einem schwimmenden Körper erforderlich.
|L04 wollte man annehmen, daß die Erde nach einem Punkte außer sich ihren
|L05 Lauf richte: dann wäre es freilich nöthig, ein solches Gleichgewicht anzunehmen,
|L06 allein auf der Erde hat alles seine Schwere nach dem Mittelpunkte.
|L07 Hier ziehen sich alle Theile und ein Körper den andern an, ja,
|L08 je größer seine Masse ist, um so stärker ist seine Anziehung. Da nun
|L09 die Erde vor allen auf ihr befindlichen Körpern die bei weitem größte
|L10 Masse hat: so muß sie alle andere Körper auch am stärksten anziehen,
|L11 und daraus entspringt die Schwere aller Körper gegen die Erde.
|L12 Der Umschwung der Erde, der noch außer der Anziehung nöthig ist,
|L13 ist eine Kraft, vermöge der alle Körper von der Erde würden weggeschleudert
|L14 werden, wenn nicht die in ihrer Wirkung ungleich stärkere Schwere
|L15 dies verhinderte. Unter den Polen haben die Körper ihre vollste Schwere,
|L16 weil dort die Schwungkraft gerade am schwächsten ist. {&v Am stärksten ist
|L17 sie dagegen unter dem Äquator, und daher wird denn dort auch der Unterschied
|L18 der Schwere am merklichsten.}
Wollten wir annehmen, die Erde
|L19 sei eine {&v wirkliche Kugel, kein Sphäroid,} und es befände sich nirgend Wasser
|L20 auf ihrer Oberfläche, aber irgendwo ein Berg: so müßte dieser, er sei an
|L21 welchem Orte er wolle, allmählig dem Äquator näher rücken, bis er sich
|L22 endlich gänzlich unter ihm befände. Oder gäbe es unter denselben Umständen
|L23 zwei solcher Berge auf der Erde, so würden beide sich äquilibriren.
|L24 Die Schwungkraft ist demnach vermögend, die Materie dem Äquator
|L25 immer näher zu bringen. {&g } Obgleich die Bewegung sehr geringe ist,
|L26 so ist sie dennoch, da sie unaufhörlich stattfindet, {&v keineswegs ohne alle
|L27 Wirkung. Wie wir denn überhaupt auch nicht}
die kleinste Kraft je als
|L28 völlig nichtsbedeutend betrachten dürfen, denn, wäre sie auch noch so geringe,
|L29 so muß sie doch durch ihre wiederholte und vielfältige Äußerung
|L30 endlich eine gewisse Größe erreichen und hervorbringen. {&v Das kleinste
|L31 Insect}
stößt bei seinem Sprunge die Erde zurück; allein, wie sich die
|L32 Masse des Insectes zu der Masse der ganzen Erde verhält: so verhält sich
|L33 auch der Stoß des Insectes zu der Bewegung der Erde, die durch diesen
|L34 Stoß entsteht. {&g } Man darf sich also gar nicht daran stoßen, daß man
|L35 glaubte, die Pole der Erde dürften verrückt werden, indem etwa der Materie
|L36 mehr von einer Seite der Erde auf die andere übergehe.
|L37 {&v So dürfen denn nun auch die Länder der Erde auf beiden Hemisphären

|P_169_
|L01 nicht in Ansehung des Gleichgewichtes in gegenseitiger Proportion
|L02 stehen.}
Die Ursache ist diese: die Erde ist keine völlige Kugel, sondern
|L03 abgeplattet oder ein Sphäroid, welches ein jeder flüssiger Körper
|L04 wird, sobald er sich {&e regelmäßig} bewegt.

|L05 Die Erde ist demnach unter dem Äquator erhaben oder {&v um vier und
|L06 eine halbe bis sechs}
deutsche Meilen höher als unter den Polen. Wir
|L07 haben also unter dem Äquator einen Berg von {&v gegen sechs} Meilen Höhe.
|L08 Im Verhältnisse zu diesem Berge machen alle übrigen Berge und Länder
|L09 nicht den eintausendsten Theil aus, indem der Fuß der ansehnlichsten
|L10 Berge nur eine halbe Meile beträgt, dahingegen jener sich um den ganzen
|L11 Äquator ausdehnt. Vermag also das gesammte feste Land der Erde es
|L12 nicht, jenen Berg aus seiner Stelle zu rücken, so kann sich auch die Axe der
|L13 Erde nicht verschieben, sondern sie bleibt beständig dieselbe. Diese Gestalt
|L14 und Abplattung der Erde nun ist dem allen zufolge eine ganz natürliche
|L15 Wirkung der gegenseitig wirkenden Schwungkraft und Anziehung.

|L16 ≥ §_8. ≤
|L17 Die Größe der Erde beträgt dem Umfange nach 5.400 Meilen, deren
|L18 also 1.720 auf den Durchmesser derselben zu zählen sind. Weil aber eine
|L19 Meile für den fünfzehnten Theil des Grades angenommen ist, jeder Cirkel
|L20 aber, er sei groß oder klein, 360 Grade hält, deren jeder in 15 Theile
|L21 kann getheilt werden: so werde ich im Stande sein, jeder, auch der kleinsten
|L22 Kugel, schlechthin ein Maß von 5.400 Meilen beizulegen, denn
|L23 wenn ich die 360 Grade des kleinsten Cirkels durch den fünfzehnten Theil
|L24 eines Grades, also mit 15 multiplicire: so bekomme ich die Summe
|L25 von 5.400. Demnach weiß ich also so gut wie gar nichts, wenn ich bloß
|L26 weiß, daß die Erde 5.400 Meilen im Umfange habe, deren jede der fünfzehnte
|L27 Theil eines Grades ist. Es muß daher das hier gemeinte Meilenmaß
|L28 genauer bestimmt werden.

|L29 In Sachsen giebt es eine zwiefache Meile, nämlich eine Polizeimeile,
|L30 die 30.000 Werkschuhe hält, und eine geographische Meile von 2.000 rheinländischen
|L31 Ruthen oder 24.000 Werkschuhen. Ein geometrischer Schritt,
|L32 oder der eintausendste Theil einer deutschen Viertelmeile, macht 5 Fuß
|L33 oder nach der neuesten Ausrechnung 6 rheinländische Fuß aus. {&e Mit
|L34 andern Worten: der sechzigste Theil eines Grades der Erde ist eine Minute
|L35 der Erde.}
Der eintausendste Theil einer solchen Minute aber ist
|L36 ein geometrischer Schritt. {&e Wenn nun eine geographische Meile 24.000

|P_170_
|L01 Werkschuhe beträgt, solcher Meilen aber 15 auf einen Grad gehen: so
|L02 beläuft sich die Größe einer Minute der Erde auf eine Viertelmeile und
|L03 hat 6.000 Werkschuhe Länge.}
Folglich hat der eintausendste Theil dieser
|L04 Minute 6 Fuß, und das ist der geometrische Schritt. {&e Nach älteren
|L05 Messungen hatte eine geographische Meile nur 20.000 Schuhe, folglich
|L06 die Viertelmeile oder Minute der Erde auch nur 5.000 und der geometrische
|L07 Schritt nur 5 Fuß.}

|L08 Eine Klafter oder eine Toise ist dasselbe, was bei den Schiffern
|L09 ein Faden und in der Sprache der Bergleute ein Lachter heißt. Er
|L10 beträgt 6 Fuß oder 5 Dresdner Ellen.

|L11 {&e Anmerkung. In Rücksicht auf das neue französische Maß ist zu bemerken,
|L12 daß jeder Viertelkreis in 100 Grade getheilt wird. Jeder Grad hält
|L13 100 Minuten, jede Minute 100 Secunden. Der gewöhnliche Grad verhält sich
|L14 zu dem neufranzösischen wie 60 zu 54, oder wie 10 zu 9, die alte Minute des
|L15 Kreises zur neuen wie 60 zu 32,4, die alte Secunde zur neuen wie 1 zu 0,324.
|L16 S. v. Zach, Allgem. geograph. Ephemeriden. Bd. 1. S. 91, in
|L17 welcher trefflichen Zeitschrift man, so wie über andere Gegenstände der mathematischen
|L18 und physischen Geographie, so auch über ältere und neuere Erd- und
|L19 Grademessungen überaus viel Schönes antrifft. Zu dem im Obigen von der
|L20 geographischen Meile Gesagten muß man nothwendig noch vergleichen: Gehlers
|L21 physikalisches Wörterbuch. Th. +Z 3. + S. 186. u. f., so wie die Meilentafel
|L22 bei Gaspari a. a. O. S. 80. u. f.}

|L23 ≥ §_9. ≤
|L24 Die Erde hat eine Bewegung von Abend gegen Morgen, daher erfolgt
|L25 der Aufgang der Sonne und der Gestirne in entgegengesetzter Richtung
|L26 der Erdbewegung, das heißt, von Morgen gegen Abend.
|L27 Die Bewegung des Sternhimmels ist nur scheinbar, denn weil wir
|L28 die Bewegung der Erde, auf der wir uns befinden, nicht wahrnehmen:
|L29 so haben wir eine scheinbare Bewegung des Himmels, wissen aber nicht,
|L30 ob sich der Himmel oder die Erde bewege. {&v Es ist hier derselbe Fall,} als
|L31 wenn ein Schiff auf offner stiller See vor Anker liegt, ein anderes Schiff
|L32 aber, auf dem ich mich etwa befinde, von dem Meerstrome getrieben wird:
|L33 so weiß ich nicht, welches von beiden Schiffen sich bewege, ob das erste
|L34 oder das letztere. Gerade in derselben Art wissen denn auch wir nicht, ob
|L35 der Sternhimmel oder ob wir unsere Stelle verändern. Der Beweis, daß
|L36 die Erde nicht stille stehe, sondern daß gerade sie es sei, die sich bewege,
|L37 mußte mit ungemeiner Subtilität geführt werden.

|P_171_
|L01 Hätte die Erde gar keine Bewegung: so würden auch keine Cirkel
|L02 auf derselben bestimmt sein. Da sie nun im Gegentheil aber eine zwiefache
|L03 Bewegung hat, eine nämlich um ihre Axe oder ihre tägliche, die
|L04 andere um die Sonne oder ihre jährliche Bewegung: so originiren sich
|L05 daher folgende Punkte und Linien:

|L06 +Z 1. + Aus der Bewegung der Erde um ihre Axe entstehen:
|L07 1. Zwei Punkte, die gar keine Bewegung haben, sondern fest sind, und
|L08 um welche sich die ganze Erde bewegt. Diese heißen Pole, nämlich
|L09 Süd- und Nordpol. Die Linie aber, die ich mir durch beide
|L10 Pole gezogen denke, kann die Axe heißen. Sonach haben wir schon
|L11 auf der Kugelfläche, auf der wir gewöhnlich nichts unterscheiden,
|L12 zwei Punkte und eine Linie. Da die Axe aber innerhalb der Kugel
|L13 liegt, so geht sie uns für jetzt nichts weiter an.

|L14 2. Durch jene beiden Punkte, die Pole, kann ein Kreis gezogen werden,
|L15 der die Erde der Hälfte nach durchschneidet, und dieser ist der Meridian.
|L16 Nun kann man unendlich viele Meridiane ziehen, weil man
|L17 aus den beiden Punkten viele Kreise zu ziehen im Stande ist.
|L18 Aber wie ziehe ich nun den Meridian eines jeden Ortes? - Diese
|L19 Frage begründet eine neue Art von Punkten, die durch jeden Zuschauer
|L20 bestimmt werden und nicht beständig sind.

|L21 In der Mitte der Erde nämlich muß ich, wie in jeder Kugel oder
|L22 Kreisfläche, ein Centrum annehmen. Von diesem kann ich durch
|L23 meinen Standpunkt über meinen Kopf hinaus und von da wieder
|L24 durch das Centrum herab eine Linie ziehen. Dies ist dann der
|L25 Zenith und Nadir, die ein jeder für und durch sich selbst bestimmt.
|L26 Zwischen zwei Punkten kann nur eine Linie gezogen werden. In
|L27 der Erde ist ein Punkt und über mir gleichfalls einer. Beide begrenzen
|L28 eine und dieselbe Linie. Jeder Einzelne hat also seinen
|L29 Zenith, weil ein jeder eine Linie aus dem Centrum über sich heraus
|L30 zu ziehen im Stande ist. Demnach kann auch ein jeder seinen eignen
|L31 Meridian haben. Viele Örter indessen haben einen und denselben
|L32 Meridian, wie z. B. Königsberg und das {&v Vorgebirge der guten
|L33 Hoffnung.}

|L34 Jeder Meridian theilt die Erde in zwei Theile, den östlichen und
|L35 den westlichen. Diejenigen Örter aber, welche unter einem und
|L36 demselben Meridian liegen, sind nicht östlich oder westlich, sondern
|L37 südlich und nördlich unterschieden, indem hier ein Ort nur näher

|P_172_
|L01 nach Süden oder Norden als ein anderer liegen kann. Doch
|L02 müssen in jedem Meridian selbst wieder zwei Theile unterschieden
|L03 werden, in so fern er nämlich der Meridian unsers Ortes und
|L04 demnächst auch der Meridian unserer Antipoden ist. Wenn die
|L05 Sonne bei uns den Mittag macht: so befindet sie sich in unserm Meridian.
|L06 Zur Mitternachtsstunde hingegen steht sie in dem Meridian
|L07 unserer Antipoden.

|L08 Es giebt also so viele Meridiane, als sich verschiedene Standpunkte
|L09 um die Erde von Osten nach Westen denken lassen.

|L10 3. Durch die Umdrehung der Erde um ihre Axe wird noch eine Linie
|L11 bestimmt, und diese ist der Äquator, der von beiden Polen gleich
|L12 weit entfernt, in dem aber die Bewegung der Erde am stärksten
|L13 ist. Denn je näher den Polen, um so kleiner werden die Cirkel,
|L14 also auch die Bewegung. Die Linie, die gleich weit von beiden
|L15 Polen absteht, theilt ebenfalls die Erde in zwei gleiche Theile, nämlich
|L16 in die südliche und nördliche {&v Halbkugel}. Der Meridian konnte
|L17 vielfach sein, aber es giebt nur eine einzige gleich weit von beiden
|L18 Polen abstehende {&v Kreislinie}, die dadurch also determinirt ist. Die
|L19 durch diese Linie entstandenen beiden Hälften der Erde werden Hemisphären
|L20 genannt. Zwar theilt, wie schon gesagt, auch jeder Meridian
|L21 die Erde in zwei Hemisphären, nur daß diese freilich nicht
|L22 durch die Natur bestimmt sind. Örter unter einem Meridian sind
|L23 nach Süden und Norden, aber nicht nach Osten und Westen unterschieden.
|L24 dagegen sind unter dem Äquator die Örter nach Osten
|L25 und Westen, nicht aber nach Süden und Norden verschieden. Wie
|L26 also der Meridian zum Unterschiede von Osten nach Westen dient:
|L27 so dient der Äquator zum Unterschiede von Norden und Süden.
|L28 Nun hat jeder Cirkel 360 Grade, also auch der Äquator. Dieser
|L29 giebt die Bestimmung, um wie viele Grade ein Ort von Osten
|L30 nach Westen absteht. {&v Da nun aber die Frage entsteht,} von wo
|L31 aus man dabei eigentlich anfangen soll die Grade zu zählen, indem
|L32 der Äquator {&e eine Kreislinie} ist, die keinen festen Anfangspunkt
|L33 hat, an der man also nach Belieben wählen kann: so hat man
|L34 nun auch wirklich nach Belieben einen ersten Punkt auf dem Äquator
|L35 angenommen, von dem man anfängt die Grade des Äquators
|L36 zu zählen. Dieser erste Punkt ist vermittelst der Ziehung eines
|L37 Meridians durch die Insel Ferro angenommen, von wo aus man

|P_173_
|L01 den Äquator und zwar von Westen nach Osten hin in die bestimmten
|L02 Grade abtheilt, weil die Bewegung der Erde eben diese
|L03 ist*).

|L04 Wir haben demnach zwei {&v Kreislinien}, die einander rechtwinklicht
|L05 durchschneiden. Will ich nun den Unterschied der Lage zweier Örter,
|L06 namentlich z. B. von Königsberg und Moskwa, in Hinsicht auf ihre
|L07 Lage von Westen nach Osten erfahren: so ziehe ich den Meridian
|L08 beider Städte, und beide Meridiane durchschneiden den Äquator.
|L09 Demzufolge zählt man denn den Unterschied der Grade auf dem
|L10 Äquator. Der Bogen zwischen den beiden Meridianen und die Zahl
|L11 der Grade macht alsdann den Unterschied in der Lage der Örter von
|L12 Westen nach Osten bemerkbar.

|L13 Alle Grade des Meridians sind Grade der Breite und alle Grade
|L14 des Äquators sind Grade der Länge. Was bedeutet denn aber die
|L15 Breite und Länge eines Ortes? - Die Breite ist die Entfernung
|L16 eines Ortes vom Äquator und wird auf dem Meridian abgezählt;
|L17 die Länge aber ist die Entfernung eines Ortes von dem Meridian
|L18 und wird auf dem Äquator abgezählt, und zwar von Westen nach
|L19 Osten. Sie wird auch die Länge des Meeres genannt und ist wegen
|L20 Einerleiheit der Gestalt des Himmels schwer ausfindig zu machen.
|L21 Die Breite läßt sich hingegen leicht auffinden, weil sich bei der Veränderung
|L22 der Breite auch jederzeit die Gestalt des Himmels verändert,
|L23 und weil sie überdies der Polhöhe gleich ist. Es giebt aber,
|L24 so wie zwei Hemisphären, so auch eine zwiefache Breite, eine nördliche
|L25 nämlich und eine südliche. Die größte mögliche Breite beläuft
|L26 sich auf 90 Grade, und dieses ist der Pol. Die Örter unter dem
|L27 Äquator haben ganz und gar keine Breite.

|L28 In Hinsicht auf die Länge ist noch zu merken, daß, da man sie
|L29 von Westen an zu zählen beginnt, jeder Ort auch nur eine östliche
|L30 Länge haben sollte. So würde z. B. Philadelphia 320 Grade
|L31 östliche Länge haben, obgleich diese Stadt nur um 40 Grade von

|L32 *) Es wäre zu wünschen, daß es einmal in Bestimmung des ersten Meridians
|L33 zu einer Einigung käme. {&e Bei der durch die Natur gar nicht begrenzten
|L34 Willkür, haben denn Andere auch einen andern ersten Meridian festgesetzt. So giebt
|L35 es außer dem genannten noch: 1) einen Meridian von Greenwich. Er steht von
|L36 dem auf Ferro um 17 Grad 41 Minuten östlich ab. 2) Der Meridian von Flores, mit 13 Grad 26 Min. 30 Sek.
|L37 westlichem Abstande von Ferro.}

|P_174_
|L01 dem ersten Meridian entfernt ist, nämlich wenn wir von Osten
|L02 aus die Grade zurückzählen. Zählen wir dagegen die östliche Länge
|L03 ab: so müssen wir mit dem ersten Grade beginnen und von ihm
|L04 die übrigen Grade herum um die ganze Erde abzählen. {&e Die Länge
|L05 sollte also ein für allemal und immer entweder bloß östlich oder bloß
|L06 westlich bestimmt werden.}
Man ist indessen häufig davon abgegangen,
|L07 weil es zu weitläuftig schien, immer die ganze Zahl der
|L08 Grade herumzuzählen. Daher sagt man denn nun auch entweder,
|L09 Philadelphia hat 40 Grade westliche oder 320 Grade östliche Länge.
|L10 Außer dem Äquator giebt es noch andere, mit ihm parallel laufende
|L11 {&v Kreislinien oder Cirkel}, deren Zahl sich sehr vergrößern ließe.
|L12 Sie heißen Tagescirkel (+L circuli diurni +). Durch diese Parallelkreise
|L13 wird die Verschiedenheit der Lage der Länder bestimmt, welche man
|L14 durch den Namen der Klimate bezeichnet.

|L15 Örter, die in einem und demselben Parallelkreise liegen, haben
|L16 einerlei Breite, so wie Örter, die unter einem Meridian liegen, auch
|L17 eine gleiche Länge haben, und das daher, weil die erstern gleich
|L18 weit vom Äquator, die letztern aber gleich weit von dem ersten Meridian
|L19 entfernt sind.

|L20 Örter, die in einem Parallelkreise befindlich sind, haben ein und
|L21 dasselbe {&e (wie sich von selbst versteht, geographische, nicht physische)}
|L22 Klima, da hingegen die, welche unter einem Meridian liegen, verschiedene
|L23 Klimate haben, indem der Meridian durch alle Parallelkreise
|L24 hinläuft. Gegenden, die sich auf einer verschiedenen Hemisphäre
|L25 befinden, aber gleich weit von dem Äquator entfernt sind, haben ein
|L26 gleiches Klima. - Örter, die unter einem Meridian liegen, haben
|L27 zu einer und derselben Zeit Mittag. Örter aber, die in einem Parallelkreise
|L28 liegen, haben zwar nicht gleichzeitig Mittag, indessen
|L29 einerlei Tageslänge, welches wieder nicht im entgegengesetzten Falle
|L30 von Örtern gilt, die einerlei Meridian haben. {&e Unter dem Äquator,
|L31 wo die Polhöhe und Ascensionaldifferenz - 0 ist, ist die Länge des
|L32 Tages sich zu jeder Zeit gleich, und zwar von 12 Stunden. Eine
|L33 solche gleiche Tag- und Nachtlänge findet aber nur zweimal im Jahre
|L34 für die seitwärts von dem Äquator nach den Polen hin liegenden
|L35 Gegenden statt, am 20. März nämlich und am 23. September, wenn
|L36 die Sonne gerade im Äquator steht. Steigt sie von da aus höher
|L37 über der nördlichen Halbkugel herauf, so verlängern sich die Tage

|P_175_
|L01 auf dieser und werden kürzer auf der südlichen Halbkugel, so wie
|L02 dies umgekehrt der Fall ist, wenn sie sich in der Ekliptik mehr dem
|L03 Südpole nähert.

|L04 Der längste Tag für die nördliche Halbkugel ist der 21. Juni, für
|L05 die südliche der 21. December, so wie dieses der kürzeste auf jener
|L06 und jenes der kürzeste auf dieser ist. Der längste Tag z. B. in
|L07 Königsberg beträgt 17 Stunden und 4 Minuten, der kürzeste 6
|L08 Stunden und 56 Minuten. Unter den Polen währt der Tag ein
|L09 halb Jahr, unter dem Südpole vom 23. September bis zum 20. März,
|L10 unter dem Nordpole vom 20. März bis zum 23. September, und
|L11 eben so giebt es dort eine halbjährige, durch Nordlichte u. dergl.
|L12 indessen erträglicher gemachte Nacht.}

|L13 Die Alten theilten die Erde in der Art in Klimate ein, daß, wo der
|L14 Tag um eine ganze Stunde länger wurde, ein neues Klima begann.
|L15 So haben wir bisher bloß die Bewegung der Erde um ihre Axe
|L16 erwogen und näher kennen gelernt.

|L17 +Z 2. + Eine zweite Bewegung der Erde ist die ihres jährlichen Laufes oder
|L18 ihres Umlaufes um die Sonne. Der hier zu bemerkende Cirkel ist
|L19 die Bahn der Erde oder die scheinbare Sonnenbahn. Die Erde
|L20 aber bewegt sich dabei in einem Cirkel, dessen Mittelpunkt die Sonne
|L21 ist. Machte die Axe der Erde einen rechten Winkel mit der Erdbahn,
|L22 oder stände jene immer perpendiculär auf dieser: so befände sich
|L23 die Sonne auch fortwährend in dem Äquator und würde jederzeit
|L24 eine Tag- und Nachtgleiche bewirken, aber auch den Jahreszeitenwechsel
|L25 für die ganze Erde aufheben. So aber steht die Axe nun
|L26 wirklich nicht perpendiculär auf jener Bahn, sondern weicht von einer
|L27 solchen Stellung um 23_1/2 Grade ab *).

|L28 Hat die Erde nun dem vorhin Gesagten zufolge eine schiefe Richtung
|L29 gegen die Sonne: so folgt daraus, daß auch ein Hemisphär von der
|L30 {&e *) Man hat noch nicht an ein Zusammenstellen der Abweichung der Ekliptik
|L31 mit der Abweichung des magnetischen Pols gedacht. Vielleicht könnten die Resultate
|L32 einer solchen für die Physik selbst von Wichtigkeit werden. S. de la Lande,
|L33 Astronom. Handbuch. A. d. Franz. Leipz. 1775. gr. 8. § 794. u. f. Auch Gehlers
|L34 Physikal. Wörterbuch. Leipz. 1798. gr. 8 Th. +Z 4. + S. 622. u. f. Magnetism und
|L35 Elektricität sind vielleicht nur als Producte der Länge und Breite verschieden. Die
|L36 Gründe für diese Meinung an einem andern Orte. Neuerdings finde ich auch in den
|L37 Ideen Schellings etwas mit dieser Meinung Übereinstimmendes.}

|P_176_
|L01 Sonne entlegener sein müsse als ein anderes, und daß daraus eben der
|L02 Wechsel der Jahreszeiten entstehe. Die Bewegung dabei hat das Besondere,
|L03 daß die Erde mit der Bewegung um die Sonne jederzeit einerlei
|L04 Richtung der Axe hat. Die Stellung der Axe in Ansehung der Bahn ist
|L05 dieselbe. {&e Die Axe nämlich bleibt sich durch das ganze Jahr parallel, und
|L06 die Schiefe der Axe auf der Fläche ihrer Bahn bleibt sich immer gleich.
|L07 Wäre das nicht der Fall: so könnte die Sonne nur einer Erdhälfte sichtbar
|L08 werden.}
Am 21. December steht die Erde im Norden, also ist die
|L09 nördliche Seite der Erde der schiefen Richtung wegen von der Sonne
|L10 abgelegener, folglich ist es Winter. Alsdann bescheint die Sonne die
|L11 Erde nicht einmal bis zu dem Nordpole hin, sondern der größte Theil der
|L12 nördlichen Erdhemisphäre {&v entbehrt ihres Lichtes,} und wo es noch einen
|L13 Tag giebt, da wird er zu dieser Zeit verhältnißmäßig kürzer.
|L14 Wenn aber die Erde am 21. März gerade in Westen steht, so befindet
|L15 sich die Sonne im Äquator, und alle haben einen gleich langen Tag, so
|L16 wie eine gleich lange Nacht, indem die Sonne gleichmäßig beide Pole bescheint.
|L17 Um den 21. Juni beleuchtet die Sonne den größten Theil der
|L18 nördlichen Hemisphäre, {&v und die Gegend des Südpols ist im Schatten,}
|L19 also dort der Tag länger als die Nacht, gerade das Gegentheil von dem,
|L20 was in Rücksicht des 21. Decembers vorhin bemerkt wurde. Am 21. September
|L21 endlich steht die Sonne wieder im Äquator, folglich ist dann zum
|L22 zweiten Male im Jahre Tag und Nacht gleich.

|L23 Der Unterschied der Jahreszeiten beruht demnach auf der schiefen
|L24 Stellung der Erde in ihrer Bahn. Stände die Erde noch schiefer:so wäre
|L25 im nördlichen Theile oder im Winter gar kein Tag und im südlichen
|L26 Theile oder im Sommer gar keine Nacht. {&g }
|L27 Aus dieser Bewegung der Erde nun um die Sonne entstehen folgende
|L28 Kreise:

|L29 1. Die {&v Wendekreise (+L Tropici +)}, welche durch die Punkte gezogen werden,
|L30 in denen die Sonne ihre höchste Entfernung von dem Äquator erreicht,
|L31 und von denen sie dann sich allmählig wieder dem Äquator
|L32 nähert. Auf jeder Hemisphäre befindet sich einer dieser {&v Wendekreise},
|L33 und zwar in einem Abstande von 23 Grad 30 Minuten von dem Äquator. Sie
|L34 machen eben die Schiefe der Ekliptik aus, {&v bei deren Mangel} diese in
|L35 den Äquator fallen und dadurch der Jahreszeitenwechsel aufgehoben
|L36 würde. Die Abweichung der Ekliptik beträgt demnach 23 Grad 30 Minuten.
|L37 Die Sonne steht zu irgend einer Zeit in dem Scheitelpunkte eines

|P_177_
|L01 jeden zwischen den Wendecirkeln liegenden Ortes, aber sie tritt niemals
|L02 in den Scheitelpunkt eines Ortes, der außerhalb den Wendecirkeln
|L03 liegt. Dort leuchtet sie bis auf den Boden eines tiefen Brunnens,
|L04 hier bescheint sie dagegen bloß die eine Seite desselben.

|L05 2. Die Polarkreise werden in einer {&v Entfernung} von 23 Grad 30 Minuten von den
|L06 Polen gezogen, und auf jeder Halbkugel befindet sich einer von ihnen.
|L07 Alle innerhalb den Polarkreisen gelegene Länder haben wenigstens
|L08 einmal im Jahre keinen Aufgang und keinen Untergang der Sonne.

|L09 3. Endlich müssen wir auch eines Kreises Erwähnung thun, der
|L10 weder durch die Bewegung der Erde um ihre Axe, noch durch ihre
|L11 Bewegung um die Sonne, sondern der durch die Optik erzeugt wird.
|L12 Dieses ist der Horizont, welcher ein Cirkel ist, der vom Zenith und
|L13 Nadir gleich weit absteht.

|L14 ≥ §_10. ≤
|L15 Die Zonen oder {&v Cirkelstriche} der Erde sind folgende:

|L16 1. {&v Die heiße Zone}. Sie liegt zwischen den beiden {&v Wendekreisen}. Weil
|L17 der Äquator die Erde in zwei Hemisphären theilt, so kann man sagen,
|L18 daß es zwei heiße Zonen giebt, nämlich auf jeder Halbkugel eine. Es
|L19 wird also eine nördliche und eine südliche heiße Zone geben.

|L20 2. {&v Die zwei gemäßigten Zonen}. Diese liegen zwischen den Wende-
|L21 und Polarkreisen und heißen deswegen so, weil gegen die Mitte derselben
|L22 die meisten Menschen und Thierarten zu leben im Stande sind.
|L23 Jedoch ist es in denselben näher an den {&v Wendekreisen} oft heißer als
|L24 am Äquator selbst, weil die Sonne hier länger in der Nähe des
|L25 Scheitelpunktes steht, und es länger Tag ist als unter dem Äquator,
|L26 wo beständig Tag und Nacht gleich sind, also die Nacht lang genug
|L27 ist, um eine {&v erforderliche Abkühlung der Erde zu bewirken.}

|L28 3. {&v Die zwei kalten Zonen} liegen zwischen den Polarkreisen und
|L29 den Polen auf beiden {&v Hemisphären}.

|L30 Die Zonen haben ihre Beziehung auf die Tageslänge der Gegenden.
|L31 Die heiße Zone nämlich begreift alle diejenigen {&v Gegenden (Örter)} in
|L32 sich, an denen der Tag und die Nacht ziemlich gleich lang sind. Alle
|L33 Örter in dieser Zone haben die Sonne in jedem Jahre zweimal über
|L34 ihrem Scheitelpunkte. Die {&v gemäßigten Zonen} hingegen befassen alle
|L35 diejenigen Örter unter sich, an denen auch der längste Tag noch immer
|L36 nicht 24 Stunden beträgt. Die in dieser Zone gelegenen Länder haben
|L37 die Sonne niemals über ihrem Scheitelpunkte, sie haben aber das

|P_178_
|L01 ganze Jahr hindurch einmal in 24 Stunden abwechselnd Tag und
|L02 Nacht. In den {&v kalten Zonen} endlich liegen diejenigen Örter, an denen
|L03 der längste Tag ein halbes Jahr währt. Der längste Tag ist also
|L04 immer länger, je näher man den Polen kommt. Die etwanigen Bewohner
|L05 der Gegenden unter den Polen würden den Äquator zum Horizonte
|L06 haben, folglich bliebe die Sonne ein ganzes halbes Jahr hindurch
|L07 beständig in ihrem Horizonte.

|L08 {&e ≥ §_11. ≤
|L09 Wir haben bisher von den Kreislinien und Veränderungen geredet,
|L10 die durch die Bewegung der Erde um die Sonne auf der erstern veranlaßt
|L11 werden. Aber es giebt der Weltkörper mehrere, die in gewisser Hinsicht
|L12 einen nähern unleugbaren Einfluß auf die Erde haben, wenn sich
|L13 derselbe gleich vor der Hand nicht von allen gleichmäßig ausführlich, sondern
|L14 von dem einen mehr als von dem andern darthun läßt. - Den Inbegriff
|L15 solcher in einem nähern gemeinschaftlichen Verhältnisse gegen einander
|L16 stehenden Weltkörper nennt man nun ein Sonnensystem. Es besteht
|L17 ein solches aber aus einem selbstleuchtenden und mehreren dunkeln
|L18 Körpern, die von jenem ihr Licht erhalten. Die letzteren heißen Planeten,
|L19 die ersteren Sonnen, oder in Beziehung auf andere, von dem unsrigen
|L20 verschiedenen Sonnensysteme Fixsterne.

|L21 Wandellos fest, nur einmal in 25 Tagen und etwa 12 Stunden um
|L22 ihre eigne Axe sich drehend, steht die Sonne im Mittelpunkte unseres
|L23 Systems und verbreitet ihr Licht, wie über unsere Erde, so auch über alle
|L24 sich in bestimmten größern oder kleinern Kreisen um sie drehenden und
|L25 daher Planeten (Irrsterne) genannten Weltkörper*).

|L26 Die Sonne hat eine fast anderthalb millionenmal unsern Erdkörper
|L27 überwiegende Größe und ihr Durchmesser beträgt 193.871,35 Meilen.
|L28 Ob sie ein festerer oder ein lockererer Körper ist als die Erde, ob sie an sich
|L29 eine Lichtmasse ist, oder woher ihr das Licht und die Wärme kommen,
|L30 die sie um sich her verbreitet, darüber giebt es der möglichen Meinungen
|L31 viele, so wie über die dunkeln sowohl als vorzüglich leuchtenden Stellen,
|L32 die sich auf ihrer Oberfläche vorfinden, und von denen die erstern Sonnenflecken,
|L33 die andern aber Sonnenfackeln genannt werden.

|L34 *) Ganz eigentlich steht die Sonne zwar nicht in dem Mittelpunkte ihres
|L35 Systems, sondern nur beinahe. Auch leugnen wir im Obengesagten keineswegs das
|L36 Fortrücken der Sonne und ihres ganzen Systems im Weltgebäude.

|P_179_
|L01 Zu dem Systeme unserer Sonne gehören, so weit wir es kennen,
|L02 sieben Planeten, von denen der Mercur seinen Umlauf in einer mittlern
|L03 Entfernung von acht Millionen, die Venus von fünfzehn Millionen, die
|L04 Erde von vierundzwanzig, Mars von einunddreißig, Jupiter von einhundertundzehn,
|L05 Saturn von einhundertneunundneunzig und Uranus
|L06 von vierhundert Millionen Meilen um die Sonne hat.
|L07 Mercur hat einen Durchmesser von 608 Meilen oder etwa ein
|L08 Drittheil des Erddurchmessers. (S. Bode, Astronom. Jahrb. f. d.
|L09 Jahr 1803. Berl. 1800. 8. Aufsatz +Z 12. +). Die Zeit seines Umlaufes
|L10 um die Sonne, also eines Jahres in ihm, beträgt 87 Tage, 23 und
|L11 eine Viertelstunde. Das Sonnenlicht bedarf, um ihn zu erreichen, nur
|L12 3 Minuten 8 Secunden.
|L13 Der Durchmesser der Venus beträgt 1.615 Meilen, ihre Umlaufzeit
|L14 um die Sonne aber 224 Tage und 17 Stunden. Die Strahlen der Sonne
|L15 erreichen sie nach 5 Minuten und 52 Secunden. Ihr zunächst wälzt
|L16 sich die
|L17 Erde einmal in 365 Tagen, 5 Stunden und 48 Minuten um die
|L18 Sonne, von der sie nach 8 Minuten 7 Secunden ihr Licht erhält. Jenseits der Erde und
|L19 ihr am nächsten steht der
|L20 Mars, der nur 920 Meilen im Durchmesser hält und seinen Umlauf
|L21 um die Sonne innerhalb 686 Tagen, 23 Stunden und 30 1/2 Minuten
|L22 zurücklegt, wobei er nur in einer Zeit von 12 Minuten und 22 Secunden das Sonnenlicht
|L23 erst auffängt.
|L24 Jupiter hat einen Durchmesser von 18.920 Meilen. Ein Jahr in
|L25 ihm beträgt eilf unserer gemeinen Jahre, 315 Tage, 14 Stunden, 27 Minuten
|L26 und 11 Secunden. Das Sonnenlicht bedarf einer Zeit von 42 Minuten 13 Secunden, ehe es diesen
|L27 Planeten erreicht.
|L28 Saturn hält 17.160 Meilen im Durchmesser, und sein Jahr beläuft
|L29 sich auf 29 unserer gemeinen Jahre, 167 Tage, 1 Stunde, 51 Minuten
|L30 und 11 Secunden. Siebenzehn Minuten und 25 Secunden über
|L31 eine Stunde sind dazu erforderlich, daß die Sonnenstrahlen ihn erreichen.
|L32 Der letzte erst seit dem Jahre 1781 uns bekannte Planet unseres Sonnensystems
|L33 ist:
|L34 Uranus. Bei einem Durchmesser von 8.665 astronomischen Meilen
|L35 beträgt ein einziges Jahr auf ihm nach unserer Jahrrechnung 84 gemeine
|L36 Jahre, 8 Tage, 18 Stunden und 14 Minuten, und das Licht erreicht
|L37 ihn erst nach 2 Stunden und 36 Minuten.

|P_180_
|L01 Alle diese Planeten haben wie unsere Erde eine sphäroidische Gestalt,
|L02 nur daß einige von ihnen bald mehr bald minder abgeplattet oder
|L03 bei den Polen eingedrückt sind, welches indessen nicht immer, wie man
|L04 vermuthen sollte, von ihrer, wenigstens uns bekannten langsamern oder
|L05 schnellern Rotation abzuhängen scheint, wie dies z. E. am Mars zu ersehen
|L06 ist, dessen Axenlänge sich zum Durchmesser seines Äquators fast wie
|L07 15 zu 16 verhält, der also eine stärkere Abplattung hat als die Erde,
|L08 ohngeachtet sein Volumen weit geringer und seine Axendrehung um
|L09 vieles langsamer ist.

|L10 Unsere Unbekanntschaft mit einem achten oder mehrern andern Planeten
|L11 unseres Sonnensystems ist übrigens kein entscheidender Beweis,
|L12 daß es deren wirklich keine mehr gebe. Vielmehr läßt uns der ungeheure
|L13 Abstand des Uranus von dem nächsten Fixsterne (dieser dürfte von unserer
|L14 Sonne wenigstens um 200.000 Halbmesser der Erdbahn oder vier Billionen
|L15 Meilen weit entfernt sein) vermuthen, daß es jenseits desselben der Planeten
|L16 noch mehrere gebe. So wie es sogar aus vollwichtigen Gründen
|L17 wahrscheinlich wird, daß selbst innerhalb der bekannten Grenzen unseres
|L18 Sonnensystems, namentlich zwischen dem Mars und Jupiter, ein noch
|L19 unentdeckter Planet vorhanden sein dürfte*).

|L20 Mehrere dieser Planeten haben ihre Trabanten oder Monde, die
|L21 außer ihrer eignen Axendrehung sich nicht nur um ihre Planeten, sondern
|L22 auch mit diesen zugleich um die Sonne drehen. Dergleichen Planeten
|L23 sind nun:
|L24 1) Die Erde mit einem Monde.
|L25 2) Jupiter mit vier Monden.
|L26 3) Saturn mit sieben Monden, und
|L27 4) Uranus mit sechs Monden.

|L28 In Betreff der Venus ist es wenigstens noch nicht als ausgemacht
|L29 anzusehen, ob sie einen solchen Begleiter wirklich habe, indessen läßt es
|L30 sich auch nicht mit zureichenden Gründen behaupten, daß sie, Mercur

|L31 *) Piazzi zu Palermo wollte am 1sten Januar 1801 einen Kometen in der
|L32 Gestalt eines Sternes achter Größe und ohne merklichen Nebel entdeckt haben. Nach
|L33 den Beobachtungen Piazzis aber glaubt Bode nun berechtigt zu sein, diesen vermeintlichen
|L34 Kometen für jenen zwischen Mars und Jupiter als befindlich angenommenen
|L35 Planeten halten zu dürfen. Die berühmten Astronomen: v. Zach, Oriani
|L36 und selbst Piazzi stimmen ihm bei. S. Berl. Haude- und Spenersche Zeitung
|L37 1801. No. 57.

|P_181_
|L01 und Mars seiner nothwendig entbehren müßten. Übrigens hat Saturn
|L02 außer seinen Monden noch einen bisher an keinem andern Planeten entdeckten
|L03 Ring, der ihn in einer Entfernung von mehr als sechstehalb tausend
|L04 Meilen umgiebt, und gleichfalls ein dunkler und fester Körper zu
|L05 sein und zur Verstärkung des Sonnenlichts auf jenem Planeten zu dienen
|L06 scheint. Ob auch Uranus zwei dergleichen, und zwar nicht in einander
|L07 liegende, sondern concentrische Ringe habe, wie Herschel muthmaßte,
|L08 darüber muß die Bestätigung noch abgewartet werden.
|L09 Unter allen diesen Begleitern der Planeten interessirt uns hier zunächst
|L10 nur der unserer Erde, der Mond, welcher sich, wie die Planeten
|L11 um die Sonne, in einer elliptischen Bahn um unsern Erdkörper dreht,
|L12 und daher demselben bald näher steht (Perigäum) in einer Entfernung
|L13 von 48.020 Meilen, bald aber auch 54.680 Meilen von ihm entfernt ist,
|L14 (Apogäum). Diese Verschiedenheit im Stande der Planeten zur Sonne
|L15 heißt Perihelium und Aphelium, jenes beträgt in Hinsicht auf die Erde
|L16 23.852, dieses 24.667 Erdhalbmesser.

|L17 Zu seinem Umlaufe um die Erde von Abend gegen Morgen bedarf
|L18 der Mond eines Zeitraums von 27 Tagen und 8 Stunden, obwohl, weil
|L19 auch die Erde mittlerweile auf ihrer Bahn um die Sonne fortrückt, von
|L20 einem Neumonde bis zum andern 29 Tage und 13 Stunden verfließen.
|L21 Die Zeit seiner Axendrehung ist aber der seines eigentlichen Umlaufs um
|L22 die Erde gleich, woraus denn von selbst folgt, was ein allgemeines Gesetz
|L23 aller Trabanten zu sein scheint, daß er uns nur immer eine und dieselbe
|L24 Seite zukehrt.

|L25 Der Durchmesser des Mondes beträgt nur 468 Meilen. Er ist ein
|L26 dunkler und fester Körper wie unsere Erde, der sein Licht gleichfalls von
|L27 der Sonne erhält. Befindet er sich zwischen dieser und der Erde, so verbirgt
|L28 er uns das Licht der Sonne, und es ist Neumond. Rückt er allmählig
|L29 nach Osten auf seiner Bahn um die Erde fort, so wird seine uns
|L30 zugekehrte Westseite erleuchtet, und nachdem er so 90 Grade seiner Kreisbahn
|L31 zurückgelegt hat, haben wir das erste Viertel. Je näher er dem
|L32 180ten Grade seiner Bahn kommt, um so weiter wird er erhellt, bis er
|L33 in jenem Grade der Sonne gerade gegenüber steht und unsern Vollmond
|L34 macht. Auf seinem immer fortgesetzten Laufe nimmt nun die westliche
|L35 Erleuchtung allmählig wieder ab, so daß er im 270 Grad seiner Bahn
|L36 nur noch auf der östlichen Hälfte hell ist und sich, wie wir sagen, im
|L37 letzten Viertel befindet. Je mehr er sich alsdann der Sonne nähert,

|P_182_
|L01 um so mehr nimmt auch dieses Licht ab, bis er wieder zwischen die
|L02 Sonne und Erde tritt.

|L03 Die Oberfläche des Mondes ist der unserer Erde sehr ähnlich, nur
|L04 daß sich auf ihr kein Meer oder keine so großen Flüsse vorfinden, dagegen
|L05 aber giebt es weit größere Gebirge, welches alles das Vorhandensein
|L06 vieler Vulcane verräth. Ob der Mond eine Atmosphäre wie die unsrige,
|L07 ob er gar keine oder einen feinern Dunstkreis habe, ist noch nicht entschieden;
|L08 das letzte aber das Wahrscheinlichste. Übrigens findet auf ihm,
|L09 wie sich dies mit aus dem vorhin Gesagten ergiebt, auch kein Jahreszeitenwechsel
|L10 wie der unsrige statt, noch eine solche Verschiedenheit von
|L11 Tages- und Nachtlänge.

|L12 Die Verfinsterungen, die der Mond erleidet, entstehen, wenn die
|L13 Erde mehr oder minder zwischen ihn und die Sonne tritt und ihm dadurch
|L14 das Licht dieser letztern entzieht, so wie er dagegen in einem ähnlichen
|L15 Falle eine sogenannte Sonnenfinsterniß auf der Erde bewirkt. Übrigens
|L16 hat der Mond einen unleugbaren Einfluß auf die Erde, wie Ebbe und
|L17 Fluth dies beweisen. Wie weit sich derselbe aber in seinem ganzen Umfange
|L18 erstreckt, ist bisher mehr die Sache der Muthmaßung und des Aberglaubens
|L19 als der sichern Einsicht gewesen. Möglich indessen, daß diese
|L20 einst durch Angabe der Ursachen manche Behauptung jener zur Evidenz
|L21 erhebt*). So viel von dem Monde!

|L22 Noch giebt es außer diesen Haupt- und Nebenplaneten eine unbestimmbar
|L23 große Menge anderer Weltkörper, die in langen und schmalen
|L24 elliptischen Bahnen sich durch unser Sonnensystem bewegen und Kometen
|L25 heißen. Bis jetzt sind etwa 93 derselben in ihren Bahnen berechnet.
|L26 Höchst wahrscheinlich bestehen sie aus einem feinern Stoffe, als der der
|L27 Planeten ist. Sie durchkreuzen von Osten nach Westen und umgekehrt
|L28 in allen möglichen Richtungen die Planetenbahnen, tauchen sich in die
|L29 Sonnenatmosphäre und eilen dann weit davon wieder über die Bahn des
|L30 Uranus hinaus. Nach allen Beobachtungen und Erfahrungen hat die
|L31 Erde indessen nie etwas mit Grund von dem Zusammentreffen mit irgend
|L32 einem Kometen zu fürchten.

|L33 *) Welche Bewandtniß es mit der Ebbe und Fluth in der Atmosphäre habe, und
|L34 wodurch sie bewirkt werde, ist noch ungewiß; indessen erwähnt ihrer Hr. v. Humboldt
|L35 als von ihm in Amerika beobachtet, und vor ihm Francis Balfour.
|L36 S. 201 u. f. der +E Dissertations and miscellaneous pieces, relating to the history etc. +
|L37 +E of Asia. By W. Jones. Vol. + +Z 4. + +E Lond. 1798. + '

|P_183_
|L01 Anmerkung. Da sich hier bloß das Nothwendigste über die mathematische
|L02 Geographie beibringen ließ, so mag für den, der sich genauer hierüber zu
|L03 unterrichten wünscht, folgendes Verzeichniß dahin gehöriger Schriften hier seine
|L04 Stelle finden.

|L05 Fried. Mallet, allgem. oder mathematische Beschreibung der
|L06 Erdkugel, aus dem Schwedischen übersetzt von L. Th. Röhl. Greifswalde
|L07 1774. gr. 8.
|L08 Walchs ausführliche mathematische Geographie, zweite Aufl.
|L09 Göttingen 1794.
|L10 Kästner's weitere Ausführung der mathematischen Geographie.
|L11 Daselbst 1795.
|L12 J. H. Voigt, Lehrbuch einer populären Sternkunde. Weimar 1799.
|L13 J. E. Bode, Anleitung zur Kenntniß des gestirnten Himmels.
|L14 Berlin 1800. Siebente Aufl. gr. 8.
|L15 LA PLACE, +F Exposition du systeme du monde. + Paris 1796. 2 Vol. 8.
|L16 Übersetzt von Hauff, Frankf. a. M. 1798. 2 Bde. gr. 8.
|L17 Auch gehören hierher vorzüglich:
|L18 v. Zach, allgemeine geographische Ephemeriden. Weimar 1798.
|L19 1799. Fortgesetzt seit 1800 von Gaspari und Bertuch.
|L20 v. Zach, Monatliche Correspondenz. Gotha 1800 und 1801.}

|L21 ≥ Abhandlung +
|L22 der +
|L23 physischen Geographie. +
|L24 §_12. ≤

|L25 Wir gehen jetzt zur Abhandlung der physischen Geographie selbst
|L26 über und theilen sie ab:

|L27 +Z 1. + In den allgemeinen Theil, in dem wir die Erde nach {&v ihren
|L28 Bestandtheilen und das, was zu ihr gehört,}
das Wasser, die Luft
|L29 und {&v das Land untersuchen.}

|L30 +Z 2. + In den besondern Theil, in welchem von den besondern Producten
|L31 und Erdgeschöpfen die Rede ist.

|P_184_

|L01 ≥ Erster Theil. +
|L02 Erster Abschnitt. +
|L03 Vom Wasser. +

|L04 §_13. ≤
|L05 Die Oberfläche der Erde wird in das Wasser und in das feste Land
|L06 abgetheilt. Hier werden wir zuvörderst nicht von den Flüssen, Strömen
|L07 und Quellen, sondern von dem Meerwasser als der Mutter aller Gewässer
|L08 reden, weil jene nur Producte der Erde sind und von dem Meere ihren
|L09 Ursprung haben. {&e Indessen wollen wir doch noch einige Bemerkungen über
|L10 das Wasser im Allgemeinen vorausschicken.

|L11 ≥ §_14. ≤
|L12 Die am allgemeinsten vorhandene tropfbare Flüssigkeit ist das
|L13 Wasser. Als solche wird es aus dem Luftkreise im Regen niedergeschlagen,
|L14 dringt in die Erde, quillt aus ihr in Flüssen, Teichen und Seen hervor,
|L15 bildet das Weltmeer und macht einen Bestandtheil fast aller übrigen
|L16 Körper aus. Kein Wunder ist es also, wenn schon Thales es für den
|L17 Urquell aller andern Stoffe hielt. Selbst späterhin glaubte man sich in
|L18 dieser Meinung dadurch bestätigt zu sehen, daß man bei Destillationen
|L19 und andern Versuchen Erde daraus abgesondert zu haben wähnte. Die
|L20 Ungültigkeit dieser Versuche ist durch Aufdeckung des dabei stattfindenden
|L21 Irrthums zur Gnüge dargethan. Dagegen haben andere Experimente
|L22 auf die sehr wahrscheinliche Vermuthung geführt, daß das Wasser aus
|L23 Wasserstoff und Sauerstoff bestehe, und zwar in einer Mischung, die bei
|L24 einhundert Theilen, 15 des erstern und 85 des letztern enthält. In wie fern
|L25 uns die neuesten, mit der Galvani-Voltaischen Batterie angestellten Versuche
|L26 hierüber mit Sicherheit eines andern belehren dürften, steht für jetzt
|L27 wenigstens noch dahin. Übrigens hat man mit Wahrscheinlichkeit annehmen
|L28 zu können geglaubt, daß das Wasser durch chemische Veränderung
|L29 selbst wohl in atmosphärische Luft übergehen möge.

|L30 Nach Maßgabe der Temperatur erscheint uns das Wasser in einer
|L31 dreifachen Gestalt, nämlich als Eis, als Wasser und als Dämpfe. So
|L32 sehr man daher Recht hat, wenn man es auf einer Seite für einen flüssigen
|L33 Körper erklärt: so kann man doch mit eben dem Rechte von ihm behaupten,
|L34 daß es ein fester Körper sei.

|P_185_
|L01 Als ein solcher erscheint es uns bis zum 0 Grade nach Reaumür
|L02 oder dem 32ten Grade des Fahrenheit'schen Thermometers und besteht
|L03 dann aus Krystallen, die sich unter einem Winkel von 60 Graden durchkreuzen.
|L05 Tritt aber eine größere Masse Wärmestoff hinzu, dann erst erscheint
|L06 uns jener bisher fester Körper als Flüssigkeit oder Wasser, welche Gestalt
|L07 es aber wieder bei einer Wärme von 80 Graden Reaumür oder 212 Graden
|L08 Fahrenheit mit der eines Dampfes vertauscht, der selbst bei dem heitersten
|L09 Himmel immer noch in der Atmosphäre vorhanden ist, und die
|L10 Luft erst bei einer etwa eintretenden Verdichtung seiner als Thau, Reif,
|L11 Nebel oder Wolken trübt und minder durchsichtig macht.

|L12 Das Wasser ist selten oder nie in seinem natürlichen Zustande ganz
|L13 rein vorhanden, indem es nicht nur ein Auflösungsmittel vorzüglich der
|L14 Salze, sondern auch vieler andern Stoffe ist. Noch am unvermischtesten
|L15 mit andern Stoffen trifft man es als Regen oder Schnee an. Minder
|L16 rein sind die Brunnen- und Quellwasser, und unter diesen wieder die
|L17 harten weniger als die weichen, indem jene mit erdigen Mittelsalzen geschwängert
|L18 sind. Am stärksten ist die fremdartige Beimischung in dem
|L19 Mineralwasser, zu dem theils auch das Meerwasser kann gezählt werden.
|L20 Erst durch eine sorgsame Destillation erhält man ganz reines Wasser, und
|L21 dieses ist an sich keiner Fäulniß fähig, sondern eine völlig durchsichtige,
|L22 farbe-, geschmack- und geruchlose, keiner Entzündung fähige, tropfbare
|L23 Flüssigkeit.

|L24 So viel für diese Stelle. Mehr hierüber kann man nachlesen in den
|L25 bekannten physischen und chemischen Werken von Lavoisier, Girtanner,
|L26 Hermbstädt, Gren, Hildebrand, Hube, Grimm, Gehler und Andern.
|L27 Dabei vergleiche man Otto's schönes System einer allgemeinen
|L28 Hydographie des Erdbodens. Berlin 1800. gr. 8. S. 8-50.
|L29 und in Hinsicht auf die neuesten Galvani-Volta'schen Versuche, Voigts
|L30 Magazin für den neuesten Zustand der Naturkunde. Band 2.
|L31 St. 2.}

|L32 ≥ §_15. ≤
|L33 Das allgemeine Wasser ist gleichsam ein großes Behältniß und ein
|L34 tiefes Thal, in dem sich das auf der Erde befindliche Wasser gesammelt
|L35 hat. Das feste Land ist nur eine Erhöhung über demselben. Es ist auf
|L36 der Erde ungleich mehr Wasser als festes Land befindlich, und dieses bildet,
|L37 da es ringsum von Wasser umgeben wird, gleichsam eine große Insel.

|P_186_
|L01 Das allgemeine, das Land umfließende Wasser nennt man den Ocean,
|L02 so wie das allgemeine Land das Continent. Dieses letztere ist schwer
|L03 zu bestimmen, da es beinahe kein solches giebt, indem es der Ocean fast
|L04 überall und wie ein allgemeiner Archipelagus umschließt.
|L05 Von dem Continente in dieser Bedeutung verschieden, benennt man
|L06 mit diesem Namen auch jedes zusammenhängende Land von beträchtlicher
|L07 Ausdehnung, das man eben dadurch von einem minder großen, vom Meere
|L08 umflossenen Lande oder einer Insel unterscheidet. {&e Will man demnach ein
|L09 Land, das sich etwa 450 deutsche Meilen nach jeder Richtung ausdehnt
|L10 (Siehe Philipps Reise nach Neu-Süd-Wallis in Forsters Magazin
|L11 merkwürdiger neuer Reisebeschreibungen Band 1. Seite 6.)
|L12 mit jenem Namen belegen: so hätten wir ein dreifaches Continent in letzterer
|L13 Bedeutung. Das erste besteht aus den drei Welttheilen: Europa,
|L14 Asien und Afrika, das andere aus Amerika, das dritte endlich aus Neuholland.
|L15 Umgekehrt aber und wenigstens mit eben so vielem Rechte nennt
|L16 man auch das gesammte feste Land eine Insel. Siehe DIONYSII Periegesis.
|L17 v. 4.

|L18 Die Oberfläche der Erde hat eine Ausdehnung von mehr als neun
|L19 Millionen Quadratmeilen, von denen das Meer oder der Ocean 6 1/2, das
|L20 feste Land noch nicht 2_1/2 Millionen Quadratmeilen beträgt.}

|L21 Ein Wasser, das viele Inseln umschließt, nennt man Archipelagus,
|L22 so wie dagegen ein Wasser, das vom Lande umgeben wird, ein inländisches,
|L23 Mittel- oder mittelländisches Meer heißt. - Was ein inländisches
|L24 Meer in Ansehung des Wassers ist, das ist eine Insel in Beziehung
|L25 auf das Land, denn das erste ist in eben der Art mit Land, wie
|L26 das andere mit Wasser umgeben. Die Wasser, welche Salz enthalten,
|L27 werden Meere genannt; auch einige der inländischen Meere enthalten
|L28 Salz, und obgleich sie vom Ocean getrennt sind, so haben sie doch einen
|L29 Zusammenhang unter einander und werden gleichfalls mit dem Namen
|L30 Meere belegt.

|L31 Der Ocean ist die Mutter {&v aller Gewässer} auf der Erde, denn er bedeckte
|L32 zuerst die Erde, die hernach aus seinem Schooße hervortrat. Die
|L33 Abtheilung des Oceans ist zum Theil willkürlich, zum Theil aber auch
|L34 der Natur gemäß. Unter dem Pole heißt er das Eis-Meer, weiter
|L35 hinab das große Atlantische, und zwischen {&v Asien und Amerika}, das
|L36 Pacifische {&v oder Stille Meer}. Ein Busen oder Golf wird dasjenige
|L37 Gewässer genannt, das sich in das Land hinein erstreckt und von demselben

|P_187_
|L01 umschlossen wird, jedoch mit einem Theile der See zusammenhängt.
|L02 Er ist also nichts anderes als ein von einer Seite geöffnetes mittelländisches
|L03 Meer, nur muß seine Länge größer als seine Breite sein, denn ist er
|L04 breiter als länger, so heißt er eine Bai, wiewohl beides {&v häufig mit einander
|L05 verwechselt}
wird, denn ein Busen ist in Ansehung des Landes der
|L06 Halbinsel entgegengesetzt, welche ein Land ist, das sich in das Wasser
|L07 erstreckt, von demselben umschlossen ist, aber doch an einer Seite mit dem
|L08 festen Lande zusammenhängt. So ist Italien eine Halbinsel und das
|L09 Adriatische Meer ein Busen. {&e Mit dem Namen einer Bucht belegt man
|L10 eine kleinere Bai.}
Eine Straße oder Meerenge ist ein Gewässer, das
|L11 auf zwei Seiten von dem festen Lande umgeben ist, an zwei andern Stellen
|L12 aber mit dem Wasser zusammenhängt. Der Straße steht auf dem festen
|L13 Lande der Isthmus entgegen, der in einem schmalen, von zwei Seiten
|L14 mit Wasser umgebenen Landstriche besteht. Das Mittelländische Meer
|L15 wäre mit Recht ein Busen des Oceans zu nennen, weil es von demselben
|L16 nicht gänzlich abgeschnitten ist. Da aber die Straße bei Gibraltar im
|L17 Verhältnisse zu der Größe dieses Meeres selbst sehr enge ist, so wird es
|L18 als von ihm getrennt angesehen.

|L19 ≥ Die merkwürdigsten Meerbusen sind: ≤

|L20 ≥ +Z 1. + In Europa: ≤
|L21 {&e A. Das Mittelländische Meer, als ein großer Busen des Weltmeeres,
|L22 in dem sich außer dem +I Golfo d'Otranto + noch das Adriatische
|L23 Meer als ein mittlerer Busen befindet, unter dem wieder als
|L24 noch kleiner begriffen sind, der}

|L25 a) +I Golfo di Venezia + und
|L26 b) +I Golfo di Genua. + Dann
|L27 B. Das Biscayische Meer im Norden von Spanien und westlich
|L28 von Frankreich.
|L29 C. Die Ostsee mit den beiden kleinern Meerbusen:
|L30 a) dem Bottnischen tief herein in Schweden.
|L31 b) Dem Finnischen zwischen Schweden und Rußland.
|L32 D. Das Weiße Meer, ein Golf des Eismeeres bei Archangel.

|L33 ≥ +Z 2. + In Asien. ≤
|L34 A. Der Arabische Meerbusen oder das Rothe Meer. Eine westliche
|L35 Grenzscheide Asiens gegen Afrika.

|P_188_
|L01 B. Der Persische Meerbusen zwischen Persien und der Halbinsel
|L02 Arabien, in den sich der Euphrat und Tigris ergießen.
|L03 C. Der Bengalische {&e zwischen den beiden Halbinseln des Ganges.}
|L04 D. Der Siamische {&e zwischen Malakka, Siam und Kambodscha.}
|L05 E. Der Penschinskische zwischen Kamtschatka und der Tatarei.

|L06 ≥ +Z 3. + In Afrika. ≤
|L07 A. Der Meerbusen von Guinea auf der Westseite von Afrika, neben
|L08 Guinea.
|L09 {&e B. Der Meerbusen Sydra im Norden von Tripolis.
|L10 C. Der Meerbusen Gabes östlich bei Tunis.}

|L11 ≥ +Z 4. + In Amerika. ≤
|L12 A. Der Mexikanische, im Süden von Florida.
|L13 B. Der Busen von Campeche, nördlich der Halbinsel Yucatan.
|L14 C. Die Bai von Honduras, südöstlich derselben Halbinsel.
|L15 D. Der Meerbusen von Darien, östlich der Erdenge von Panama.
|L16 E. Der Meerbusen von Panama, südlich von dieser Erdenge.
|L17 F. Der Californische Meerbusen, zwischen Californien und Neu-
|L18 Mexiko.
|L19 G. Die Hudsonsbai, {&e zwischen Neubritannien.}

|L20 {&e ≥ +Z 5. + In Australien ≤ befindet sich der im Norden gelegene Meerbusen
|L21 von Carpentaria.}

|L22 ≥ Die berühmtesten Straßen {&e oder Meerengen} nun sind:

|L23 +Z 1. + In Europa. ≤
|L24 A. Die Straße bei Gibraltar, bei den Holländern schlechtweg die
|L25 Straße, daher die nach der Levante fahrenden Schiffer, Straßenfahrer
|L26 genannt werden. Sie ist zwar vier Meilen breit, kommt
|L27 aber den Schiffern wie gegraben vor, weil die Küsten sehr hoch und
|L28 steil sind.
|L29 B. Die Straße von Caffa verbindet das Asow'sche mit dem Schwarzen
|L30 Meere.
|L31 C. Die Straße von Constantinopel verbindet das Schwarze Meer
|L32 mit dem Marmor-Meere.
|L33 D. Die Dardanellen sind der Canal zwischen dem Marmor-Meere
|L34 und dem Mittelländischen. {&g }

|P_189_
|L01 E. Der Canal, schlechtweg so genannt, oder +F la Manche +, auch +F Pas de +
|L02 +F Calais +, zwischen Frankreich und England.
|L03 F. Der St. Georgen-Canal. Bei den Holländern heißt er auch
|L04 der umgekehrte Canal zwischen England und Irland.
|L05 G. Der Sund (dieser Name bezeichnet so viel als Untiefe),zwischen
|L06 der Insel Seeland und Schweden.
|L07 H. Der kleine und der große Belt, jener zwischen der Insel Seeland
|L08 und Fünen, dieser zwischen Fünen und der Halbinsel Jütland.

|L09 ≥ +Z 2. + In Asien. ≤
|L10 A. Die Straße Babelmandab oder Bab-el-mandeb, d. h. die Trauer-
|L11 oder Tränenpforte, weil hier viele Schiffe scheitern. Sie verbindet
|L12 das Rothe Meer mit dem Indischen.
|L13 B. Die Straße von Ormus, einer der ehemahligen berühmtesten
|L14 Marktplätze der Welt, verbindet den Persischen Meerbusen mit dem
|L15 Arabischen Meere.
|L16 C. Die Straße von Malakka, zwischen der gleichnamigen Halbinsel
|L17 und der Insel Sumatra.
|L18 D. Die Straße Sunda, zwischen den Inseln Sumatra und Java.
|L19 Daher auch der Name der Sundainseln und des Sundameers.
|L20 {&e Auch kann man noch merken: die Meerenge Makassar, zwischen
|L21 den Inseln Borneo und Celebes.}

|L22 ≥ +Z 3. + In Afrika + ist bloß die Straße von Mozambique zwischen Afrika
|L23 und der Insel Madagaskar. ≤

|L24 ≥ +Z 4. + In Amerika, + und zwar
|L25 1. In Nordamerika. ≤
|L26 A. Die Straße Davis, nach der westlichen Küste von Grönland.
|L27 Die Fischer, welche hierher auf den Häringsfang gehen, heißen
|L28 Davisfahrer.
|L29 B. Die Hudsonsstraße zwischen Baffinland und Labrador.
|L30 C. Die Straße von Bahama, zwischen Ostflorida und der Insel
|L31 Cuba.
|L32 ≥ 2. In Südamerika. ≤
|L33 A. Die Magellanische Straße, 80 Meilen lang, zwischen der Insel
|L34 +S del Fuego + und Patagonien.

|P_190_
|L01 B. Die Straße +F le Maire +, zwischen +S del Fuego + und der Staaten-Insel.
|L02 Einige schiffen durch die erstere, Andere durch die letztere in das
|L03 Südmeer aus dem Atlantischen Ocean.

|L04 {&e ≥ +Z 5. + In Australien. ≤
|L05 Die Providencestraße zwischen Neuholland und Neuguinea.}

|L06 ≥ §_16. ≤
|L07 Was nun die Figur und Gestalt des Wassers betrifft, so ist dasselbe
|L08 dem unermeßlichen Raume gleich und hat eigentlich gar keine Figur,
|L09 sondern giebt diese vielmehr dem Lande. Allein da man bemerkt hat, daß
|L10 fast alle Flüsse in Amerika, Europa und dem größten Theile {&v Afrikas} sich
|L11 in das Atlantische Meer ergießen; daß sich ferner zwischen Amerika und
|L12 Asien nur eine kleine {&v Trennung} befindet, {&g } ja, daß man sogar, wenn Paris
|L13 zum Standpunkte gewählt wird, fast alles Land wie auf einer einzigen
|L14 Halbinsel {&v gewahr wird}: so läßt es sich mit Wahrscheinlichkeit vermuthen,
|L15 daß das Atlantische Meer ehemals ein großes Bassin gewesen, und das
|L16 darin befindliche Wasser gewissermaßen den Damm ausgerissen und auf
|L17 solche Art eine Communication mit dem übrigen Gewässer erhalten habe.
|L18 Man nimmt in der That nicht ohne Grund an, daß das Wasser vom
|L19 Lande gleichsam eingeschränkt worden und daher eine Figur gehabt habe,
|L20 wovon wir Gelegenheit nehmen werden in dem Abschnitte von dem alten
|L21 Zustande der Erde umständlicher zu reden. Wenn man die Ufer mit
|L22 dem Boden des Meeres vergleicht: so findet man, daß der Boden sich fast
|L23 beständig nach dem benachbarten Ufer richtet, daß wenn dasselbe steil ist,
|L24 es auch der Boden ist, daß wenn jenes sich schräge herabsenkt, auch dieser
|L25 in einer ähnlichen Richtung sich neigt. {&g } Daß dem in der That also sei,
|L26 erhellt aus der {&v für allgemein angenommenen Regel der Schiffer, die sich
|L27 von dem berühmten Seefahrer Dampier herschreibt,}
daß, wo das Ufer
|L28 steil sei, man auch leicht an das Land fahren könne, wo hingegen jenes
|L29 sich schräge niedersenke, da müsse man sich in einer gewissen Entfernung
|L30 von demselben halten. Je entfernter von dem Lande, um desto tiefer wird
|L31 das Meer, denn das Land {&v neigt sich} mit allmähliger Abschüssigkeit herab.
|L32 Indem das Meer nur ein Thal ist, so ist der Seegrund nichts anders als
|L33 eine Fortsetzung des festen Landes und diesem in Hinsicht auf die Beschaffenheit
|L34 des Bodens überaus gleichförmig, denn auch im Wasser trifft
|L35 man ganze Strecken von Bergen an, dergestalt, daß das Wasser zuweilen
|L36 bei dem Vordertheile des Schiffes 20 Loth, an dem Hintertheile aber

|P_191_
|L01 200-300 Loth Tiefe hat. {&g } Auch die Bestandtheile des Seegrundes sind
|L02 denen des Erdbodens ungemein gleich.

|L03 Die Spitzen der Berge im Wasser, wenn sie abgestumpft und breit
|L04 sind und über das Meer hervorragen, heißen Inseln. Lange Sandbänke,
|L05 die die Küste bedecken und daher das Herannahen der Schiffe
|L06 an das Land hindern, heißen Barren oder Riegel. So hat z. E. die
|L07 Koromandel-Küste wegen der davor liegenden Barren keinen brauchbaren
|L08 Hafen. Ein Riff ist eine Untiefe im Meere, bei der eine Sandbank befindlich
|L09 ist, die sich von dem Lande anfängt und weit in das Meer hinein
|L10 erstreckt, und zwar unter dem Wasser. Aus dem allen ist es zu vermuthen,
|L11 daß eine große Revolution auf der Erde vorgegangen sei, so
|L12 daß der gegenwärtige Boden des Meeres aus ehemals eingesunkenen
|L13 Ländern besteht, und daß es ein und eben dieselbe Kraft gewesen, welche
|L14 den Boden des Meeres concav, das übrige Land hingegen erhaben gemacht
|L15 und ihm eine convexe Gestalt gegeben habe.

|L16 Doch finden sich auch große Unähnlichkeiten zwischen dem Boden des
|L17 Meeres und dem Lande. Man darf daher denen nicht beistimmen, welche
|L18 glauben, daß zwischen beiden eine völlige Ähnlichkeit stattfinde. So befinden
|L19 sich im Meere Sand- und Erdbänke, wie z. B. die Doggersbank,
|L20 die sich von England bis Jütland erstreckt. Sie besteht aus
|L21 einem langen Hügel, der von beiden Seiten abschüssig ist, und wo man
|L22 dennoch ankern kann. Dergleichen giebt es aber auf dem Lande nicht.
|L23 Es finden sich in der See lange nicht so ansehnliche Berge wie auf
|L24 der Erde, und auf dieser dagegen nicht solche Abplattungen wie im Wasser.
|L25 Das vorher Angeführte ist eben die Ursache, warum man so wenige Häfen
|L26 in der Welt antrifft, weil nämlich an den wenigsten Stellen die Ufer
|L27 steil sind, und zum Hafen erfordert wird, daß man dicht am Lande anlegen
|L28 und gegen Stürme und Wellen gesichert sein könne, auch daselbst
|L29 mit jedem Anker Grund anzutreffen sei. Es giebt nämlich auch Moräste
|L30 und Triebsand, wo der Anker versinkt, oder der Seegrund ist steinicht,
|L31 wodurch das Ankertau zerrieben wird. Am liebsten ankert man an den
|L32 Küsten, und das sind Rheden, es ist aber schlimm, wenn die Küste
|L33 durchweg nur aus Rheden besteht, wie die Koromandel-Küste. Der Boden
|L34 ist aber alsdann erst zum Ankern tauglich, wenn der Seegrund nicht
|L35 steinicht, sondern weich ist. Außer einem guten Ankerplatze wird auch
|L36 noch zu einem Hafen erfordert, daß man sich dicht dem Lande nähern
|L37 könne, ferner, daß er inwendig geräumig sei, aber gegen das Meer hin

|P_192_
|L01 eine schmale Öffnung habe, damit er {&v füglich vertheidigt} werden könne und
|L02 das {&v Anspielen} der See das Schiff nicht beunruhige.

|L03 In Norwegen sind der Häfen so viele, daß sie nicht einmal alle
|L04 benannt werden können. Überhaupt trifft man in Europa die meisten
|L05 Häfen an, welches auch wohl mit eine Hauptursache sein mag, daß der
|L06 Handel in diesem Welttheile am meisten blüht. Ferner ist noch zu bemerken,
|L07 daß im Westen und Süden die meisten steilen Ufer, im Norden
|L08 und Osten aber deren nur wenigere sind, welches wohl daher rührt, weil
|L09 das Wasser oder der Strom des Oceans, der in alten Zeiten höher
|L10 war, von Osten gegen Süden floß, und das Erdreich, das er mit sich
|L11 fortführte, sich am ersten an der Westseite ansetzte.

|L12 {&e Anmerkung 1. Barren entstehen meistens in Gegenden, an welchen
|L13 sich Sand fortführende Ströme in das Meer ergießen, indem hier das letztere
|L14 die erstern zurückhält und so ein Absetzen des Sandes an einer und derselben
|L15 Stelle bewirkt.

|L16 Anmerkung 2. Der Boden des Meeres hat mit dem Lande auch darin
|L17 Ähnlichkeit, daß er auf eine gleiche Weise geschichtet ist und nicht selten die nämlichen
|L18 Erdlagen wie das benachbarte Land enthält. Dies geht so weit, daß bei
|L19 entgegenstehenden, nicht zu sehr durch das Meer getrennten Ufern sich jene Erdschichten
|L20 von dem einen bis zu dem andern erstrecken, welches, noch mehr aber die
|L21 gleichsam in einander fassende Gestalt der Ufer, die aus guter Ursache aber bei den
|L22 Flüssen leichter bemerklich ist, ein gewaltsames Zerreißen der Länder vermittelst
|L23 des einströmenden Meeres verräth.}

|L24 ≥ §_17. ≤
|L25 Was die Art und Weise die Tiefe zu erforschen betrifft, so müssen wir
|L26 merken, daß solches durch ein, an ein dünnes Seil befestigtes Gewicht geschieht,
|L27 welches die Holländer Loth nennen, und 30 Pfunde schwer ist.
|L28 Das Gewicht selbst hat die Gestalt eines Zuckerhutes mit einem eingebogenen
|L29 Boden. Es muß eine größere Schwere haben als das Seil, an
|L30 welchem es befestigt ist, damit man abzunehmen im Stande sei, wenn es
|L31 bis auf den Boden gelangt ist. Man hat die Bemerkung gemacht, daß
|L32 die größte Tiefe des Meeres den unweit davon gelegenen höchsten Bergen
|L33 gleich sei, wenn man ungefähr 2/3 davon abzieht. Folglich würde die
|L34 größte Tiefe 2.000 rheinländische Ruthen betragen. Daß die Ostsee nicht
|L35 tief ist, rührt daher, weil das benachbarte Polen und Preußen flache
|L36 Länder sind. Wenn man nun gleich nicht annehmen wollte, daß das Seil
|L37 oder überhaupt jeder schwere Körper durch sein eignes Gewicht zerreißen

|P_193_
|L01 könne: so ergiebt sich dennoch die Schwierigkeit von selbst, auf eine solche
|L02 Art die Tiefe auszumessen, weil man ein solches Seil, das eine deutsche
|L03 Meile lang wäre, zu verfertigen nicht im Stande sein würde, da das
|L04 Schiff überdies mehrentheils fortgeht, ob es gleich still zu stehen scheint,
|L05 und im Grunde des Meeres öfters Ströme sind, die eine dem oberen
|L06 Meerwasser ganz entgegengesetzte Richtung haben, auf welche Weise man
|L07 mehrentheils statt der perpendiculären eine schiefe Tiefenlänge erhält.
|L08 Es giebt nämlich öfters an ein und eben derselben Stelle des Meeres
|L09 zwei verschiedene Ströme, der eine ist der, welcher von dem Lande herkommt,
|L10 der andere aber scheint dem Monde vermittelst der Ebbe und Fluth
|L11 seine Entstehung zu verdanken. Der eine Strom geht demnach auf dem
|L12 Boden des Meeres fort und erhält weder durch Winde noch durch Hindernisse
|L13 eine andere Richtung, der andere aber befindet sich auf der
|L14 Oberfläche des Meeres.

|L15 Man kann aber auch durch das Loth zugleich die Beschaffenheit des
|L16 Meergrundes erfahren, weil die Höhlung des Gewichtes mit Talg bestrichen
|L17 wird, an das sich Sand, Muscheln, {&v und was sich sonst noch auf
|L18 dem Boden befindet,}
anhängen. Eine Untersuchung dieser Art dient dazu,
|L19 damit auch andere Schiffer daraus sowohl, als aus der gefundenen Tiefe
|L20 des Meeres selbst zur Nachtzeit wissen können, welchem Ufer sie gegenüber
|L21 sind, welches sie zur Tageszeit aus der Gleichheit des auf der Seekarte
|L22 gezeichneten und des gegenüberstehenden Ufers wissen können, zur
|L23 Nachtzeit aber öfters weiter fahren, als sie den Raum bei Tage zu übersehen
|L24 im Stande sind. Weil aber auch der Grund des Meeres nicht
|L25 selten seine Gestalt wechselt: so kann man nicht allemal daraus mit bestimmter
|L26 Sicherheit schließen, wie weit man fortgerückt sei, und eben daher
|L27 muß man denn auch die Tiefe zu Hülfe nehmen. Wenn z. E. 20
|L28 Meilen vom Ufer auch sandichter Grund ist und 40 Meilen davon
|L29 der Boden dieselbe Beschaffenheit hat: so muß man nothwendig die
|L30 Tiefe wissen, um sich in diesem Falle nicht über die Entfernung des
|L31 Ufers zu täuschen. Ist es nun tiefer als an dem Orte, der nur 20
|L32 Meilen entfernt ist: so schließt man daraus, daß man schon weiter fortgerückt
|L33 sei.

|L34 {&e Anmerkung. Die größte bisher gemessene Tiefe, in die das Senkblei,
|L35 doch ohne Grund zu treffen, herabgelassen wurde, beträgt 4.680 Fuß. Also
|L36 eine Tiefe, beinahe der Höhe der Schneekoppe im Riesengebirge gleich. Wir
|L37 dürfen aber annehmen, daß die Tiefe des Meeres sich an manchen Stellen,

|P_194_
|L01 um nur unsern höchsten Bergen gleich zu kommen oder ähnlich zu werden,
|L02 wohl vier bis fünf Mal höher belaufe.}

|L03 ≥ §_18. ≤
|L04 Mehr zur Curiosität, {&e obwohl auch zu einigem reellen Nutzen,} dienen
|L05 die Taucher, welche vermittelst einer hölzernen und unten am Boden mit
|L06 eisernen Bändern befestigten Glocke, in die das Wasser der in ihr enthaltenen
|L07 Luft wegen nicht bis oben zu dringen kann, um das Versunkene
|L08 herauf zu holen, in das Meer herabgelassen werden. In der Mitte dieser
|L09 Glocke ist eine Kette befindlich, an der sich ein Mensch mit den Füßen erhalten
|L10 kann. Diese Taucher werden gebraucht, theils um die Perlen, die
|L11 sich bei Californien, an der Küste von {&v Mexico} und bei Ceylon finden,
|L12 herauf zu bringen, theils um die Beschaffenheit des Seegrundes zu erfahren.
|L14 Man hat es mit den Glocken so weit gebracht, daß eine Gesellschaft
|L15 von 12 Personen sich unter das Wasser herab zu lassen im Stande ist.
|L16 Man kann auf diese Weise gegen zwei Stunden unter dem Wasser bleiben,
|L17 ja sogar lesen, nur nicht reden, denn der Schall ist hier unerträglich, daher
|L18 ein solcher Taucher wirklich einmal in das Meer fiel, als der andere
|L19 auf der Trommete zu blasen begann. Die größte Ungemächlichkeit dabei
|L20 entsteht nicht sowohl aus dem Mangel an Luft, als vielmehr aus der
|L21 Vergiftung dieser Luft vermittelst der eignen Ausdünstungen der in
|L22 einer solchen Glocke eingeschlossenen Personen. {&v Von einem dieser Taucher}
|L23 erzählt man, er sei im Stande gewesen, so lange als er wollte, unter dem
|L24 Wasser zu bleiben, als er aber einst eine ins Wasser geworfene goldene
|L25 Schale herauf bringen sollte, kam er nicht mehr zum Vorschein und ist
|L26 vermuthlich von den Haifischen, über deren Anfälle er sonst schon geklagt
|L27 hatte, verschlungen worden.

|L28 Versunkene Sachen bringt man auch auf die Art in die Höhe, daß
|L29 man ledige Fässer daran befestigt, die alsdann vom Wasser in die Höhe
|L30 gehoben werden. Die Taucher bekommen auch sonst nur eine von gebranntem
|L31 Leder verfertigte Kappe, die mit einer langen Röhre versehen ist.
|L32 Das Unvermögen der Menschen aber lange im Wasser auszuhalten,
|L33 rührt daher, weil das Blut nur vermittelst der Lunge in die linke Herzkammer,
|L34 die von der rechten durch eine Scheidewand abgesondert ist,
|L35 kommen kann, aus welcher es sich durch die große Aorte in die übrigen
|L36 {&v Kanäle} und Adern ergießt. Diese beiden Herzkammern haben im Mutterleibe

|P_195_
|L01 durch eine Öffnung, die das +L foramen ovale + heißt, eine Verbindung
|L02 mit einander. Sollte dieses erhalten werden können: so dürfte jenes
|L03 Unvermögen dadurch vielleicht zu heben sein. Daher können die Kinder
|L04 denn auch im Mutterleibe leben, ob sie sich daselbst gleich im Wasser
|L05 befinden. Einige haben diesen Versuch mit jungen Hunden vorgenommen,
|L06 die man sogleich, als sie geworfen waren, in warme Milch that, in der
|L07 sie auch wirklich eine geraume Zeit ausdauerten.

|L08 {&e Anmerkung. Über die Taucher und Taucherglocke ist nachzulesen Gehlers:
|L09 Physikalisches Wörterbuch. Auch vergleiche Wünschens kosmologische
|L10 Unterhaltungen über den Menschen. Leipzig 1798. Th. 2. S. 140f.}

|L11 ≥ §_19. ≤
|L12 Was die Farbe des Meerwassers betrifft, so {&v scheint dieselbe, von
|L13 fern und in Masse gesehen, ein bläulichtes Grün zu sein, im Glase dagegen
|L14 ist es ganz klar. Das süße Wasser hat eine stärkere grüne Farbe,
|L15 daher man z. B. auch das süße Haffwasser von dem Wasser der Ostsee bei
|L16 Pillau wie durch einen eignen Streif getrennt erblickt. Einige Meere,
|L17 wie z. E. das Rothe, Weiße, Schwarze Meer etc. haben nicht, wie einige
|L18 vorgeben, ihren Namen von der Farbe des in ihnen enthaltenen Wassers,
|L19 sondern wahrscheinlich von der Kleidung der umherlebenden Bewohner.
|L20 Das Rothe Meer nämlich, sagt man, führe diesen Namen von einem
|L21 rothen Sande oder den Corallenfunken und das Schwarze von dem
|L22 Schatten, den die an der Küste gelegenen hohen Berge bewirken. Und
|L23 selbst in diesem Falle lägen jene Benennungen nicht in der durch die darin
|L24 enthaltenen Stoffe, sondern durch äußere zufällige Umstände bestimmten
|L25 Farbe des Wassers.}

|L26 Das Meerwasser ist durchsichtig, welches von dem Salze herkommt,
|L27 daher man da, wo es am salzigsten ist, 20 Faden tief den Boden und bei
|L28 den südlichen Inseln sogar die Schildkröten auf demselben wie auf einer
|L29 grünen Wiese einhergehend entdecken kann.

|L30 Die Durchsichtigkeit des Meerwassers entsteht folgendermaßen: Das
|L31 Licht dringt durch einen Mittelraum, in welchem die Partikelchen continuirlich
|L32 hinter einander liegen, fort, und wird nun durch einen leeren
|L33 Raum, wie Newton sagt, zurück getrieben, oder, um richtiger zu sprechen,
|L34 wenn das Licht nicht mehr von einem Körper angezogen wird, so geht es
|L35 zu der Materie wieder zurück, von welcher es ausgegangen war, und von
|L36 der es stärker als von dem leeren Raume, der gar keine Attractionskraft

|P_196_
|L01 hat, angezogen wird. Folglich wird auf eine solche Art der Körper durchsichtig;
|L02 doch muß eine Materie, insofern sie sichtbar sein soll, nicht ganz
|L03 durchsichtig sein, weil sonst alle Strahlen durch sie durchfallen und nicht
|L04 von ihr in das Auge zurück geworfen werden würden. Nun wird das
|L05 Salz am allerersten und in größerer Menge von dem Wasser aufgelöst,
|L06 folglich liegen die Partikelchen Salz im Wasser continuirlich hinter einander,
|L07 und auf solche Weise wird das Meerwasser durchsichtig.

|L08 Diese Durchsichtigkeit hat das Meerwasser nur alsdann, wenn es
|L09 gänzlich stille ist, denn zu manchen Zeiten ist es weit stiller und ruhiger
|L10 als das Wasser in den Flüssen und stehenden Seen. So bald sich aber
|L11 die Oberfläche nur ein wenig bewegt, wird es ganz dunkel, weil alsdann
|L12 die Lichtstrahlen nicht ungehindert fortzugehen im Stande sind.
|L13 Das Meerwasser ist klarer als das Flußwasser, denn dies führt nicht
|L14 allein vielen Schlamm mit sich, der sich nur schwer absetzen kann, sondern
|L15 auch der meistens starke Schaum auf der Oberfläche desselben macht, daß
|L16 die Lichtstrahlen zurückprallen, wodurch es natürlich undurchsichtig werden
|L17 muß. Das süße Wasser enthält zudem viele Luft, die in Bläschen
|L18 vertheilt ist, und das ist es eben, was das süße Wasser undurchsichtig
|L19 macht. Das Salz aber treibt die Luft weg und setzt sich an die Stelle derselben,
|L20 auf welche Weise denn ein gewisser Zusammenhang entsteht. So
|L21 wie auch zerstoßenes Glas nicht durchsichtig ist, obgleich ein jeder einzelner
|L22 Theil desselben es ist. Dort nämlich verhindert die Luft dieses, sobald
|L23 man es aber durch Öl oder eine andere flüssige Materie wieder in einen
|L24 genauern Zusammenhang bringt, so wird es immer durchsichtiger.
|L25 Da nun das Salz das Wasser gewissermaßen zu einem Continuo
|L26 macht: so muß das Meerwasser auch am durchsichtigsten sein. Will aber
|L27 derjenige, der sich unter dem Wasser befindet, nach oben sehen, so braucht
|L28 er nur ein wenig Öl aus dem Munde zu lassen, das zur Oberfläche hinaufsteigt,
|L29 und ihm an derselben gleichsam ein Fenster eröffnet. {&g } Unter dem
|L30 Wasser sieht übrigens das Sonnenlicht dem Mondenlichte gleich.
|L31 Es giebt in der Mitte des Atlantischen Meeres zwischen Amerika und
|L32 Europa einen Strich von 200 bis 300 Meilen, der von einem mit weißlichten
|L33 Beeren versehenen Kraute ganz grün und einer Wiese ähnlich sieht,
|L34 dergestalt, daß ein etwas starker Wind dazu erfordert wird, wenn ein
|L35 Schiff ungehindert hindurch segeln soll. Die Spanier nennen dieses Kraut
|L36 +S Sargasso, Margasso +, auch Meerpetersilie. Es befindet sich im Meere +S del +
|L37 +S Nord + bei den Capverdischen Inseln, wie auch bei der Küste von Californien.

|P_197_
|L01 Auch an andern Stellen bemerkt man es, doch nie in so beträchtlicher
|L02 Menge als an den benannten Örtern. Weil von Westen sowohl als
|L03 von Osten her, nämlich von der amerikanischen und europäischen Küste
|L04 aus, ein und eben derselbe Wind in entgegengesetzter Richtung weht: so
|L05 entstehen von beiden Seiten Ströme, die in der Mitte zusammenstoßen
|L06 und einen Wirbel bilden, in der Art, daß jenes Kraut, welches beide
|L07 Ströme mit sich führen, in diesem Wirbel herumgedreht und beisammen
|L08 erhalten wird.

|L09 Ein Chinafahrer hat an einer Spitze von Afrika, bei dem Vorgebirge
|L10 der guten Hoffnung, drei Tage nach einander frühe Morgens einen ganzen
|L11 Strich des Meeres mit Bimssteinen bedeckt gefunden, die aber bei höherem
|L12 Tage wieder verschwunden waren. Diese Erzählung ist zwar weiter
|L13 noch nicht namentlich bestätigt, allein der Grund und die Ursache einer
|L14 solchen Erscheinung wären eben nicht schwer zu entdecken. Die Bimssteine
|L15 sind um etwas, doch nicht um vieles leichter als das Wasser. Um Mittag
|L16 hingegen wird dieses leichter, indem es von der, besonders in jenen Gegenden
|L17 stärkern Sonnenhitze erwärmt wird. Auf diese Weise sinken denn
|L18 nun die Bimssteine als verhältnißmäßig schwerer zu Grunde. Am Morgen
|L19 aber und während der Nacht kühlt sich das Wasser wieder ab, wodurch
|L20 es schwerer, die Steine dagegen leichter werden und daher oben schwimmen.
|L21 An andern Küsten schwimmen sehr viele {&v Wasserpflanzen}, z. E. an der
|L22 Küste von Malabar, welches die Seefahrer demnach auch für ein Kennzeichen
|L23 halten, daß sie dem Lande nahe sind, daher sie bei dem Anblicke
|L24 derselben die Rechnung abschließen und {&v in allen Stücken genau so handeln, }
|L25 als wenn sie schon wirklich gelandet wären.

|L26 {&e Anmerkung 1. Je tiefer in das Meer hinein, um so dunkler wird seine
|L27 Farbe. Das grünliche Ansehen desselben scheint eine Folge des Wiederscheins
|L28 eines heitern Himmels zu sein. Rührt übrigens die Farbe nicht von einem zufälligen
|L29 Umstande dieser Art her: so beruht sie auf einer wesentlichen Verschiedenheit
|L30 oder den in dem Seewasser befindlichen Stoffen.

|L31 Anmerkung 2. Die Durchsichtigkeit ist nichts anderes, als die Fähigkeit
|L32 eines Körpers das Licht durchzulassen, und diese scheint mehr Charakter der innern
|L33 Gestalt der Körper als ihrer Materie zu sein, indem es hier auch gar sehr auf homogene
|L34 Dichtigkeit und dadurch begründete einfache Brechung der Lichtstrahlen ankommt.
|L35 Wir bemerken hier indessen, daß die Durchsichtigkeit des Meerwassers
|L36 gar sehr von seiner Schwere abhängt; meistens bricht es die Sonnenstrahlen zu
|L37 sehr, als daß sie viel über 45 Faden tief durchdringen könnten, daher es in einer

|P_198_
|L01 größern Tiefe unter der Oberfläche des Meeres eben so dunkel sein muß, wie an
|L02 jedem andern von der Sonne gar nicht beschienenen Orte.}

|L03 ≥ §_20. ≤
|L04 An einigen Stellen erscheint das Wasser zuweilen ganz feurig und
|L05 glänzend, so daß die {&v Schiffsleute}, die von demselben besprützt werden, wie
|L06 mit Funken bedeckt zu sein scheinen. Als man dergleichen Wasser mit
|L07 einem Mikroskop untersuchte, fand man, daß der Glanz von gewissen den
|L08 Johanniswürmchen sehr ähnlichen und wie diese im finstern leuchtenden
|L09 Würmern herrühre. Dieses Leuchten des Wassers schreibt sich aber auch
|L10 zum Theil von dem Schlamme der Fische und von dem generirenden Fischsamen
|L11 oder Laich her. Man hat auch eine Menge von Insecten, die da
|L12 leuchten, z. E. der Laternenträger. Übrigens hat das Meerwasser auch bei
|L13 den Molukkischen Inseln zur warmen Jahreszeit des Nachts eine so weißliche
|L14 Farbe, als wenn es durchgängig aus Milch bestände.

|L15 {&e Anmerkung. Forster führt in seinen lehrreichen Bemerkungen über
|L16 Gegenstände der physischen Erdbeschreibung usw. Berlin 1783. gr. 8.
|L17 S. 52. und ferner ein dreifaches Leuchten des Meerwassers, so wie es ihm aus
|L18 eigener Erfahrung bekannt geworden, an. Er unterscheidet nämlich ein elektrisches,
|L19 ein phosphorisches und ein von lebendigen Seethierchen veranlaßtes
|L20 Leuchten. Das erstere zieht sich meistens in feurigen Streifen von dem
|L21 Hintertheile des Schiffes über das Meer hin. Das phosphorische Leuchten scheint
|L22 hauptsächlich ein Product in Fäulniß gerathener animalischer Theile zu sein, vermittelst
|L23 einer Reibung, weil es, sobald das Wasser in gänzliche Ruhe kommt,
|L24 aufhört. Die dritte und schönste Art des Leuchtens rührt von einer ungeheuren
|L25 Menge sich schnell durcheinander bewegender, gallertartiger und kleinen Kügelchen
|L26 ähnlicher Thierchen her. Aber auch die sogenannten Meernesseln oder Medusen
|L27 strömen ein ziemlich beträchtliches Licht aus ihren Fühlfäden aus, ungeachtet der
|L28 Dunkelheit ihres übrigen Körpers. Vergleiche auch Gehlers physikalisches
|L29 Wörterbuch, Artikel Meer. Noch wollen Einige auch einen besondern Schein
|L30 des Wassers in der Ostsee wahrgenommen haben, der vornehmlich zur Herbstzeit
|L31 im Dunkeln dem hellblauen elektrischen Funken ähnlich sieht und der Vorbote
|L32 eines plötzlichen Ost- oder Nordostwindes mit feuchter Witterung sein, zugleich
|L33 aber auch einen reichlichen Fischfang versprechen soll. S. Grens Annalen
|L34 der Physik Bd. +Z 2 +. St. 3. Die Abhandl. von Wäsström.}

|L35 ≥ §_21. ≤
|L36 In Betreff der Salzigkeit des Meerwassers bemerken wir, daß der
|L37 Ocean gleichsam ein überaus großes Salzmagazin und das Seewasser

|P_199_
|L01 ordentlicher Weise sehr salzig sei, wo sich nicht etwa beträchtliche Ströme,
|L02 die süßes Wasser bei sich führen, in dasselbe ergießen, wie z. E. der la
|L03 Plata-Strom, der an seiner Mündung eine Breite von 30 Meilen hat.
|L04 Die Grade in der Verschiedenheit des Salzwassers beruhen also auf
|L05 dem Zuflusse des süßen Wassers. Wenn ein Meer weniger ausdünstet,
|L06 als es Zufluß von süßem Wasser hat: so ist es weniger salzig. Der Zufluß
|L07 in Betreff der Ostsee ist größer als ihre Ausdünstung, folglich ist die
|L08 Ostsee auch weniger salzig. Das Mittelländische Meer hat {&v einen sehr beträchtlichen}
|L09 Antheil von Salz. Bei dem Kaspischen Meere ist die Ausdünstung
|L10 größer als der Zufluß vom süßen Wasser, folglich ist dieses Meer
|L11 von stärkerm salzigen Geschmacke. Die Ausdünstung des Todten Meeres
|L12 ist so stark, daß es im Sommer einige Meilen weit austrocknet, so daß
|L13 man {&v in dasselbe in merklicher Weite hineingehen} kann, und deswegen ist
|L14 es auch sehr salzig. Wir bemerken auch, daß ordentlicher Weise da, wo
|L15 die Temperatur sehr warm oder sehr kalt ist, das Wasser am salzigsten
|L16 sein müsse.

|L17 Die Ursache, warum das Meerwasser in den heißesten Gegenden am
|L18 salzigsten ist, besteht in der überaus starken Ausdünstung, durch die das
|L19 {&v Wasser verflüchtigt wird, das} Salz aber zurückbleibt. In den kältesten
|L20 Gegenden aber rührt dieses daher, weil das hereinfließende Flußwasser zu
|L21 großen Eisschollen, die gleich großen Ländern herumschwimmen, gefriert.

|L22 {&e Anmerkung. Die Angaben über den Salzgehalt des Meerwassers weichen
|L23 sehr von einander ab. Im Mittelländischen Meere will man den Salzgehalt
|L24 wie ein Loth, in andern Meeren wie 2, 3, 4 Loth und darüber auf das Pfund
|L25 gefunden haben. Einige haben das Gesetz angenommen, die Salzigkeit des Meerwassers
|L26 sei unter dem Äquator am stärksten und geringer gegen die Pole hin.
|L27 Aber jene Salzigkeit ist sich nicht einmal an ein und eben derselben Stelle immer
|L28 gleich. Pages darüber angestellte Bemerkungen sind verzeichnet in Fabris
|L29 Geistik. S. 393. Auch ist das Wasser in der Tiefe meistens salziger als auf
|L30 der Oberfläche, wie in der Meerenge von Constantinopel, wo sich jenes zu diesem
|L31 wie 72 zu 62 verhalten soll. Vergleiche auch Ottos System einer allgemeinen
|L32 Hydrographie. Berlin 1800 gr. 8. Seite 383 u. f.}

|L33 ≥ §_22. ≤
|L34 Eine solche Salzigkeit giebt es sowohl im Oceane als in den mittelländischen
|L35 Meeren, unter denen der See in Rußland bei der Wolga nach
|L36 Archangelsk zu {&v und} bei der neu errichteten Colonie Saratow zu merken

|P_200_
|L01 ist. Er ist in manchen Zeiten mit Salz in eben der Art wie im Winter
|L02 mit Eis belegt, so daß man über ihn hingehen und fahren kann.
|L03 Ferner gehört auch hierher der {&v Asphaltsee} oder das Todte Meer, welches
|L04 eigentlich nur der Jordan ist, dessen Ufer erweitert worden sind, indem
|L05 der Jordan in dieses Meer hineinfließt und mit ihm einerlei Richtung
|L06 hat. Wenn dieser See an seinem Ufer im Sommer austrocknet, so
|L07 verbreitet das verfaulte Wasser darin einen so starken übeln Geruch, daß
|L08 die darüber hinfliegenden Vögel herabfallen und sterben sollen. Es rührt
|L09 solches von einem Pech her, welches den Steinkohlen {&v ähnlich} sieht.
|L10 Der größte {&e aus der Erfahrung bekannte} Grad der Salzigkeit ist
|L11 1 Loth Salz auf 14 Loth Wasser. Tritt noch mehr Salz hinzu, so geht es
|L12 auf den Boden herab und wird nicht mehr im Wasser aufgelöst.

|L13 {&e Anmerkung 1. Georgi in seiner Naturhistor. physikal. geograph.
|L14 Beschreibung des russischen Reiches thut mehrerer dergleichen Salzseen Erwähnung,
|L15 die indessen ihre Natur oft plötzlich ändern und alsdann, meistens
|L16 nach einer Austrocknung und höchst wahrscheinlich hierauf durch Winde erfolgten
|L17 Auswehung ihres Bodensatzes, wieder bloß süßes Wasser enthalten. - Salzsteppen.

|L19 Anmerkung 2. Bergmann giebt die Sättigung des Wassers durch
|L20 Salz zu 30 Prozent von diesem an (siehe dessen Weltbeschreibung Seite 362.),
|L21 aber er setzt voraus, daß 500 mal so viel Wasser zu der Auflösung eines bestimmten
|L22 Quantums von Salz erforderlich sei. Man hat indessen gefunden,
|L23 daß im Allgemeinen 200 mal so viel Wasser dazu hinreicht, wie auch, daß im
|L24 Ganzen warmes Wasser nicht viel mehr davon auflöst als kaltes.

|L25 Anmerkung 3. In Betreff des Asphaltsees wollte man die Bemerkung
|L26 gemacht haben, daß das Wasser in ihm eine solche Schwere oder Dichtigkeit
|L27 besitze, daß kein lebendiger Körper darin niedersinke, und schrieb dies der starken
|L28 Sättigung desselben mit Salz zu.}

|L29 ≥ §_23. ≤
|L30 Das Fundament des Salzes besteht in einer kalkartigen Erde {&e oder
|L31 einem Mineralalkali}
und einem Salzgeiste, der in einer ganz besondern
|L32 Säure, der Salpetersäure, besteht. Es giebt dreierlei Säuren: die Vitriol-,
|L33 Salpeter- und Küchensalzsäure, oder auch mineralische, thierische und vegetabilische
|L34 Säure, {&e so wie eine dreifache Gährung: die Wein-, Fäulniß-
|L35 und Essiggährung.}
Im Kochsalz ist außer der Säure ein +L Alcali fixum +
|L36 oder Kalkerde befindlich, welche das Seewasser in sich enthält. {&e Man vergleiche

|P_201_
|L01 hier die bestimmtern Angaben in den oben angezeigten und andern
|L02 chemischen Schriften.}

|L03 Von dem Kochsalz giebt es dreierlei Arten: das Seesalz, Stein- und
|L04 Quellsalz. Das Salz befindet sich sowohl im Wasser als auf dem festen
|L05 Lande und hier in den sogenannten Salzquellen und Bergwerken. Wenn
|L06 wir die Ursache des {&v Salzgehaltes der Wasser} untersuchen wollen: so müssen
|L07 wir zuerst fragen: welches war das ursprüngliche Wasser, das süße oder
|L08 das salzige? Wenn man die ganze Sache mit philosophischem Auge betrachtet,
|L09 so ist das einfache Wasser das frühere gewesen, aus dem hernach
|L10 durch Hinzuthuung das zusammengesetzte entstehen konnte; das süße
|L11 Wasser aber ist das einfache, und so scheint es auch wirklich zugegangen
|L12 zu sein. Wo die Ströme sich in das Meer ergießen, da giebt es Sand,
|L13 und dieser ist entweder petrificirt oder präcipitirt.
|L14 Wie wird aber das Meerwasser salzig? Man glaubt, dies sei vermittelst
|L15 der allmähligen Abspülung des Salzes von den Pflanzen und Gewächsen,
|L16 die einen kleinen Grad von Kochsalz bei sich führen, bewirkt; die
|L17 Ströme sollen es dann weiter in die See gefördert und es soll sich auf diese
|L18 Weise hineingesammelt haben. Allein dann müßte die Welt Millionen
|L19 Jahre gestanden haben, wenn es auch überhaupt auf eine solche Art möglich
|L20 werden könnte, und die Ströme müßten ebenfalls salzig sein, weil sie
|L21 es eben sind, die das Salz wegführen sollen.

|L22 Dagegen giebt eher die See dem Lande Salz ab, als das Land der
|L23 See. Im heißen Klima rostet alles Eisen, ja sogar die Uhren in den
|L24 Taschen. Dieses rührt von dem Salze her, das in die Luft aufsteigt
|L25 und aus der Luft wieder vermittelst des Regens auf die Äcker und
|L26 Pflanzen fällt. {&g }

|L27 Viele glauben, daß es Gebirge von Salz im Meere gebe, die durch
|L28 das Wasser aufgelöst werden. Dann aber müßte das Wasser um so salziger
|L29 werden, je mehr die Berge aufgelöst würden. Dagegen findet der umgekehrte
|L30 Fall statt, die Salzflötze rühren noch von dem Meere her, das
|L31 vorher da war, {&v späterhin aber abgelaufen ist und das Salz zurückgelassen
|L32 hat.}

|L33 Sollte das Salz des Oceans vorhin auf der Erde gewesen und von
|L34 dem Meerwasser abgespült worden sein: so müßte man noch das Salz in
|L35 allen Bergwerken antreffen. Zunächst freilich scheint das Salz seinen
|L36 Ursprung von dem Meerwasser zu haben und {&v ein ursprünglicher Bestandtheil}
|L37 des Wassers zu sein, welches im ersten Zustande der Erde das Salz

|P_202_
|L01 aufgelöst hat, denn in dem Inwendigen der Erde befindet sich gleichfalls
|L02 noch eine große Menge Salz, wie dieses {&v außer den großen Salzbergwerken
|L03 auch}
die feuerspeienden Berge beweisen, welche eine Menge von Kalksteinen,
|L04 Salz und Asche auswerfen. Es ist dieses zwar kein Kochsalz, sondern
|L05 ein Laugensalz, allein dem Kochsalze liegt denn doch immer etwas
|L06 Laugensalz zum Grunde.

|L07 {&e Anmerkung. Wie sehr das Salz die Fruchtbarkeit befördere, ist unleugbar.
|L08 Man bemerkt dieses an einem Acker, der, wenn man ihn einige Jahre
|L09 ruhen läßt, wenigstens eben so viel trägt, als wenn er auf gewöhnliche Weise
|L10 gedüngt worden, wozu ihn das im Regen herabfallende Salz verhilft. Halley
|L11 meinte, alles, auch das süße Wasser enthalte einige feine Salzpartikelchen, diese
|L12 würden von den Flüssen im Meere zurückgelassen, und nur das süße Wasser
|L13 oder die eigentlichen Wassertheile dünsteten wieder aus und fielen im Regen
|L14 aufs Neue herab. Da würden aber 2.500 Jahre dazu erforderlich sein, um das
|L15 Meerwasser auch nur zweimal salziger zu machen als das Flußwasser. In dem
|L16 letztern kann man nicht einmal das darin befindliche Salz auch nur im Geringsten
|L17 durch den Geschmack wahrnehmen, sondern es höchstens durch Experimente
|L18 daraus herstellen. Das Seewasser ist im Allgemeinen fünfzig mal salziger
|L19 als das Flußwasser, es würde also eine fünfzig mal längere Zeit erforderlich
|L20 sein, also 125.000 Jahre, um das Seewasser in seinem gegenwärtigen Grade
|L21 gesalzener zu machen. - Der häufige Regen läßt an den persischen Küsten
|L22 im Grunde, wo das Regenwasser stehen geblieben und das Salzwasser von den
|L23 Anhöhen mit dahin gespült ist, eine Kruste zurück, die das Gras des Bodens
|L24 überdeckt. - Die wichtigen Salzwerke bei Bochnia und Wieliczka in Galizien. -
|L25 Durch eine Bleiauflösung in sogenanntem Scheidewasser lassen sich die
|L26 Salztheilchen im süßen Wasser niederschlagen. Übrigens scheint es, daß, da das
|L27 Wasser ehedeß alles feste Land bedeckte, es das Salz des letzteren ausgelaugt
|L28 habe. Sonach behält das Meerwasser nur das einmal in ihm enthaltene Salz,
|L29 und wir gehen der von Lichtenberg +L ad absurdum + erwiesenen Frage aus dem
|L30 Wege: woher das Meerwasser noch gegenwärtig sein Salz erhalte? -}

|L31 ≥ §_24. ≤
|L32 Weil das süße Wasser bei der Schifffahrt auf langen Seereisen zuletzt
|L33 sowohl in Fäulniß übergeht als auch gar austrocknet und im erstern
|L34 Falle einen sehr großen Schaden anrichten kann, indem es, weil es lange
|L35 Würmer bekommt, eine wahre Pest für die Schiffsleute ist, die die Ursache
|L36 der Seekrankheiten wird: so hat man bereits vorlängst darauf gedacht, wie
|L37 das Meerwasser könne versüßt werden? {&v Diese Erfindung gelang endlich,
|L38 nachdem viele Gelehrte darauf gedacht hatten.}

|P_203_
|L01 Die größte Schwierigkeit aber ist diese, daß das Schiff zu diesem
|L02 Behuf viele Steinkohlen mit sich führen muß. Ist es kein Handlungsschiff,
|L03 sondern geht nur auf Entdeckungen aus, dann ist das immer möglich,
|L04 nur nicht im umgekehrten Falle. {&g }

|L05 Das Meerwasser versüßt man durch Destillation, zu der beständig
|L06 drei Stücke erforderlich sind: der Destillirkolben nämlich, der Kühlhelm,
|L07 in dem die Dünste in die Höhe steigen und durch die Kälte zusammengezogen
|L08 werden, wodurch sie in Tropfen herunterfallen, und dann die
|L09 Vorlage, in die das Wasser, welches destilliren soll, hineinfließt.
|L10 In der Natur geht die Destillation auf dieselbe Weise vor sich, denn
|L11 das Flußwasser ist in eben der Art aus dem Meerwasser destillirt. Die
|L12 Sonne ist das Feuer, der Ocean der Destillirkolben, die oberste Region
|L13 {&e aber oder die Atmosphäre} ist der Kühlhelm, wohin die Dünste aufsteigen
|L14 und sich in Wolken sammeln. Die Erde endlich ist die Vorlage, in die
|L15 das Wasser abfließt. Weil aber auch einige flüchtige Salze mit in die
|L16 Höhe steigen, so ist es kein Wunder, daß wir kein vollkommnes reines
|L17 Wasser haben.

|L18 {&v Die Bitterkeit des Seewassers rührt von dem Kalk her, denn alle
|L19 Producte des Seewassers sind kalkartig, und wenn dieser Kalk mit etwas
|L20 Salz in Verbindung tritt, so entsteht daraus die genannte Bitterkeit.
|L21 Späterhin hat}
man in England sowohl als in Frankreich eine andere,
|L22 noch zweckmäßigere Methode erfunden, um das Meerwasser vollkommen
|L23 süß zu machen. Noch ist aber endlich eine andere Art zu merken, wie man
|L24 aus dem Meerwasser das Salz absondert. Man macht nämlich {&v in dem
|L25 Meere am Gestade eine Vertiefung oder}
Bassin, in welches man das Seewasser
|L26 hineinfließen läßt, woraus denn dasselbe von der Sonnenhitze ausgezogen
|L27 wird, und das Salz zurückbleibt, wie solches {&e namentlich} in Frankreich
|L28 geschieht. Da das auf diese Weise gewonnene Salz aber schwarz ist,
|L29 so muß dasselbe purificirt werden. Es heißt alsdann Baisalz, und das
|L30 spanische {&v Baisalz} von Cadix ist dem hallischen ähnlich. Das genuesische
|L31 ist auch weiß, aber etwas sauer, welches von dem Boden herrührt. Die
|L32 nördlichen Länder machen kein Salz, weil das Wasser nicht in einem so
|L33 hohen Grade salzig ist. An dem Eismeere kann man auch kein Salz
|L34 machen, ob es gleich salzig genug ist, denn dazu gehört eine wärmere Luftbeschaffenheit,
|L35 als die dortige es ist.

|L36 {&e Anmerkung 1. Von der Destillation des Seewassers ist schon geredet.
|L37 Man machte dabei anfänglich - der Versuche der Alten gedenke ich hier

|P_204_
|L01 nicht - vornehmlich künstliche Versuche und kam am Ende wieder auf ein ganz
|L02 einfaches Verfahren zurück. Außer der Destillation aber hat man auch noch
|L03 andere Mittel versucht, das Seewasser von seinem Salze zu befreien. Hierher
|L04 gehört 1) Das Filtriren, wobei man etliche Gefäße über einander
|L05 stellte und das Seewasser durch den mit Sand gefüllten Boden laufen ließ.
|L06 Dabei blieb aber immer noch der bittre Geschmack jenes Wassers zurück.
|L07 2) Das Gefrieren, indem bei der Verwandlung des süßen Wassers in Eis
|L08 die Salztheilchen zurückbleiben. Indessen bleibt auch dabei noch immer einige
|L09 Bitterkeit übrig, und weder die natürliche, noch die künstliche Verwandlung
|L10 des Wassers in Eis sind überall und im erforderlichen Maße thunlich.
|L11 3) Die Fäulniß. In diesem Falle läßt man das Seewasser in verdeckten
|L12 Gefäßen faulen und reinigt es nachher, entweder durch Destillation oder hineingeworfenen
|L13 Kiessand, welches Verfahren doch aber eben so wenig die Bitterkeit
|L14 des Geschmacks entfernt. Vergleiche Gehler a. a. Ort, Artikel Meer.

|L15 Anmerkung 2. Die Bewohner einiger Küstengegenden, die weder
|L16 Fluß- noch hinreichendes Regenwasser haben, behelfen sich mit dem natürlichen
|L17 Seewasser. So viel vermag die Gewohnheit.

|L18 Anmerkung 3. Die Bitterkeit des Meerwassers, die es auch außer
|L19 seinem Salzgeschmacke hat, schrieb man ehedeß einem Zusatze von Erdharz
|L20 oder Bergfett zu, aus dessen Dasein man dann weiter auf Steinkohlen-Flötze
|L21 am Meeresboden schloß. Neuere Versuche haben aber bewiesen, daß dies nicht
|L22 der Fall sei, sondern daß nach dem Krystallisiren des Salzes von dem Seewasser
|L23 eine dicke Lauge zurückbleibe, in der sich Salzsäure, Magnesia, Glaubersalz
|L24 und selenitische Theile vorfinden (s. Gehler a. a. O.), die bei der Destillation
|L25 alle zurückbleiben, so daß auf diese Weise wirkliches süßes Wasser aus
|L26 dem Meerwasser kann gewonnen werden. Hier, und namentlich in dem
|L27 Kaspischen Meere, findet sich eine besondere, wie Gmelin bemerkt, von Naphtha
|L28 herrührende Bitterkeit vor. So findet man auch vieles Judenpech im sogenannten
|L29 Todten Meere, dessen Wasser daher auch eine starke Bitterkeit hat.}

|L30 ≥ §_25. ≤
|L31 Die Verschiedenheit der Seeluft ist in der Art auffallend und bemerkbar,
|L32 daß Menschen, die auf der See den Scharbock bekommen haben,
|L33 nur den Kopf auf das Land legen dürfen, um mehrentheils dadurch geheilt
|L34 zu werden. {&g } {&v Dagegen ist die Seeluft} oft für anderweitig erkrankte
|L35 Personen heilsam, und viele genesen allein durch eine Seereise. Daher
|L36 auch Linne ein Hospital in der See anzulegen gedachte.

|L37 Der Nutzen des Salzes im Meerwasser ist vielfach und überaus
|L38 groß. Es dünstet zum Theil aus, fällt auf den Acker und macht ihn fruchtbar.

|P_205_
|L01 Eben dieser seiner Eigenschaft wegen kann es auch größere beladene
|L02 Schiffe und größere Thiere tragen, die im süßen Wasser untersinken
|L03 würden. Man kann im Seewasser füglicher schwimmen als im Flußwasser,
|L04 wie denn der Admiral Brodrick, da er in dem letzten Kriege
|L05 zwischen den Spaniern und Engländern sein Schiff durch den Brand verlor,
|L06 eine ganze Stunde schwimmend ausdauern konnte. Er nahm seine
|L07 Papiere in den Mund, ein Matrose seine Kleider, und ward gerettet.
|L08 Das Baden im Salzwasser ist gesund, es ist aber die See nicht, wie
|L09 Einige meinen, ein Verwahrungsmittel gegen die Fäulniß, denn wie man
|L10 bei einer Überschwemmung des Meeres bei hoher Fluth auf der Insel
|L11 Sumatra bemerkt hat, so wurde das Seewasser, nachdem es 14 Tage auf
|L12 dem Lande war stehen geblieben, durch Mangel an Bewegung so übelriechend,
|L13 daß das Castell der Holländer zweimal ausstarb und sie es deshalb
|L14 endlich auch ganz verlassen mußten.

|L15 Weil das Salzwasser schwerer ist: so ist auch der Druck des Seewassers
|L16 sehr groß. Der Graf Marsigli, der mehr Naturforscher als
|L17 General war, hatte eine Bouteille 300 Faden tief in das Meer herabgelassen,
|L18 nachdem er vorher einen Ring in der Art daran befestigt hatte,
|L19 daß sie gerade heruntersinken konnte. Der Druck des Seewassers trieb
|L20 den Pfropfen, der ihre Öffnung verschloß, tief in dieselbe hinein, ja neben
|L21 demselben sogar und durch ihn auch eine kleine Quantität Wasser, welches
|L22 süß war, indem die Salztheilchen nicht mit durchzudringen vermögend gewesen
|L23 waren. Eine solche Wassersäule von {&v 7.000} Kubikfuß, wenn ein
|L24 Kubikschuh auch nur 4 Pfunde schwer ist, wäre eine gute Presse.{&g }

|L25 Noch ist zu merken, daß das Salz nicht zum Leben nothwendig ist,
|L26 da viele Völker, z. E. die Caraiben, ganz ohne dasselbe leben.

|L27 {&e Anmerkung. Wie weit der Unterschied des salzigen Meerwassers in
|L28 Rücksicht seines Gewichtes gehen kann, ersieht man am einleuchtendsten namentlich
|L29 aus dem Wasser des Todten Meeres, dessen specifisches Gewicht gegen
|L30 gemeines Wasser sich wie 5 zu 4 verhält. Sonst ist dieses Verhältniß
|L31 zwischen gemeinem Meer- und Regenwasser, nach Musschenbroek, nur wie
|L32 1.030 zu 1.000. Nach den Ufern zu ist das Meerwasser wieder leichter als
|L33 tiefer hinein wegen dort stärkerer Vermischung mit dem Wasser aus Flüssen
|L34 und Bächen.}

|L35 ≥ §_26. ≤
|L36 Bei der Frage: warum das Meerwasser nicht höher steige, da doch
|L37 täglich ein großer Zufluß aus den Strömen stattfindet, ist man auf die

|P_206_
|L01 Meinung gerathen, die schon die Alten vortrugen, daß die Meere einen
|L02 unterirdischen Zusammenhang hätten, und das Wasser durch dieselben
|L03 unterirdischen Canäle wieder zurücktrete. {&g } Die Alten glaubten immer, die
|L04 Circulation des Wassers müsse unter der Erde vor sich gehen; allein seit
|L05 dem man die Arithmetik auf die Physik angewendet hat, hat man gefunden,
|L06 daß jene Circulation über der Erde geschieht und zwar vermittelst
|L07 der Destillation, nur daß sie uns freilich nicht sichtbar wird.
|L08 Man lernte nämlich einsehen, daß die Ausdünstung des Meerwassers weit
|L09 mehr betrage als der tägliche Zufluß aus den Strömen, indem die
|L10 schmalen Flüsse in Ansehung der Breite des Oceans, über den sich doch
|L11 die Ausdünstung erstreckt, verhältnißmäßig ein sehr weniges Wasser
|L12 hineinführen. Der Ocean müßte im Gegentheil bei dem alleinigen Zuflusse
|L13 der Ströme kleiner werden und abnehmen, wenn er nicht zu seiner Erhaltung
|L14 noch andere Quellen hätte. Dahin gehören der Regen und Schnee
|L15 usw., die perpendiculär auf das Meer zurückfallen, so daß der Ocean im
|L16 Grunde eben so viel ausdünstet, als er auf andern Wegen Zuwachs erhält. {&g }
|L17 Im ganzen {&v Weltmeere} ist der Zufluß durch Ströme der Ausdünstung
|L18 gleich, weil die Flüsse nicht mehr Wasser geben können, als sie
|L19 durch die Ausdünstung des Meeres mittelbar oder unmittelbar bekommen.
|L20 Weil aber einige Meere vom Ocean abgeschnitten sind und keinen Zusammenhang
|L21 mit demselben haben, wie z. B. das Kaspische, einige aber
|L22 wieder kleine Bassins haben, wie die Ostsee, und des ungeachtet viele, beträchtliche
|L23 Flüsse aufnehmen: so können dergleichen Meere höher sein als
|L24 der Ocean. Da es auf der andern Seite aber wieder Meere giebt, die
|L25 zwar im Zusammenhange mit dem Weltmeere stehen und größere {&v Busen}
|L26 haben, aber gar keine oder doch nur wenige Flüsse aufnehmen, bei denen
|L27 also die Ausdünstung größer ist als der Zufluß: so müssen Meere dieser
|L28 Art niedriger stehen, als der Ocean. Ein solches Meer ist z. B. das
|L29 Mittelländische. Wenn die Straße bei Gibraltar vermauert würde, so
|L30 daß kein Zufluß aus dem Atlantischen in das Mittelländische Meer stattfände:
|L31 so würde es seiner der großen Oberfläche halber gewiß sehr starken
|L32 Ausdünstung halber und wegen des geringen Zuflusses der Ströme eintrocknen
|L33 müssen; das Bassin würde immer kleiner werden, obwohl es
|L34 nicht zur gänzlichen Austrocknung kommen, sondern alsdann darin aufhören
|L35 würde, wenn die Ströme gerade nur so {&v viel Wasser noch hineinführten,
|L36 als es wieder ausdünstet.}
In dieser Höhe würde es hernach
|L37 immer stehen bleiben. Jetzt aber geht beständig ein Strom aus dem

|P_207_
|L01 Ocean in das Mittelländische Meer, {&g } der den größern Verlust durch die
|L02 Ausdünstung ersetzt, aber doch nicht so stark ist, um das Mittelländische
|L03 Meer mit dem Ocean in einer gleichen Höhe zu erhalten.

|L04 Das Rothe Meer soll höher liegen als das Mittelländische und der
|L05 Atlantische Ocean höher als der Pacifische. Die Landengen von Suez und
|L06 Panama trennen jene an Höhe ungleichen Meere von einander. Da aber
|L07 der Atlantische Ocean und das Pacifische Meer in keiner so gar großen
|L08 Entfernung davon dennoch zusammentreffen: so dürften die Ursachen,
|L09 welche die Spanier, um die Unmöglichkeit der Durchstechung der letztgenannten
|L10 Erdenge darzuthun, beibringen, wohl mehr politisch als physisch
|L11 sein und die Verbindung beider Meere an dieser Stelle bloß darum
|L12 verhindern sollen, {&v um die Engländer und übrigen Seemächte dadurch um
|L13 so eher zu bewegen, sie in dem ungekränkten Besitze dieser ihrer Länder
|L14 zu lassen.}
Indessen könnte doch wohl der Atlantische Ocean etwas höher
|L15 liegen als das Pacifische Meer, indem ein allgemeiner Strom des Wassers
|L16 von Osten nach Westen stattfindet, der wirklich das Wasser im Atlantischen
|L17 Ocean in etwas anhäufen dürfte.

|L18 {&e Anmerkung: Es war sehr natürlich, daß man anfänglich auf die Vermuthung
|L19 einer unterirdischen Communication aller Meere mit einander kam.
|L20 So führt z. B. die Wolga allein dem Kaspischen Meere täglich auf 21.600 Millionen
|L21 Kubikfuß Wasser zu, und wenigstens zweimal so viel darf man auf den
|L22 Zufluß aus den Strömen Emba, Jaik usw., auf Regen und Schnee rechnen.
|L23 Dabei aber wuchs weder die Höhe des Meeres, noch war ein Abfluß sichtbar.
|L24 Aber die Ausdünstung dieses Meeres soll nach Gmelins Bemerkung
|L25 (Reise durch Rußland, Th. +Z 3 +.), obwohl andere derselben nicht ganz beitreten,
|L26 gerade so stark wie jener Zufluß sein. Fast ganz derselbe Fall findet
|L27 bei dem Mittelländischen Meere statt. Dieses nämlich müßte allein nach dem
|L28 Zuflusse aus dem Atlantischen Meere und dem Nil jährlich auf 26 Fuß anwachsen.
|L29 Die Ausdünstung desselben aber würde im Jahre etwa nur 30 Zoll
|L30 betragen, welche obendrein noch der hineinfallende Regen allein hinlänglich
|L31 ersetzt. Dazu kommen noch andere Phänomene, die hier auf etwas mehr als
|L32 bloße Ausdünstung schließen lassen. Vielmehr wird man genöthigt, hier auf
|L33 ein tieferes Hinausströmen des Wassers zu kommen, im Gegensatze von dem
|L34 Zuströmen desselben an der Oberfläche, woraus die Lehre von den entgegengesetzten
|L35 Strömungen Licht erhält, so wie diese dagegen wieder über jene Erscheinungen
|L36 Aufklärung verbreitet. - Das Rothe Meer soll nach den neuesten
|L37 französischen Beobachtungen und Berechnungen wirklich um mehrere Fuß höher
|L38 liegen als das Mittelländische.}

|P_208_

|L01 ≥ §_27. ≤
|L02 Die Bewegung des Meerwassers ist dreifach, nämlich:
|L03 1. in Wellen, wovon der Wind die Ursache ist,
|L04 2. in Meerströmen und
|L05 3. in der Ebbe und Fluth.

|L06 Was nun zuvörderst die Wellen betrifft: so ist zu merken, daß das
|L07 Wasser in denselben nicht fortläuft, sondern beständig auf einer und derselben
|L08 Stelle stehen bleibt und nur eine {&v schwankende} Bewegung erhält,
|L09 indem der Wind nicht stark genug ist, auf einmal eine solche Quantität
|L10 Wasser in Bewegung zu setzen. Erst bei einem längern Anhalten desselben
|L11 wird dieses möglich. Hieraus kann man es sich erklären, wie es
|L12 kommt, daß die Taucher zwei bis drei Stunden {&e nach seinem Entstehen}
|L13 noch gar nichts von der Wirkung des Windes in der Tiefe empfinden.
|L14 Es scheint wirklich, als ob die Bewegung der Wellen fortrückend wäre,
|L15 indem die folgende Welle nach und nach anschwillt; allein es ist nur eine
|L16 schaukelnde, oscillirende, bald steigende, bald fallende Bewegung. Man
|L17 kann sich davon überzeugen, wenn man Spreu auf das Wasser streut
|L18 und einen Stein, der Wellen erregt, hineinwirft: alsdann sieht man, daß
|L19 die Spreu bei der Wellenbewegung immer nur auf einer Stelle bleibt.
|L20 Man kann dasselbe auch darthun aus der Art, die Entfernung zu
|L21 messen, welche man auf der See zurückgelegt hat. Denn man hat noch
|L22 außer dem Calculiren, wobei man die Gestalt des Himmels mit der
|L23 Zeit, welche man auf der Fahrt zugebracht hat, vergleicht, wenn man nämlich
|L24 der Breite nach gegen den Äquator oder die Pole zu reist, eine andere
|L25 Art, die {&v Meilen} zu messen, die eben darauf beruht, daß das Wasser im
|L26 Meere immer an einer Stelle verbleibt. Man wirft nämlich ein Brett
|L27 aus, welches man auch Log nennt, dessen eines Ende an einem Taue
|L28 befestigt ist, und aus der Länge des Taues, welches man abgewunden
|L29 hat, nebst der Zeit, in welcher man von dem Brette entfernt ist, beurtheilt
|L30 man dann die Weite, die man zurückgelegt hat. Wenn also das Wasser
|L31 nicht auf einer Stelle bliebe, so würde auch das Brett mit schwimmen,
|L32 und hätte man demnach keinen festen Punkt, von dem man anfangen
|L33 könnte: so würde man auch die zurückgelegte Weite in der Art gar nicht
|L34 zu bestimmen im Stande sein. Admiral Anson maß die Weite seiner
|L35 Reise und kam drei Wochen später an die Insel, als er hätte ankommen
|L36 sollen, denn ein Strom kam ihm entgegen, der das Log zurücktrieb. Er
|L37 aber glaubte, daß er sich von demselben weiter bewege.

|P_209_
|L01 Die Wellen sind entweder lange, oder kurze, oder zurückschlagende
|L02 Wellen. Die erstern sind die besten und besonders im Biscayischen
|L03 Meere anzutreffen. Die mittleren aber sind wegen der schaukelnden
|L04 Bewegung, welche das Schiff, die Fässer, andere Waaren, auch selbst die
|L05 {&v Schiffsleute erhalten, sehr gefährlich.} Zurückschlagende Wellen endlich
|L06 sind da, wo es Untiefen giebt; das Wasser wird nämlich von dem Winde
|L07 gedrückt, und weil die Wellen an Felsen anstoßen, so werden sie wieder
|L08 zurückgeschlagen.

|L09 Die langen Wellen sind niemals an steilen, sondern an flachen
|L10 Küsten, und zwar in der Mitte, nicht nahe an denselben. Im Grunde der
|L11 See ist es meistens ruhig. Die Wellenbewegung nämlich findet gewöhnlich
|L12 nur auf der Oberfläche des Wassers statt. {&g } Wo aber das Meer nicht tief genug
|L13 ist, wie z. E. in der Ostsee, da kann der Wind das Wasser bis auf den
|L14 Grund bewegen, woher die kurzen oder zurückschlagenden Wellen entstehen.
|L15 Durch solche Wellen kann die Seestürzung bewirkt werden. Diese
|L16 entsteht, wenn eine Welle berstet, welches der Erfolg davon ist, daß der
|L17 Wind von der Seite steht und die Welle aufgehalten wird.

|L18 Je enger die Meere sind, desto untiefer sind sie auch. Daher haben
|L19 die Wellen in ihnen auch kein freies Spiel, sondern sind abgebrochen.
|L20 An der Kürze der Wellen kann man die Sandbänke erkennen. Alle Riffs
|L21 haben kalte Luft und Nebel. Dieser Umstand ist schwer zu erklären; aber
|L22 im Grunde ist es dieselbe Ursache wie bei den kurzen Wellen. Sie liegt
|L23 nämlich im Boden. In der tiefen See findet eine Kellerwärme statt,
|L24 welche in der Erde in einer Tiefe von siebenzig Fuß anzutreffen ist, und
|L25 die sich nach {&v französischen Beobachtungen} auch in der größten Tiefe beständig
|L26 gleich bleibt. Sie beträgt 25_1/2 Grad nach Fahrenheit's Thermometer.
|L27 Da nun das untere Wasser kälter ist als das obere, so muß der Wind
|L28 das Wasser auf solchem Riff, wo es nicht tief ist, und wo er also das
|L29 Wasser bis auf den Grund bewegen kann, von unten nach oben bringen.
|L30 {&v Weil es nun oben einen höhern Grad der Wärme hat, als es die untere
|L31 Kellerwärme desselben ist: so muß hier, wenn nun jenes kältere Wasser
|L32 nach oben kommt, auch die Lufttemperatur kälter werden.}

|L33 Die eigentliche und größte Höhe der Wellen kann man nicht genau
|L34 wissen; doch behaupten Einige, daß sie niemals höher als vier und zwanzig
|L35 Fuß steigen, welches Maß in zwei Theile getheilt, für die Höhe oder für
|L36 das Thal an der Welle eine Erhöhung von zwölf Fuß über oder eine eben
|L37 solche Vertiefung unter die Oberfläche des Meeres giebt.

|P_210_
|L01 Bei Gelegenheit der Wellenbewegung kann man auch derjenigen Bewegung
|L02 des Wassers Erwähnung thun, welche entsteht, wenn ein segelndes
|L03 Schiff das Wasser durchschneidet. Diesen Weg, den das Schiff zurücklegt,
|L04 kann man auf fünfhundert Schritte weit kennen, und ist dem Schiffer
|L05 sehr nützlich, indem er der nachbleibenden Vertiefung abmerken kann,
|L06 wie weit er durch den Wind etwa von der geraden Fahrt zur Seite abgetrieben
|L07 ist.

|L08 {&e Anmerkung. Was die Temperatur des Meerwassers betrifft: so ist
|L09 dieselbe ungleich dauerhafter als die der Atmosphäre zunächst über dem festen
|L10 Lande und lange nicht so abwechselnd wie diese, was sich schon daraus ergiebt,
|L11 daß sie vielen Versuchen und Erfahrungen zu folge nur zwischen den
|L12 Graden 26 und 68 des Fahrenheitischen Thermometers, und nur in den kältesten
|L13 Erdstrichen unter diese Punkte abweicht. In den wärmsten Klimaten
|L14 steht das Wasser beständig der Luft an Wärme, selbst schon an der Oberfläche
|L15 nach, daher die kühlenden Seewinde. Übereinstimmender ist die Luft- und
|L16 Wassertemperatur in den gemäßigten Himmelsstrichen, nur daß die letztere hier
|L17 oft durch einen starken Wind oder Sturm erhöht wird, wie man gewöhnlich
|L18 dies an den Küsten von Preußen und Kurland, namentlich bei einem von den
|L19 schwedischen Küsten herwehenden Nordwinde bemerkt. Unter den erforderlichen
|L20 Umständen kann daher sogar die Nähe der See eine leidlichere Temperatur
|L21 auf dem benachbarten festen Lande bewirken, wäre es auch nur für eine
|L22 kurze Zeit.}

|L23 ≥ §_28. ≤
|L24 Wenn ein Sturm lange angehalten hat und durch ihn das Wasser
|L25 auf dem Boden des Meeres in Bewegung gebracht ist: so dauert die Bewegung
|L26 der Wellen von unten her nach oben noch fort, wenn gleich der
|L27 Sturm schon längst aufgehört hat. Und diese Bewegung, welche den
|L28 Schiffern sehr gefährlich ist, wird von ihnen die hohle See genannt. Bei
|L29 einem Winde kann die Bewegung der Wellen dem Schiffe nicht so leicht
|L30 schädlich werden, weil es dabei gleichsam mit fortgetragen wird. Wenn aber
|L31 der Wind nachläßt, die Bewegung dagegen noch fortdauert: so ist das
|L32 Schiff einem Balle gleich, indem es nicht weiter rücken kann, sondern sich
|L33 immer wie auf einer Stelle muß schaukeln lassen, wobei sich im Schiffe
|L34 und an demselben alles losreißt und aus seinen Fugen geht.
|L35 Die hohle See ist also eine Wellenbewegung nach vorhergegangenem
|L36 Winde. Man nahm an, daß wenn man Öl auf die See gösse, sie in
|L37 solchem Falle dürfte beruhigt werden, und wahr ist es, daß das Öl eine
|L38 geringe Wasserbewegung zu stillen im Stande ist. {&v Ist das Meerwasser

|P_211_
|L01 ganz in Ruhe, so kann man, wie schon gesagt, seiner Durchsichtigkeit
|L02 wegen manches unter demselben auf dem Boden entdecken.}
So bald aber
|L03 die Oberfläche auch nur in etwas in Bewegung gesetzt wird: so ist es auf
|L04 dem Boden trübe und finster, als zögen Wolken vorüber. In einem
|L05 solchen Falle bedienen sich die Taucher mit Vortheil des Öles, das sie zu
|L06 diesem Behufe meistens im Munde mit sich herabnehmen. Lassen sie dasselbe
|L07 nämlich herausfließen, so steigt es in die Höhe, ebnet einen Theil der
|L08 wellenförmig sich bewegenden Oberfläche, und nun entsteht an dieser
|L09 Stelle eine Art von Fenster, durch welches sie Licht auf dem Boden erhalten.
|L10 {&v Was aber unter solchen Umständen und zu einem solchen Zwecke
|L11 thunlich und hinreichend ist, das dürfte es unter anderweitigen Umständen
|L12 wahrscheinlich nicht sein. Schiffe, die mit Öl beladen waren, erlitten
|L13 eine hohle See. Sie wurden an einander zerschmettert, das Öl ergoß sich
|L14 über das Meer, das dennoch nicht ruhig wurde, wie Musschenbroek
|L15 erzählt.}

|L16 Eine andere Art der Wellenbewegung besteht in den Brandungen.
|L17 Das Wasser mitten in der See hat die Bewegung, welche ein Perpendikel
|L18 hat, das heißt, eine oscillirende Bewegung, da nämlich dasselbe in gleicher
|L19 Zeit steigt und in gleicher Zeit wieder fällt. Gegen das Land aber werden
|L20 die Wellen zurückgeschlagen, wie wenn der Faden des Perpendikels verkürzt
|L21 wird. Wenn demnach eine Welle vom Lande zurückkehrt, so steigt
|L22 die andere in die Höhe, folglich vereinigt sich die zurückkehrende Welle mit
|L23 der aufsteigenden, und so ergießen sich dann beide weiter über das Land.
|L24 Die Ursache der Brandungen ist folgende. Die Wellen an den
|L25 Ufern und Küsten können nicht ein gleiches Spiel mit den andern Wellen
|L26 machen, weil sie vom Lande aufgehalten werden. Daher holt die andere
|L27 Welle die erste ein; folglich ist die zweite bereits höher, aber die dritte
|L28 holt wieder diese ein und ist sonach noch höher, und in der Art geht es
|L29 immer fort, bis endlich der Druck der letzten Welle am stärksten ist und sie
|L30 alle zurücktreibt, da das Spiel alsdann wieder aufs Neue seinen Anfang
|L31 nimmt. Dergleichen nun nennen die Schiffer, wie gesagt, Brandungen.
|L32 In Guinea ist die größte Welle die siebente oder achte, deren Übergang
|L33 die Schiffer erwarten müssen, wofern sie nicht nebst ihrem Boote
|L34 wollen verschlungen werden. Vielleicht war es diese größte Welle, die die
|L35 Römer +L fluctum decumanum + nannten.

|L36 {&e Anmerkung 1. Über die Wellenbewegung des Meeres sind umständlicher
|L37 nachzulesen: Gehler a. ö. a. O. Art: Wellen und Meer. Otto's

|P_212_
|L01 System einer allgemeinen Hydrographie des Erdbodens. S. 486
|L02 u. f. Im Mittelländischen Meere erheben sich die Wellen nicht leicht über 8
|L03 Fuß, steigen aber in der Ostsee oft höher. Selten erstreckt sich die Wellenbewegung
|L04 tiefer als 15 Fuß, daher die ostindischen Perlenfischer sogar unter
|L05 das Meer zu tauchen wagen, wenn die Schiffe des starken Wellenschlagens
|L06 wegen das Auslaufen scheuen.

|L07 Anmerkung 2. Schon die Alten, Aristoteles, Plinius u. A. erwähnen
|L08 des Öles als eines wellenberuhigenden Mittels, und Franklin selbst
|L09 nahm in unsern Zeiten die Sache in Schutz. Indessen läßt sich bis jetzt über
|L10 die Anwendbarkeit dieses Mittels im Großen noch kein sicherer Schluß machen,
|L11 wie man z. B. aus v. Zach Allgemein. geograph. Ephemeriden, Bd. +Z 2 +.
|L12 S. 516 u. f. vergl. mit S. 575. ersehen kann.

|L13 Anmerkung 3. Bei den Römern galt wirklich die zehnte Welle für
|L14 die größte, wie OVID +L Metam. + +Z 11 +, 530. +L Trist.+ +Z 1 +. 2, 49. +L Sil. Ital. + +Z 14 +. 124.
|L15 beweist.

|L16 Anmerkung 4. Noch kann ich hier eine besondere Erscheinung, ich
|L17 meine die sogenannte +L Fata Morgana +, nicht mit gänzlichem Stillschweigen übergehen.
|L18 Erst neuerdings hat man recht eigentlich angefangen, diesen Gegenstand,
|L19 obwohl noch immer nicht mit der Aufmerksamkeit, die er zu erregen im
|L20 Stande ist, zur Sprache zu bringen. Diese +L Fata Morgana + besteht in der Erscheinung
|L21 von Städten und Landpartieen und andern Dingen der Art über
|L22 der Oberfläche des Meeres, aus der sie sich zu erheben scheinen. Ob die besondere
|L23 Wellenbewegung des Meeres, ob die eigenthümliche Natur der benachbarten
|L24 Küsten, ob eine eigenthümliche Beschaffenheit der Atmosphäre einzeln,
|L25 oder ob diese Umstände gemeinschaftlich zur Erzeugung dieses Phänomenes
|L26 wirken, muß noch erst dargethan werden. Wie thätig der Aberglaube dabei
|L27 gewesen ist, läßt sich leicht denken. Etwas Ähnliches über dem Lande, oder
|L28 die Kippung, haben die Franzosen, namentlich Monge, in Ägypten bemerkt.
|L29 Weitläuftiger über die +L Fata Morgana + haben sich die Verfasser einzelner Aufsätze
|L30 in Gasparis und Bertuchs allgem. geograph. Ephemeriden,
|L31 Jahrg. 1800. verbreitet.}

|L32 ≥ §_29. ≤
|L33 Die zweite Bewegung des Wassers wird durch die Meerströme veranlaßt.
|L34 Die Ursache der Meerströme ist zu suchen:

|L35 1. In der allgemeinen Bewegung des Oceans von Osten nach Westen.
|L36 Diese rührt von der Umdrehung der Erde um ihre Axe von Westen
|L37 nach Osten her, indem dadurch das Wasser gleichsam zurückgeschleudert
|L38 wird.

|L39 2. In der Ausdünstung.

|P_213_

|L01 3. Im Winde.

|L02 4. In der Ebbe und Fluth; von welcher letztern weiterhin besonders soll
|L03 gehandelt werden.

|L04 ≥ §_30. ≤
|L05 Nachdem wir bereits oben bei Gelegenheit der Ausdünstung gesehen
|L06 haben, daß Meere, die in einem Zusammenhange mit dem Ocean stehen,
|L07 weil einige von ihnen kleine Bassins und einen starken Zufluß von Strömen
|L08 haben, diese daher weniger ausdünsten, andere aber große Bassins
|L09 und einen geringern Zufluß haben, also stärker ausdünsten, die erstern
|L10 demnach höher, die andern aber niedriger stehen müssen als der Ocean:
|L11 so muß in den Straßen, {&v vermittelst welcher} solche mittelländische Meere
|L12 mit dem Oceane zusammenhängen, beständig ein Strom, der von keinem
|L13 Winde erregt wird, anzutreffen sein, durch welchen sich entweder das
|L14 Wasser aus dem Meere, wenn dieses nämlich höher steht, in den Ocean,
|L15 oder umgekehrt, das Wasser des Oceans in das Meer, wenn solches niedriger
|L16 liegt, ergießt. {&v Kennt man die Zahl und Masse der Flüsse, die sich
|L17 in ein dergleichen Mittelmeer ergießen, sammt der Oberfläche des letztern:
|L18 so kann man schon daraus ungefähr abnehmen, welche Richtung der Strom
|L19 nehmen müsse, ob aus dem Mittelmeer in den Ocean, oder entgegengesetzt,
|L20 aus diesem in jenes. Man hat dergleichen Ströme nur bei der
|L21 Straße von Gibraltar, durch welche das Mittelländische Meer mit dem
|L22 Ocean zusammenhängt, ferner bei dem Sunde und den beiden Belten,
|L23 die die Ostsee mit der Nordsee verbinden, bemerkt.}

|L24 Außer diesem obern Strome giebt es gemeinhin noch einen andern,
|L25 der sich unten auf dem Boden des Meeres befindet, und in einer jeden
|L26 Straße angetroffen wird. Dieser untere Strom ist dem obern beständig,
|L27 entgegengesetzt. Büffon, in seiner Naturgeschichte, will dieses Phänomen
|L28 gänzlich verwerfen, weil es ihm unbegreiflich dünkt. Allein die Erfahrung
|L29 lehrt dennoch, daß dem in der That also sei. Man ließ nämlich ein Boot
|L30 auf dem Sunde aussetzen, an dem ein Strick befestigt war. Das andere
|L31 Ende dieses Strickes aber war an einem Fasse, in dem sich etliche eiserne
|L32 Kugeln befanden, fest gemacht. Als das Faß eine gewisse Tiefe erreicht
|L33 hatte, sah man nun, wie das Boot dem obern Strome ganz entgegengesetzt
|L34 fortgezogen wurde.

|L35 In der Straße bei Gibraltar geht der obere Strom hinein und der
|L36 untere hinaus. Im Sunde ist der Fall umgekehrt. Die Ursache ist diese.
|L37 Das Mittelländische Meer ist niedriger als der Ocean, der den obersten

|P_214_
|L01 Strom bildet. Die Ostsee dagegen ist höher als das Nordmeer, weil der
|L02 Zuwachs an Wasser in derselben beträchtlicher ist als die Ausdünstung,
|L03 folglich geht der obere Strom heraus. Weil nun wieder das Wasser im
|L04 Mittelländischen Meere, eben der Ausdünstung wegen, salziger ist, also
|L05 auch specifisch schwerer als das Wasser im Oceane: so geht der untere
|L06 Strom aus jenem in diesen; dagegen aber das Wasser der Nordsee, weil
|L07 das in der Ostsee leichter ist, durch den untern Strom in diese eindringt.
|L08 Der untere Strom entsteht demnach durch den Druck des Wassers.
|L09 Die Säule nämlich des Wassers im Mittelländischen Meere ist schwerer,
|L10 weil sie salziger ist als die Säule des Oceans, folglich treibt das schwerere
|L11 Wasser durch den Druck das leichtere zurück. In der Ostsee ist es aus
|L12 derselben Ursache umgekehrt.

|L13 Ist also die Ausdünstung in einem Mittelmeere größer als der Zufluß:
|L14 so geht der obere Strom hinein und der untere Strom heraus. Ist
|L15 aber der Zufluß von süßem Wasser größer: {&v so tritt der entgegengesetzte
|L16 Fall ein. Nach diesem Maßstabe läßt sich nun die Stromcommunication
|L17 aller Meere beurtheilen.}

|L18 {&e Anmerkung 1. Jener zwischen den Wendekreisen befindliche allgemeine
|L19 Strom von Osten nach Westen scheint außer der angegebenen Ursache auch
|L20 im Umlaufe des Mondes, so wie in dem hier fast beständig wehenden Ostwinde
|L21 seinen Grund zu haben, und eben dieser Strom ist wieder Ursache, daß man
|L22 schneller mit ihm von Amerika nach den Molukken, als gegen ihn von diesen
|L23 aus dorthin reist. Ein zweiter allgemeiner Strom, dessen ältere Naturforscher
|L24 erwähnen, der aber wahrscheinlich keinen Grund hat, nämlich von den Polen
|L25 aus gegen den Äquator, ließe sich, wenn er wirklich wäre, allenfalls aus der
|L26 starken Ausdünstung des Meeres unter dem Äquator erklären, wodurch das
|L27 dort befindliche specifisch schwerere Wasser unten ausweichen und dem leichtern,
|L28 von den Polen eindringenden Wasser oberhalb Raum machen würde. Aber
|L29 die bloße Axendrehung der Erde müßte schon dergleichen verhindern.

|L30 Anmerkung 2. Außer der Meerenge bei Gibraltar und dem Öresunde
|L31 hat man über und unter einander entgegenlaufende Strömungen nur noch im
|L32 thracischen Bosporus wahrgenommen. Ob es dergleichen auch in offener See
|L33 gebe, ist noch nicht gewiß, nur giebt es wirklich entgegengesetzte Strömungen
|L34 daselbst, doch in einiger Entfernung von einander.}

|L35 ≥ §_31. ≤
|L36 Wenn lange anhaltende Winde nach einem Striche gehen, so bewegen
|L37 sich auch die Ströme, die durch sie verursacht werden, nach einem

|P_215_
|L01 Striche. Im Pacifischen Oceane ist aber ein Strom (auch Strömung,
|L02 Stromgang genannt), der an der Küste eine andere Richtung nimmt,
|L03 und an den Sundaischen Inseln setzen die Winde sich um, im Sommer von
|L04 Westen nach Norden und im Winter von Norden nach Westen. Die
|L05 Ströme an den Molukkischen Inseln sind sehr heftig.
|L06 Meere, die zwischen Ländern liegen, haben oft sehr gefährliche
|L07 Ströme. Z. B. das Kattegat, wo der Strom die Schiffe unvermerkt an
|L08 die Küste treibt. Daher die Kenntniß der Ströme die Schiffer auch so
|L09 sehr interessirt. Es giebt auch in dem Mittelländischen Meere mitten in
|L10 der See sowohl als an den Küsten eine Art von Strömen, welche bei der
|L11 Straße von Gibraltar ostwärts nach Frankreich und Spanien, ferner
|L12 rings um den Adriatischen Meerbusen, nach der Levante und wiederum
|L13 an den afrikanischen Küsten herumlaufen. Die Ursache davon ist vielleicht
|L14 folgende. Das Wasser aus dem Schwarzen Meere fließt, weil dieses höher
|L15 liegt, in das Mittelländische Meer ab. Weil nun von der afrikanischen
|L16 Seite her, {&e mit etwaniger Ausnahme des Nil,} keine, von der entgegengesetzten
|L17 Seite aber viele Ströme hineinfließen: so widersteht das Wasser {&g }
|L18 und muß bei den afrikanischen Küsten verbleiben. So bald es aber einmal
|L19 in Gang gebracht ist, behält dasselbe auch seinen Lauf und fließt nun
|L20 unablässig fort.

|L21 {&e Die bekannteste Strömung dieser Art ist der Golfstrom, der von dem
|L22 Mexicanischen Meerbusen ausgeht, sich zwischen den Bahamainseln und
|L23 Florida, ferner von der nordamerikanischen Küste nordöstlich hinwendet,
|L24 so allmählig bis an die norwegischen Küsten gelangt und von da her nordwestlich
|L25 gegen Grönland abfließt. Die erste Ursache dieser Strömung ist
|L26 allein im Ostwinde zu suchen, der das Wasser im Mexicanischen Meerbusen
|L27 anhäuft und es auf diese Weise zu einem Austreten nach dieser Seite
|L28 hin gleichsam zwingt.

|L29 Dergleichen Strömungen legen, wie gesagt, den Schiffern manche
|L30 Hindernisse in den Weg, sind aber von der andern Seite auch sehr wohlthätig,
|L31 wovon nachher die Rede sein wird.}

|L32 ≥ §_32. ≤
|L33 Eine Wirkung zweier Ströme sind die Strudel {&e oder Meerwirbel.}
|L34 Bei Messina kommt ein südlicher Strom einem nördlichen entgegen, und
|L35 einer hält sich an der einen, der andere an der andern Seite. Solche zwei
|L36 Gegenströme geben ein so genanntes Todwasser, wie z. B. das vorhin

|P_216_
|L01 erwähnte Grasmeer. {&v Ursache davon sind zwei einander entgegenstrebende
|L02 Winde.}
Die See aber wirft alles, was nicht gleiche Bewegung
|L03 mit ihr hat, und dem Strome nicht folgen kann, auf die Seite, wo es
|L04 ruhiger ist.

|L05 Die merkwürdigsten Strudel sind: die {&g } Charybdis {&e am Cap Faro,}
|L06 {&e zwischen Sicilien und Calabrien,} der Euripus {&e zwischen Negroponte und
|L07 den böotischen Küsten}
und der Malstrom {&e oder Moskestrom an der
|L08 Küste von Norwegen unter 68 Grad N. B.}

|L09 Von diesen Meerstrudeln können zwar kleine Fahrzeuge, nicht aber
|L10 große Schiffe verschlungen werden, sondern die Schiffe bringen selbst den
|L11 Strudel in Unordnung. Wenn aber Schiffe im Malstrome verunglücken,
|L12 so geschieht dies daher, weil sich die Winde mit jedem Augenblicke ändern,
|L13 und weil die Schiffe an die Felsen stoßen und scheitern.

|L14 {&e Anmerkung. Diese Meerstrudel oder Wirbel bestehen in kreis- oder
|L15 spiralförmigen, trichterförmigen Bewegungen des Meeres an besondern Stellen
|L16 desselben, und die Ursache derselben beruht eben so oft auf den unter dem
|L17 Wasser befindlichen Klippen als auf der Ebbe und Fluth, auf Vertiefung des
|L18 Meerbodens etc., ohne daß man deshalb die Erzählungen von tiefen
|L19 Schlünden, wie sie z. B. der Taucher Cola Pesce unter der Charybdis wollte
|L20 gefunden haben (S. +L KIRCHERI Mundus subterr. T. +Z 1 +. p. + 97.), für etwas mehr
|L21 als bloße Fabel halten darf. Auf alle drei hier genannten Strudel haben
|L22 Ebbe und Fluth die augenscheinlichste Einwirkung, nur daß das jedesmalige
|L23 Locale hier eine Abänderung bewirkt. Vergl. Gehler a. ö. a. O. Art: Strudel.}

|L24 ≥ §_33. ≤
|L25 Daß in dem ganzen Weltgebäude nie eine gänzliche Ruhe herrscht,
|L26 sondern daß sich jederzeit die Körper einander zu nähern bemüht sind,
|L27 oder gegenseitig anziehen, hat Newton bewiesen*). Eben derselbe hat
|L28 dargethan, daß die Schwere der Körper nichts anderes als eine Anziehung
|L29 sei, die von dem ganzen {&v Körper} und nicht von dem Mittelpunkte
|L30 allein bewirkt wird. Ob nun gleich die Anziehung des Mondes {&v nur bei
|L31 den wenigsten Körpern auf unserer Erde merklich}
ist, weil die Erde ihnen
|L32 näher als der Mond ist: so äußert sich dieselbe doch wirklich und ist bei
|L33 flüssigen Materien, namentlich bei dem Wasser, {&v in die Augen fallend.}
|L34 {&e *) +L Princip. philos. natur. + Vergl. auch I. Kant's Sammlung einiger
|L35 kleinen Schriften herausgegeben von F. T. Rink. Königsb. 1800. gr. 8. S. 7 u. f.
|L36 nebst Gehler a. ö. a. O. Art. Ruhe und Trägheit.}

|P_217_
|L01 Wenn die Anziehung des Mondes auf der ihm zugekehrten Seite
|L02 nur eben so stark wäre als im Mittelpunkte und der von ihm abgekehrten
|L03 Seite der Erde: so würde das Wasser auf dieser im Meere überall gleich
|L04 hoch stehen. Allein weil die dem Monde zugekehrte Seite ihm näher
|L05 ist als der Mittelpunkt der Erde und dieser wieder näher als die von ihm
|L06 abgekehrte Seite: so wirkt der Mond stärker auf die erstere als auf den
|L07 Mittelpunkt und auf diesen mehr als auf die abgekehrte Seite. Dieserhalb
|L08 erhebt sich das Wasser auf der dem Monde zugekehrten Seite, und
|L09 weil es von dem Monde angezogen wird: so wird es in Ansehung der
|L10 Erde leichter.

|L11 Das Wasser nun, welches zu den Seiten der Erde mit dem Mittelpunkte
|L12 derselben gleich stark angezogen wird, sucht sich mit dem Wasser
|L13 auf der zugekehrten Seite in ein Gleichgewicht zu setzen. Da nun das
|L14 Wasser auf den Seiten schwerer als {&v das auf dem obern Theile} ist: so
|L15 wird auch {&v eine geringere Masse} Wassers an denselben eben so viel wiegen,
|L16 als eine größere Masse desselben auf der dem Monde entgegengesetzten
|L17 Seite, weil auf dieser das Wasser vom Monde weniger angezogen wird,
|L18 folglich wird es auf der obern Seite anschwellen, auf der mittlern Seite
|L19 aber abnehmen. Der Mittelpunkt der Erde wird aber wieder mehr von
|L20 dem Monde angezogen als ihre vom Monde abgekehrte Seite, folglich
|L21 wird der Mittelpunkt sich von dem Wasser, oder, welches einerlei ist, das
|L22 Wasser sich von dem Mittelpunkte entfernen und auf der andern Seite
|L23 anschwellen.

|L24 Weil nun der Mond dem Anscheine nach in 24 Stunden rund um
|L25 die Erde läuft: so wird derselbe dieses angeschwollene Wasser mit sich
|L26 ziehen, folglich wird an einem jeden Orte das Wasser täglich zweimal anschwellen
|L27 und sinken. Weil aber der Mond wegen seiner Bewegung um
|L28 die Erde an einem jeden Tage um 3/4 Stunden {&e oder genauer 49 Minuten}
|L29 später als an dem nächst vorhergehenden aufgeht, bis er wieder in
|L30 einem Monate um die Erde herumgekommen ist: so wird auch das Anschwellen
|L31 täglich um drei Viertelstunden später eintreten müssen. Es
|L32 wird aber auch das Wasser wegen der großen Quantität sich nicht sogleich
|L33 bei der ersten Wirkung der Anziehung des Mondes sammeln können,
|L34 daher es auch kein Wunder ist, daß dieses Anschwellen erst drei Stunden
|L35 nach dem Aufgange des Mondes am stärksten ist.

|L36 Die Fluth sollte dann die größte Höhe erreicht haben, wenn der
|L37 Mond im Meridian steht; bliebe er in demselben, so würde das auch der

|P_218_
|L01 Fall sein, weil er aber, bevor sich das Wasser sammeln kann, schon wieder
|L02 fortgerückt ist: so wird das Wasser dadurch in seinem Zusammenflusse
|L03 gehindert.

|L04 Die Fluth im weiten Ocean ist klein, denn das große Wasser kann
|L05 sich seines größern Zusammenhanges wegen nicht so leicht ansammeln,
|L06 daher die Fluth denn auch an den Inseln des Pacifischen Meeres nur
|L07 6 Fuß, bei Bristol dagegen 20 Fuß hoch ist. Wo große Busen sind, da
|L08 giebt es auch große Fluthen. Meere, die vom Ocean abgeschnitten sind,
|L09 haben {&v selten} Ebbe und Fluth.

|L10 Obgleich ferner die Sonne weiter von der Erde entfernt ist als der
|L11 Mond, da dieser nämlich nur etwa 60, jene aber {&v 23 bis über 24.000} Erdhalbmesser
|L12 von ihr absteht: so äußert sich dennoch auch von ihrer Seite,
|L13 weil sie wenigstens 10.000.000 mal mehr Masse hat, eine merkliche Anziehung
|L14 auf der Erde. Zur Zeit des Neumondes, wenn die Sonne mit
|L15 dem Monde in einerlei und derselben Gegend des Himmels steht, oder in
|L16 Conjunction mit ihm ist, und bei dem Vollmonde, wenn sie einander
|L17 opponirt sind oder 180 Grade von einander abstehen, müssen die Anziehungskräfte
|L18 beider vereinigt wirken, und also wird zu dieser Zeit das
|L19 größte Anschwellen, so wie das niedrigste Herabsinken des Wassers stattfinden
|L20 müssen. In der Opposition tritt dieser Fall daher ein, weil auf
|L21 der dem Monde sowohl zu- als abgekehrten Seite der Erde das Wasser
|L22 gleich hoch anschwellt. Zur Zeit der Mondesviertel dagegen wird die
|L23 Sonne da ihre Attraction äußern, wo das Wasser wegen Anziehung des
|L24 Mondes sinken soll, folglich wird die Wirkung des Mondes hierdurch verringert
|L25 werden und zur Zeit des ersten und letzten Viertels das geringste
|L26 Anschwellen und Sinken des Wassers eintreten.

|L27 Da nun Newton ausgerechnet hat, wie der Mond, wenn er nur
|L28 allein das Wasser der Erde anzöge, es um 10 Fuß und die Sonne in
|L29 demselben Falle es um 2 Fuß erheben würde: so muß das Wasser in
|L30 der Conjunction und Opposition des Mondes und der Sonne zu einer
|L31 Höhe oder Tiefe von 12 Fuß, in den Quadraturen dagegen, wenn sie
|L32 90 Grade von einander entfernt sind, nur um 8 Fuß anschwellen und
|L33 sinken. In der hohen See wird dieses langsam und allmählig geschehen,
|L34 bei den Meerbusen aber, wo das Land Widerstand leistet, muß das Wasser
|L35 natürlich mit {&v einer Art von Ungestüm} eindringen. Jedoch merken wir
|L36 an, daß die größte Fluth erst drei Tage nach der Conjunction und Opposition
|L37 erfolgt.

|P_219_
|L01 Alles dieses bestätigt die Erfahrung zum Beweise, daß der Umlauf
|L02 des Mondes wirklich die Ursache von dem Steigen des Wassers, welches
|L03 die Fluth heißt, und dem Fallen desselben, welches die Ebbe genannt
|L04 wird, ist. Die Fluth zur Zeit des Neu- und Vollmondes heißt die
|L05 Springfluth, zur Zeit der beiden Viertel aber die todte Fluth {&e oder
|L06 Nipp-Fluth.}
Doch wird das Wasser auch bei der stärksten Fluth eigentlich
|L07 nur um sechs Fuß in die Höhe gehoben.

|L08 Es ist aber an manchem Orte Ebbe, wenn nicht weit davon Fluth
|L09 ist. So ist bei Hamburg Ebbe, wenn bei Helgoland, einer nur fünfzehn
|L10 Meilen von jener Stadt entfernten Insel, Fluth ist. Dieses rührt daher,
|L11 weil die Fluth nach der Beschaffenheit des umherliegenden Landes gar
|L12 oft verzögert wird, so daß sie nicht zu rechter Zeit {&v eintreten} kann, indessen
|L13 kommen dennoch an einem jeden besondern Orte Ebbe und Fluth zu einer
|L14 bestimmten Zeit. London hält es sich für ein großes Prärogativ, daß die
|L15 Schiffe aus Schottland sowohl als aus Frankreich mit der Fluth daselbst
|L16 einlaufen und mit der Ebbe wieder auslaufen können. Es läßt sich aber
|L17 solches füglich erklären, indem die Fluth aus zwei Meeren zugleich wie
|L18 in einen Canal einfließt.

|L19 Die Ebbe in den Flüssen dauert länger als die Fluth, weil sich das
|L20 Wasser in ihnen sehr hemmt. Das Todte, das Kaspische Meer und die
|L21 Ostsee haben keine Fluth, weil sie vom Ocean abgeschnitten sind und an
|L22 sich eine zu kleine Oberfläche haben. Bei Venedig zeigt sie sich zwar, aber
|L23 nur sehr unbedeutend.

|L24 Die Anziehung des Mondes ist eben so alt als er selbst und eben
|L25 eine Kraft wie die Schwere, daher sie bis zum Centrum dringt. Dem
|L26 zu folge erstreckt sich auch die Bewegung des Wassers bei der Ebbe und
|L27 Fluth bis auf den Grund des Meeres und bringt also Wirkungen hervor,
|L28 die die Wellen nicht zu effectuiren im Stande sind. Sie ist die erste Ursache
|L29 der größten Veränderungen auf der Erde, und einige Ströme und
|L30 Strudel sind, wie schon bemerkt, Wirkungen der Ebbe und Fluth. So ist
|L31 der Euripus, den man von Euböa aus wahrnehmen kann, eine Wirkung
|L32 derselben, indem er sich beständig nach dem Stande des Mondes richtet.
|L33 Er wird zu gewissen Zeiten unruhig, und seine Wellen bewegen sich stark,
|L34 brausen auf und schlagen einander zurück, ohne daß der geringste Wind
|L35 dazu kommt. Die große Unähnlichkeit dieser Erscheinung mit der Ebbe
|L36 und Fluth hinderte die Naturforscher geraume Zeit, die wahre Ursache
|L37 derselben zu entdecken, ja, nach einer bekannten Fabel, sollte sich Aristoteles

|P_220_
|L01 in den Euripus gestürzt haben, weil er die Ursache jener Bewegung
|L02 desselben für unergründlich hielt.

|L03 {&e Anmerkung. Nach Plutarchs Bericht war Pytheas von Massilien
|L04 der erste, welcher bereits die Ebbe und Fluth auf den Mondeslauf zurückführte,
|L05 und es wäre ein Wunder, daß erst Newton die Wahrheit dieser Bemerkung
|L06 darthat, wäre nicht ein so großer Unterschied zwischen der bloßen
|L07 Wahrnehmung, daß etwas so sei, und dem Beweise, daß es so sein müsse
|L08 und nicht anders sein könne. Dieser Beweis beruhte hier aber auf dem Begriffe
|L09 der Attraction. Man vergleiche noch zu diesem Gegenstande: +L Philos. +
|L10 +L nat. princip. mathem. auct. + Is. Newtons +L cum comment. + LE SUEUR +L et +
|L11 JACQUIER. T. +Z 3. + Genev. 1760. gr. 4., wo sich zugleich die nähern Untersuchungen
|L12 von Dan. Bernoulli, Mac-Laurin und Euler befinden. Ferner
|L13 Gehler a. a. O. Art: Ebbe und Fluth. Hube Unterr. in der Naturlehre.
|L14 Th. +Z 3. + Leipz. 1794. Über die besondern, auf Ebbe und Fluth Bezug
|L15 habenden Bewegungen im Euripus s. Fabri's Geistik, S. 410. u. f.}

|L16 ≥ §_34. ≤
|L17 Außer dieser Anziehungskraft, welche sich durch den ganzen leeren
|L18 Raum erstreckt, ist keine Einwirkung einer fremden Kraft auf unsere Erde
|L19 außer der des Lichtes zu verspüren. Es scheint dieses nur eine zitternde
|L20 Bewegung des Äthers zu sein, so wie der Schall von der zitternden Bewegung
|L21 der Luft herrührt. Die einzige Sonne bringt in dieser Rücksicht
|L22 eine merkliche Veränderung hervor, indem der Mond ein 300.000 mal
|L23 schwächeres Licht hat als die Sonne, und dieses daher, weil er nicht allein
|L24 viele Strahlen, die er von der Sonne erborgt, verschluckt, sondern auch
|L25 eine beträchtliche Anzahl derselben zurückwirft und zerstreut, daher auch
|L26 sein Licht, es mag noch so stark concentrirt werden, nicht die geringste
|L27 Wärme hervorbringt. Die Wirkung dieser Kraft der Sonne und der
|L28 übrigen Körper erstreckt sich aber wahrscheinlich nur bis auf die Oberfläche
|L29 der Erde.

|L30 {&e Anmerkung 1. Sind die Naturforscher noch über irgend etwas in Ungewißheit:
|L31 so ist es die Natur und das Wesen des Lichts, von dem es noch
|L32 erst zur Evidenz muß erwiesen werden, ob wir es auf einen eigenthümlichen
|L33 Stoff zurückzuführen haben, oder ob es eine bloße Modification des Wärmestoffes
|L34 ist, oder ein Accidenz, eine Wirkung u. s. w. anderer Stoffe. Die im
|L35 Paragraph selbst vorgetragene Eulerische Hypothese hat indessen fast gänzlich
|L36 ihr Ansehen verloren, und die Newtonische ist dagegen durch die neuesten chemischen
|L37 Untersuchungen insofern als die wahrscheinlichste erschienen, daß das

|P_221_
|L01 Licht nämlich etwas Materielles sei, das man als vom Wärmestoffe verschieden
|L02 zu betrachten hat. Das Umständlichere hierüber findet man bei Gehler a. a. O.
|L03 Art. Licht im Werke selbst und im Supplementbande unter demselben Artikel.
|L04 Ob aber der Wärmestoff selbst als etwas Materielles könne angenommen,
|L05 oder ob eine dynamische Erklärungsart in Rücksicht seiner erforderlich werde:
|L06 das ist eine noch keineswegs entschiedene Frage. Die neueste mir darüber bekannt
|L07 gewordene Untersuchung hat der Gelehrte Hr. H R. Mayer zu Göttingen angestellt,
|L08 über die man die dortigen Gelehrt. Anzeigen. St. 84. v. J. 1801.
|L09 nachsehen kann. Gelänge es doch dem ehrwürdigen Urheber dieser phys. Geographie
|L10 noch seinen Übergang von der Metaphysik der Natur zur
|L11 Physik bekannt zu machen! Auch über diesen Gegenstand würde man dort,
|L12 wie ich bestimmt weiß, manche scharfsinnige Bemerkung vorfinden.
|L13 Die Sonne sendet uns aber nach Herschels neuesten Bemerkungen nicht
|L14 bloß Licht- sondern auch Wärmestrahlen zu. S. Bode's Astronom. Jahrbuch
|L15 f. d. J. 1803. Gren's Journal für die Physik, fortgesetzt von
|L16 Gilbert, u. s. w. Insbesondere aber: Herschel, Untersuchungen über
|L17 die Natur der Sonnenstrahlen. A. d. Engl. v. Harding. 8. Zelle 1801.
|L18 Ähnliche Wirkungen äußern und als verwandte, oder mit dem Lichtstoffe
|L19 mehr oder minder verbundene Kräfte legen sich die Elektricität und der Magnetismus
|L20 dar, über deren wesentliche Beschaffenheit sich aber bis jetzt noch nichts
|L21 Entscheidendes beibringen läßt, so trefflich auch die Vorarbeiten in Bezug darauf
|L22 sind, von denen wir die jedesmaligen neuesten Berichte in den öfter angeführten
|L23 Annalen von Gilbert und Voigts Magazin, der jüngsten physikalischen
|L24 Handbücher und größern Werke nicht zu gedenken, vorfinden.

|L25 Anmerkung 2. Was den Unterschied des Sonnen- und Mondenlichtes
|L26 betrifft: so ist derselbe nach verschiedenen Voraussetzungen ebenfalls verschieden.
|L27 Die Erleuchtung des Vollmondes in einer heitern Nacht ist eigentlich 90.000 mal
|L28 geringer, als die durch nichts gehinderte Beleuchtung, die die Erde der Sonne
|L29 verdankt. Dies gilt indessen nur vom reflectirten Tageslichte. Das directe
|L30 Sonnenlicht aber ist nach Lambert 277.000, nach Bouguer 300.000, ja nach
|L31 Euler 374.000 mal stärker, als das Licht des Mondes. S. Voigt's Lehrb.
|L32 einer populären Sternkunde. Weimar. 1799. gr. 8. § 196.}

|L33 ≥ §_35. ≤
|L34 Jetzt folgen in unserer Betrachtung die Merkwürdigkeiten der Eismeere,
|L35 deren es zwei giebt, das Nördliche nach dem Nordpole und das
|L36 Südliche nach dem Südpole zu. Das Eis bindet sich aber nicht an die
|L37 kalte Zone, sondern es wird auch öfters bis zum 50sten Grad der Breite
|L38 angetroffen.

|P_222_
|L01 Hierher gehört {&v zuvörderst das Treibeis, welches daselbst sowohl in
|L02 großen und abgesonderten Stücken, die daher Eisstücke oder Eisberge
|L03 heißen, als auch in ausgedehnten und zusammenhängenden Massen, welche
|L04 Eisfelder genannt werden,}
anzutreffen ist. In der Straße Davis haben
|L05 die Wallfischfänger Gelegenheit dieses Eis zu betrachten. Die Eisstücke
|L06 ragen oft 60 bis 120 Schuh über die Oberfläche des Wassers hervor und
|L07 erstrecken sich meistens bis zu einer Tiefe von 500 Fuß unter das Wasser
|L08 herab. Im Allgemeinen nimmt man an, daß höchstens nur der achte Theil
|L09 eines solchen Eisstückes oberhalb aus dem Wasser hervorrage.
|L10 Weil das Eis, wenn es zerschmilzt, gewöhnlich röhren- oder blockartig
|L11 zerspaltet: so sehen diese Massen desselben in der Entfernung großen
|L12 Städten ähnlich, und der Nebel (welcher aus der starken Ausdünstung
|L13 dieser Berge entsteht und daher zu einem untrüglichen Merkmale dienen
|L14 könnte, die Eisstücke schon von fern zu erkennen), mit dem dieselben beständig
|L15 bedeckt sind, und der gleichsam ihre Sphäre ausmacht, verhindert
|L16 es noch mehr, diesen optischen Betrug zu entdecken und wahrzunehmen.
|L17 Obgleich sich die Fahrzeuge nur deshalb in diese Gegenden begeben, um
|L18 Wallfische zu fangen, und sich daher nur das Sommerhalbjahr hindurch
|L19 hier aufzuhalten pflegen, so könnte vielleicht doch irgend ein Fahrzeug in
|L20 der langen Nacht dieser Gegenden umherschweifen. Nähmen die Schiffer
|L21 nun jenen Betrug nicht wahr und hielten wirklich die Erscheinung für
|L22 das, was sie in ihren Augen vorstellt: so wäre das Zerscheitern des Schiffes
|L23 {&v eine unausbleibliche Folge,} wofern nicht der Nebel, mit dem die Eisberge,
|L24 wie gesagt, beständig bedeckt sind, die Schiffer durch seine außerordentliche
|L25 Kälte warnte.

|L26 Was die Eisfelder betrifft, so sind selbige so groß, daß eine Zeit von
|L27 24 Stunden dazu erfordert wird, ihnen mit aufgespannten Segeln vorbeizuschiffen;
|L28 und die daher manchmal fast die Größe des {&e eigentlichen} Königreiches
|L29 Preußen haben. {&e Es giebt auch zwischen zwei solcher Eisfelder zuweilen
|L30 Straßen wie die bei Gibraltar, durch die man, weil die Bewegung
|L31 jener nur langsam ist, oder sie sich auch gar nicht bewegen, mit den
|L32 Schiffen durchfahren kann.}
In den Buchten der Eisfelder können die
|L33 Schiffe, wie in einem Hafen, vor Anker liegen, wo alsdann die Leute auf
|L34 die Fischerei und Jagd ausgehen. Es befinden sich auf ihnen auch große
|L35 Teiche, in denen süßes Wasser angetroffen wird, und zu denen die Schiffer
|L36 ihre Zuflucht nehmen, nicht selten auch allerhand Thiere, z. B. Seehunde,
|L37 weiße Bären und dergleichen, welche sich wegen des Fischfanges dahin

|P_223_
|L01 begeben haben. Wenn sich nun solche Felder von dem festen Lande, an
|L02 das sie sich zuweilen angesetzt haben, trennen, so werden solche Thiere,
|L03 ehe sie es wahrnehmen, vom Lande weggeführt, und auf solche Art
|L04 können fremde Thiere in fremde Länder versetzt werden.
|L05 Ein solches Eis {&v zerplatzt} aber bald in tausend Stücke, so wie ein Glas,
|L06 das geschwind abgekühlt wird, oder durch Abbrechung der Spitze so erschüttert
|L07 wird, daß es zerspringt. Daher nimmt man auch Kähne auf die
|L08 Eisfelder mit, {&e wenn man sie betritt.}

|L09 Das schädlichste bei diesen Eisfeldern ist, daß sie gar oft durch das
|L10 Zerplatzen die Fahrten verstopfen. Wenn auf den Untiefen und Sandbänken,
|L11 die nahe am Lande sind, ein solches Eisstück Grund faßt: so hält
|L12 es auch das andere Eis auf, so daß es sich anhäuft und zusammenstopft.
|L13 Das Eis in solchen Eisfeldern hat eine blaue Farbe und soll sehr
|L14 dauerhaft und beständig sein. {&e Rings umher an den äußersten Enden
|L15 hat es einen Saum, der aus einem noch härteren, nach Andern aber,
|L16 und wahrscheinlicher, aus einem durch das anspielende Meerwasser zernagten,
|L17 wenn gleich deshalb nicht mürbern Eis besteht, und vor welchem
|L18 die Schiffe, um nicht daran zu zerschellen, sehr auf ihrer Hut sein
|L19 müssen.}

|L20 Woher rührt und woraus entsteht denn nun aber ein solches Eis?
|L21 Da das gesalzene Wasser nicht gefrieren kann: so sieht man leicht ein, sagt
|L22 man sonst, daß es gefrornes süßes Wasser sein muß, welches jenen Meeren
|L23 aus den Flüssen {&g } der benachbarten Länder zugeführt wird. Dieses Wasser
|L24 fängt nun an zu gefrieren, und weil es sich mehrentheils bis an ein Land
|L25 erstreckt, so setzt sich das übrige Wasser mit diesem Eise in Verbindung,
|L26 und auf solche Weise erhält es einen ansehnlichen Zuwachs.

|L27 {&e Richtiger aber ist wohl die neuere Vorstellung dieser Sache, welcher
|L28 zufolge das Treibeis wirklich ein Product des Meerwassers ist. Es ist
|L29 wahr, dieses Eis giebt, wenn es geschmolzen wird, nur süßes Wasser, aber
|L30 gewiß ist es, daß durch irgend eine chemische Operation das Salz bei dem
|L31 Gefrieren sich von dem Meerwasser scheidet, so wie dieses, obwohl langsamer,
|L32 doch sogar in hoher See gefrieren kann.}
Das auf diese Art entstandene
|L33 Treibeis erhält hierauf im Winter immer noch einen stärkern
|L34 Zuwachs, als der Verlust es ist, den es im Sommer durch das Abschmelzen
|L35 erleidet, und da es überdies oft eine ganze Reihe von Jahren
|L36 auf einer und derselben Stelle verweilt: so ist es um so weniger ein
|L37 Wunder, daß es oft einen so großen Umfang erhält.

|P_224_
|L01 Diese Eismassen reichen, wie gesagt, öfters bis auf den Grund herab,
|L02 und da sie überdies zuweilen von unten durch das Wasser abgewaschen und
|L03 abgespült werden, so daß sie umfallen und die Schiffe, welche zwischen
|L04 ihnen durchfahren, zu Boden drücken, ob sie gleich bisweilen wiedergefunden
|L05 werden, und sich auch die Schiffer mit ihren Böten über die Eisberge
|L06 hin retten können: so kann man doch in diesen Meeren keine gewisse Straße
|L07 halten.

|L08 Eine andere Merkwürdigkeit dieser Meere ist das Treibholz. Dieses
|L09 wird daselbst von einem Strome, welcher von Nordost nach Südwest geht,
|L10 in die Hudsonsbai, die Davisstraße und an die übrigen umherliegenden
|L11 Örter getrieben. Es ist dasselbe mit Holzwürmern angefüllt, und kein
|L12 Kennzeichen daran befindlich, daß es nur noch vor kurzer Zeit auf der
|L13 Oberfläche der Erde gestanden habe.

|L14 Alle Küsten des Eismeeres {&v entbehren} des Holzes, so wie in Novajazembla
|L15 {&v sogar an einheimischem Gesträuche Mangel ist, und dennoch entgeht
|L16 allen diesen Küsten und Ländern das Holz nicht,}
indem es ihnen vermittelst
|L17 der Strömungen gewissermaßen zugeflößt wird. Es sind viele
|L18 Arten von Holz darunter befindlich, selbst solche, die nur in wärmern Klimaten
|L19 wachsen. In vielen Gegenden ist es in der Art durch das Anspielen
|L20 aufgethürmt, daß die Einwohner damit Handel treiben; ja es wird oft
|L21 von dem Eise so zusammengepreßt, daß es Feuer faßt und brennt.

|L22 Zur Feuerung brauchen es die Einwohner dieser Gegenden indessen
|L23 nicht, seiner, {&e im Ganzen doch immer großen} Seltenheit wegen, {&v sondern
|L24 bedienen sich dazu des}
Thranes von den Seehunden. Dagegen wenden sie
|L25 es als Stützen ihrer Hütten an, welche sie nachmals mit Fellen belegen,
|L26 ferner zu den Rippen ihrer Fahrzeuge, die sie ebenfalls mit Fellen überziehen,
|L27 und endlich zu den Schaften ihrer {&v Ruder} u.s.w.

|L28 Woher aber oder aus welchen Gegenden kommt denn nun dieses
|L29 Holz? Von Sibirien und den herumliegenden Gegenden kann es keineswegs
|L30 herkommen, weil daselbst gar keine Bäume vorhanden sind, außer
|L31 solchen etwa, die höchstens eine Dicke von sechs Fingern haben. Auch beweisen
|L32 solches die Holzwürmer, welche in diesen nördlichen Gegenden
|L33 nicht angetroffen werden. Es wird also aus einer noch unbekannten
|L34 oder versunkenen Gegend Amerikas herkommen, denn selbst auf unserm
|L35 festen Lande findet man viele versunkene Wälder, öfters mehrere übereinander.
|L36 Da liegt dann z. B. zuerst ein Fichtenwald, dann Sand,
|L37 darauf ein Fichtenwald, dann Schlamm. Das Wurmstichige dieses

|P_225_
|L01 Holzes ist auch überdem eine Anzeige, daß es seit sehr langer Zeit versunken
|L02 sein müsse.

|L03 Man hat bemerkt, daß das Holz aus den warmen Ländern kommt,
|L04 denn aus dem Eismeere geht ein nordöstlicher Strom; dieser macht, daß
|L05 an den Küsten ein entgegengesetzter Strom eintritt, und dieser Zug von
|L06 Süden nach Norden muß das Holz dahin treiben. Die Züge des Meerwassers
|L07 gehen in der Mitte von Norden nach Süden und an den Küsten
|L08 von Süden nach Norden.

|L09 Im südlichen Eismeere findet man ebenfalls dergleichen Treibholz,
|L10 z. B. in der Magellanischen Meerenge, wo auf den Malwinen- {&e oder Falklandsinseln,}
|L11 an welchen die Schiffe aus Europa anlanden, eine Besatzung
|L12 ist, die mit Holz aus der genannten Meerenge versorgt wird.

|L13 Noch ist anzumerken, daß die Eismeere gegen die Pole zu vielleicht
|L14 von dem Eise befreit sein mögen, indem der Strom von Nordost nach
|L15 Südwest dasselbe in die Gegenden treibt, in denen man {&v es} jetzt antrifft.

|L16 {&e Anmerkung 1. Auf beiden Halbkugeln unserer Erde, der nördlichen wie
|L17 der südlichen, giebt es ein Eismeer, wie denn die Temperatur der letztern überhaupt
|L18 nicht nur nicht wärmer, sondern im Gegentheil vielmehr kälter ist als
|L19 die der erstern. Dieser eben genannte Umstand ist es insbesondere, der unsere
|L20 Aufmerksamkeit verlangt. Es ist eine fast von allen Reisenden bestätigte Bemerkung,
|L21 daß es in Ländern der südlichen Halbkugel ungleich rauher ist als
|L22 in Ländern der nördlichen Hemisphäre, die unter einem gleichen Breitegrade
|L23 liegen. Unter dem 60sten Grade nördlicher Breite giebt es zuweilen eine Hitze
|L24 von 75 bis 80 Graden nach Fahrenheit, da hingegen das Thermometer in einer
|L25 gleichen südlichen Breite nie fünf Grade über dem Gefrierpunkte steht. Wahrscheinliche
|L26 Ursachen dieser Erscheinung sind: Erstens, daß die Sonne sich 8 Tage
|L27 länger in den nördlichen als in den südlichen Zeichen des Thierkreises aufhält;
|L28 zweitens aber, daß die südliche Hemisphäre ungleich weniger Land enthält als
|L29 die nördliche. Das Land aber entwickelt eine weit höhere Lufttemperatur, welche
|L30 hingegen bei dem Wasser sich gleichmäßiger bleibt und gewöhnlich nur vom 26 bis
|L31 68sten Grade nach Fahrenheit abwechselt. Eben jener Umstand ist auch Ursache,
|L32 daß man das Treibeis auf der südlichen Halbkugel schon unter einem geringern
|L33 Breitegrade als auf der nördlichen antrifft. Überhaupt aber bemerkt man einzelne
|L34 Eisblöcke schon um den 40. Breitegrad, die von da an höher nach den
|L35 Polen herauf an Masse immer mehr zunehmen.

|L36 Anmerkung 2. Daß das Treibeis sein Entstehen dem salzigen Meerwasser,
|L37 nicht aber dem süßen Flußwasser verdanke, so wie dies, daß bei dem
|L38 Gefrieren des Wassers zu Eis sich aus demselben die Salztheile abscheiden:

|P_226_
|L01 das wird daraus um so wahrscheinlicher, weil bei deshalb angestellten Versuchen
|L02 das zurückgebliebene, nicht gefrorne Seewasser am Salzgehalte zugenommen hatte.

|L03 Anmerkung 3. Außer dem starken Nebel und der auffallenden Kälte,
|L04 die diese Eisblöcke und Eisfelder um sich her verbreiten, machen sie sich auch
|L05 den Schiffern durch einen hellen Widerschein bemerkbar, den man den Eisblink
|L06 nennt.

|L07 Anmerkung 4. Wir haben vorhin im §_31 von dem sogenannten Golfstrom
|L08 geredet, und eben dieser ist es, welcher das Treibholz mit sich führt. Alle
|L09 auch im gegenwärtigen §. über das Treibholz beigebrachten ehemaligen Hypothesen
|L10 haben neuern Erfahrungen und Untersuchungen weichen müssen. Diesen
|L11 zufolge wird das Treibholz durch die Flüsse in Louisiana, Florida, Westindien
|L12 und den um den Mexicanischen Meerbusen gelegenen Ländern haufenweise in jene
|L13 Meerströmung hinabgeführt, wozu sich denn auch noch manches aus mancherlei
|L14 Nadelhölzern, aus Birken und Linden, auch, was seinen westindischen Ursprung
|L15 deutlich verräth, aus Fernambuk, Brasilienholz und ähnlichen Bäumen hinzugesellt.
|L16 Durch jene Strömung kommt es in die nördlichen Meere und setzt sich
|L17 hier an den grönländischen, spitzbergischen und andern Küsten ab, selbst bei Irland,
|L18 Schottland, den unfern dieser Länder gelegenen Inseln, bei Norwegen und
|L19 Island. Auch die Küsten von Sibirien und Kamtschatka werden aus dem
|L20 nordwestlichen Amerika, vielleicht auch selbst aus einigen Gegenden Sibiriens,
|L21 auf eine gleiche Weise mit Holz versorgt. Eine ähnliche Weltökonomie auf der
|L22 südlichen Hemisphäre hat man neuerdings angefangen in Zweifel zu ziehen.}

|P_227_

|L01 ≥ Zweiter Abschnitt. +
|L02 Vom Lande. +

|L03 §_36. ≤
|L04 Unter dem Worte Land versteht man alles dasjenige, was über die
|L05 Fläche des Meeres erhoben ist, ob man gleich auch die Sandbänke mit
|L06 darunter versteht, woraus nachgehends durch die Anspielung mehrerer
|L07 Materien aus dem Wasser {&g } die Inseln entstehen. {&g }
|L08 Das Land überhaupt wird eingetheilt in das feste Land und in die
|L09 Inseln, obgleich jenes auch nichts anders ist als eine große Insel, von
|L10 deren Grenzen man nur eine dunkle Idee hat.

|L11 Man hat wahrgenommen, daß sich das Land an einander zu hängen
|L12 bemüht, und daß auf einer Halbkugel daher mehr Land, auf der andern
|L13 dagegen mehr Wasser vorhanden sei: ja, überdies auch, daß mitten
|L14 im Oceane fast gar keine, oder wenigstens gar nicht beträchtliche Inseln
|L15 sind.

|L16 {&e Anmerkung. Man theilt das Land nach des BergR. Voigt Praktischer
|L17 Gebirgskunde. Weimar. 1797. 2te Aufl. gr. 8. S. 3. u. f. auch nach
|L18 seiner Entstehung und daraus hervorgehenden Beschaffenheit in Vorgebirge,
|L19 Flötzgebirge, vulcanische Gebirge und aufgeschwemmtes Land ab.
|L20 Auf diese Eintheilung werden wir weiter unten noch kommen und alsdann umständlicher
|L21 von den Phänomenen reden, zu denen sie vermittelst ihrer bemerkten
|L22 Verschiedenheiten die Veranlassung geben. Mehr hierüber und über die
|L23 innere Structur des Landes, so wie die abweichenden Meinungen der Gelehrten
|L24 in Bezug auf diesen Gegenstand findet man in v. Beroldingen, Die Vulcane
|L25 älterer und neuerer Zeit, physisch und mineralogisch betrachtet,
|L26 2 Bände. 1791. 8. - Mitterpacher Physikal. Erdbeschreib. Wien. 1789.
|L27 gr. 8. - v. Charpentiers Beobacht. über die Lagerstätte der Erze
|L28 usw. Leipz. gr. 4.}

|P_228_
|L01 ≥ §_37. ≤
|L02 Auf dem festen Lande findet man aber:
|L03 1. Länder, deren Umfang und Inneres uns bekannt ist.
|L04 2. Länder, die wir bloß {&v zum Theil} kennen.
|L05 3. Länder, von denen man bloß die Küsten kennt.
|L06 4. Länder, die man wirklich gesehen, aber nicht wieder aufgefunden hat.
|L07 5. Solche, die den Alten bekannt gewesen, aber jetzt wie verloren sind.
|L08 6. Endlich Länder, {&e deren Existenz} man nur vermuthet.
|L09 Zu den erstgenannten gehört Europa. Zu den Ländern der zweiten
|L10 Art aber gehört Asien, wo man z. B. das Land der freien Tatarei,
|L11 die große und kleine Bucharei, in der der Sitz des großen Lama ist, die
|L12 Länder am Kaspischen Meere und dem See Aral, den ganzen Theil des
|L13 Glücklichen Arabiens, in dem Mekka und Medina liegen, und wohin unmuhammedanische
|L14 Europäer gar nicht kommen dürfen, weil der Meinung
|L15 der Muhammedaner zufolge die heilige Luft durch sie würde vergiftet
|L16 werden, sehr wenig kennt.

|L17 Die {&v genauere Kenntniß} von Tibet in Asien wäre eine der wichtigsten.
|L18 Durch sie würden wir den Schlüssel zu aller Geschichte erhalten. Es ist
|L19 dieses das höchste Land, wurde auch wahrscheinlich früher als irgend ein
|L20 anderes bewohnt und mag sogar der {&v Stammsitz aller Cultur und Wissenschaften}
|L21 sein. Die Gelehrsamkeit der Indier namentlich rührt {&v mit ziemlicher
|L22 Gewißheit}
aus Tibet her, so wie dagegen alle unsere Künste aus
|L23 Indostan hergekommen zu sein scheinen, z. B. der Ackerbau, die Ziffern,
|L24 das Schachspiel u. s. w. Man glaubt, Abraham sei an den Grenzen von
|L25 Indostan einheimisch gewesen. {&v Ein solcher Urplatz der Künste und Wissenschaften,
|L26 ich möchte sagen, der Menschheit, verdiente wohl die Mühe einer
|L27 sorgfältigern}
Untersuchung.

|L28 Ein anderer Gegenstand, der die Alterthumsforscher interessirt, wäre
|L29 die {&v genauere Kenntniß} von Ägypten. Überhaupt verdient Afrika die sorgfältigste
|L30 Untersuchung, und es scheint den Alten seinem Innern nach bekannter
|L31 gewesen zu sein als uns, weil sie mehr zu Lande reisten. {&v Selbst}
|L32 viele Küsten dieses Welttheils sind bis jetzt noch den Europäern unbekannt,
|L33 und die Mitte desselben entzieht sich gänzlich unsern Augen. Nur Ägypten
|L34 kennen {&v wir etwas genauer, doch ist auch das überaus wenig.}
|L35 So hat man auch {&v Grund, einen beträchtlichen See in Afrika anzunehmen,
|L36 in den sich der Nigerstrom bei seinem östlichen, nicht, wie man
|L37 sonst glaubte, westlichen Laufe verliert.}
Übrigens trifft man in diesem

|P_229_
|L01 Welttheile die größten und schönsten Thiere so wie die besten Pflanzen an.
|L02 Die furchtsamen Portugiesen besetzen in ihren Nachrichten zwar die schönsten
|L03 innern Gegenden von Afrika mit Cannibalen oder Menschenfressern,
|L04 die sogar die Menschen zum Schlachten aufmästen sollen. Allein wir
|L05 dürfen dergleichen sagen so leicht keinen Glauben beimessen, weil die Erfahrung
|L06 gelehrt hat, daß jene Leute nur ihre Kriegsgefangenen, die sie
|L07 lebendig in ihre Gewalt bekommen, und zwar mit den größten {&v Feierlichkeiten}
|L08 abschlachten.

|L09 Die Zahl der Namen von Ländern und Örtern auf der Karte von
|L10 Afrika ist sehr {&v beträchtlich;} aber man würde sich sehr irren, wenn man
|L11 glaubte, daß, wo ein Name steht, auch die Sache vorhanden sein müsse.
|L12 Was man nicht weiter von dem Lande kannte, davon sagte man, es sei
|L13 von Menschenfressern bewohnt, dergleichen es aber nach der Natur des
|L14 Menschen wenigstens {&v nicht viele, oder richtiger vielleicht, gar keine giebt.}
|L15 Die Ursache, daß das Innere von Afrika uns so unbekannt ist wie
|L16 die Länder im Monde, das liegt mehr an uns Europäern als an den
|L17 Afrikanern, {&v indem wir uns durch den Negerhandel so schüchtern haben
|L18 machen lassen.}
Die Küste von Afrika wird zwar von den Europäern besucht,
|L19 ihre Reisen aber dahin sind sehr gewaltthätig, indem sie jährlich
|L20 sechzig- bis achtzigtausend Neger von da aus nach Amerika wegführen. {&v So
|L21 kam es, daß noch ziemlich bis auf die neuern Zeiten herab dieser Welttheil
|L22 den Europäern kaum auf dreißig Meilen von der Küste hin in das Innere
|L23 bekannt war.}

|L24 {&v Zu diesen uns noch sehr unbekannten Ländern gehört ferner} auch
|L25 Amerika, dessen nördlicher, nach Rußland zu gelegener Theil noch so gut
|L26 wie unentdeckt ist, und in dessen südlicher Hälfte gleichfalls, besonders an
|L27 den brasilischen Küsten, noch viele unbekannte Gegenden vorhanden sind.
|L28 Mehrentheils sind es die Berge, die von weitern Untersuchungen abschrecken,
|L29 ungeachtet sie gerade die eigentliche Grundfeste ausmachen und
|L30 das erste sind, was man im Lande antrifft, daher man nicht ohne Grund
|L31 vermuthen darf, daß dasjenige Land, welches vor den Bergen näher an
|L32 dem Wasser hinliegt, {&v von demselben angespült und bei ihnen abgesetzt sei.}
|L33 Daß man aber nur bei den Küsten von Afrika und den {&v äußersten Grenzen}
|L34 anderer Länder stehen geblieben ist, davon scheint wohl eines Theils die
|L35 Ursache in dem Endzwecke der meisten Schifffahrten, das heißt, in der
|L36 Habsucht, andern Theils aber in der Unfruchtbarkeit der Ufer gesucht werden
|L37 zu müssen.

|P_230_
|L01 Peru wäre vielleicht niemals seiner {&v unwirthbaren} Ufer wegen genauer
|L02 entdeckt worden, wenn die Spanier nicht so glücklich gewesen wären,
|L03 in dieses Paradies von Amerika von der Landseite herein zu dringen.
|L04 {&e Überhaupt dürfte das südliche Amerika einst noch sehr unsere Wißbegierde
|L05 reizen und unsere Welterfahrung erweitern.}

|L06 Zu den Ländern, deren Küsten {&v man geraume Zeit nur allein kannte,
|L07 gehörte das, was man von Ufern auf der südlichen Hemisphäre bemerkt
|L08 hatte, und welches v. Rhoden zuerst auf einer zu Berlin verfertigten
|L09 Karte verzeichnete. Eben dieses war der Ort, wo man noch viele Länder
|L10 vermuthete, und deren auch wirklich einige seitdem entdeckt hat, doch mit
|L11 geringerer Wahrscheinlichkeit noch viel mehrere daselbst aufzufinden.}
In
|L12 Neuholland, welches allein fast so groß ist als Europa, giebt es sehr wilde
|L13 Einwohner, die nicht einmal wie andere Wilde Spielsachen und rothes
|L14 Tuch annehmen wollten. {&e Welche Schwierigkeiten, zu einer genauern
|L15 Kenntniß des Innern zu gelangen, wenn der Erfindungsgeist der Europäer
|L16 nicht andere Mittel zu diesem Ziele ausfindig gemacht hätte!}
Überhaupt
|L17 befinden sich die Nationen der südlichen Hemisphäre auf der niedrigsten
|L18 Stufe der Menschheit, und sie haben an nichts weiter ein Interesse
|L19 als an dem {&v sinnlichsten Genusse}. Die Wilden gegen Norden, ob sie gleich
|L20 noch weiter gegen den Pol hin wohnen, {&v verrathen bei weitem mehr Talente
|L21 und Adresse.}

|L22 Zu den Ländern, die man vormals gekannt hat, nachmals aber
|L23 gleichsam wieder verloren gegangen oder unbekannter geworden sind, gehört
|L24 eines Theils das alte Grönland, wo zu den Zeiten der Wahl der
|L25 Königin Margaretha verschiedene Städte und zwei Klöster gewesen sind,
|L26 deren Bischof bei dieser Wahl, durch welche Margaretha die drei nordischen
|L27 Kronen von Dänemark, Norwegen und Schweden überkam, gegenwärtig
|L28 war. Dieses Land wurde indessen durch die nordischen Kriege und
|L29 durch den Zwang, den Margaretha den Kaufleuten, die dahin schifften,
|L30 auflegte, so gut wie ganz vergessen.

|L31 Dann gehören hierher auch die Salomonischen Inseln, welche indessen
|L32 nicht beträchtlich gewesen zu sein scheinen. Vielleicht, daß die heutige
|L33 Georgen-Insel eine von denselben ist. Die Ursache, daß man diese
|L34 Inseln nicht jetzt mehr vorfindet, ist erstlich die, daß die Fahrt der Spanier
|L35 aus Amerika zu den philippinischen Inseln in Asien vormals durch
|L36 die südliche und nördliche, jetzt aber nur allein durch die letztere Hemisphäre
|L37 geschieht. Zweitens aber auch, weil, als man jene Inseln bemerkte, die

|P_231_
|L01 Schifffahrer nicht im Stande waren, die Lage der Örter genau zu bestimmen.

|L03 Unter den Fahrten, die der Entdeckung neuer Länder wegen zu unsern
|L04 Zeiten {&v unternommen wurden, waren} diejenigen mit die vornehmsten,
|L05 die in der Absicht veranstaltet wurden, um zu untersuchen, ob Asien mit
|L06 Amerika zusammenhänge oder nicht. {&v Ein ehrenvolles Unternehmen der
|L07 russischen Regierung,}
das nach Nordost von Kamtschatka und um die
|L08 dortige Spitze von Rußland versucht ward. {&e Die Engländer aber thaten
|L09 ähnliche Fahrten nach Südwest um Amerika, der neuesten spanischen,
|L10 französischen und englischen Entdeckungsreisen zu geschweigen.}

|L11 Man macht Schwierigkeiten, bis zu dem Pole herauf zu reisen, weil
|L12 auch bei einem etwa möglichen Durchkommen bis dahin doch alle Regeln
|L13 der Schifffahrt daselbst aufhören müßten, indem man in einem solchen
|L14 Falle keine bestimmten Weltgegenden mehr haben würde. Norden nennen
|L15 wir sonst diejenige Weltgegend, welche uns gegen den nächsten Pol zu
|L16 liegt. Dort aber wäre selbst der Pol im Zenith und nicht mehr im Horizonte.
|L17 Da nun aber nur durch den Norden die übrigen Weltgegenden zu
|L18 bestimmen sind, der eigentliche Nordpunkt dort aber wegfällt: so könnten
|L19 in diesem Falle auch die übrigen Weltgegenden nicht mehr als solche bemerkt
|L20 werden.

|L21 Die Entdeckung neuer Länder erweitert die Kenntniß des Menschen
|L22 in Ansehung der Erde und befördert die Gemeinschaft. Der hauptsächlichste
|L23 Zweck dabei aber ist die Wißbegierde der Menschen, ungeachtet der
|L24 kleinern Vortheile des Genusses, zu deren Besitz man durch dergleichen
|L25 Entdeckungen gelangt. Auch sind wirklich viele Reisen bloß aus Wißbegierde,
|L26 nicht aber des Princips der Ökonomie wegen angestellt worden,
|L27 wie z. E. die zur Bestimmung der Gestalt der Erde unternommenen
|L28 Reisen.

|L29 Die wichtigste, lange aber vergeblich gewünschte Entdeckung wäre
|L30 wohl die einer Durchfahrt im Norden durch das Eismeer gewesen. Dadurch
|L31 würden wir einen großen Aufschluß erhalten haben und die Welt
|L32 würde uns alsdann ganz offen gestanden sein. Die ersten dahin abzweckenden
|L33 Versuche gingen gegen Nordost und Novajazembla, die spätern
|L34 nach Nordwest in der Gegend der Hudsonsbai, so wie die neuesten deshalb
|L35 angestellten Reisen gerade nach Norden. Landvogt Engel widmete
|L36 sich gänzlich der Untersuchung einer möglichen Durchfahrt durch das Eismeer.
|L37 Ostwärts bei Spitzbergen soll offne See sein. Dies stimmt auch

|P_232_
|L01 mit der Vermuthung überein, denn hauptsächlich nur da, wo die Küsten
|L02 nahe sind, stopft sich das Eis und sperrt jede denkbare Durchfahrt.

|L03 {&e Anmerkung 1. Europa kann freilich als ein ganz bekanntes Land oder
|L04 als ein solcher Welttheil betrachtet werden, da wir von ihm, nicht nur wie von
|L05 Afrika, seine ganze äußere Umgrenzung, sondern auch sein Inneres, wenigstens
|L06 der Hauptsache nach kennen. Indessen bleibt uns auch in Rücksicht seiner noch
|L07 manche geographische Aufklärung bis auf diesen Augenblick kein geringes Bedürfniß.

|L09 Anmerkung 2. Außer dem, was wir als uns noch sehr unbekannt von
|L10 Asien oben erwähnt haben, gehört hier auch noch her: wenigstens ein Fünftheil
|L11 des russischen Besitzes in diesem Welttheile, nebst der Kalmuckei. Von China ist
|L12 uns, selbst nach den neuesten Reisen, gewiß noch nicht die Hälfte bekannt.
|L13 Dasselbe gilt mehr oder minder von Japan, von vielen Gegenden des diesseitigen
|L14 und fast vom ganzen jenseitigen Indien. Arabien ist kaum als seinem
|L15 zwölften Theile nach bekannt anzunehmen. Ja wir kennen nicht einmal die
|L16 ganze Nord- und Ostküste von Asien: in der Art, daß der bekannte Theil von
|L17 Asien kaum drei Viertheile dieses ganzen Welttheiles betragen mag. Über
|L18 Tibet haben wir vorzüglich durch folgende Schriften: +L GEORGII Alphabetum +
|L19 +L Tibetanum + etc. Rom. 1762. gr. 4. und SAM. TURNER +E An account of +
|L20 +E an embassy to the court of Teshov Lama in Tibet. + Lond. 1800. 8.,
|L21 so wie über Ava und Indien überhaupt durch die zu Calcutta herausgekommenen
|L22 und zu London nachgedruckten +E Asiatic Researches + und MICH. SYMES +E An +
|L23 +E account of an embassy to the kingdom of Ava. + Lond. 1800. viele
|L24 Aufklärung erhalten. Georgi'n, Sievers, Pallas, Reineggs und Andern
|L25 verdanken wir manche Erweiterung unserer Kenntniß des russischen Asiens
|L26 und der benachbarten Länder. Das Vorzüglichste über Arabien hat uns Niebuhr
|L27 in seiner Beschreibung von Arabien. Kopenhag. 1772. 4. und in
|L28 seiner Reisebeschreibung. das. 1774. 2 Bde. 4. geliefert. Das Bekannte
|L29 über Persien hat Wahl sehr gut zusammengestellt in seinem Alten und Neuen
|L30 Vorder- und Mittel-Asien, Bd. 1. Leipz. 1795. gr. 8. Macartneys
|L31 Reise nach China hat uns so gut wie um gar nichts weiter in der Kenntniß
|L32 des Landes gebracht, sondern nur noch fabelhaftere Sagen in Umlauf gesetzt. In
|L33 Beziehung auf den wissenschaftlichen, religiösen und Culturzustand von Tibet und
|L34 Indien verdienen hier noch folgende Schriften angemerkt zu werden: des +L Frater +
|L35 +L PAULINUS A STO. BARTHOLOMAEO Grammatica samsordamica. + Rom.
|L36 1790. desselben +L Systema Brahmanicum liturgicum mytholog. civile. +
|L37 +L Ibid. + 1791. 4. und Stäudlin's Magazin für Religions-, Moral- und
|L38 Kirchengeschichte. Bd. 1. St. 1. S. 88. u. f.

|L39 Anmerkung 3. In Betreff Ägyptens sind unsere Kenntnisse neuerdings
|L40 durch Norden, Niebuhr, Volney, Bruce, Sonnini, Browne u. a. so

|P_233_
|L01 wie insbesondere auch durch den Aufenthalt der Franzosen in diesem Lande erweitert
|L02 worden. Einen sehr zweckmäßigen Gebrauch von allen diesen Nachrichten,
|L03 so weit sie bis dahin bekannt waren, hat Hartmann in seiner Erdbeschreibung
|L04 und Geschichte von Afrika. Bd. 1. Hamb. 1799. 8.
|L05 gemacht. Nubien und Abyssinien sind uns, ohngeachtet der Bruce'schen Nachrichten,
|L06 noch sehr fremde Länder. Dasselbe gilt in einem noch höhern Grade
|L07 von Monomotapa, Zanguebar und Natal. Vom Cap aus ist man nur hin
|L08 und wieder bis zu dem Wendekreise vorgedrungen. Vom Elephantenflusse bis
|L09 Benguela kennt man kaum noch die Küsten. Eben dieses gilt auch von den
|L10 Küsten zwischen den Vorgebirgen Blanco und Nun. In Guinea ist man keine
|L11 20 Meilen tief von dem Meerufer eingedrungen, wenn man Mungo Parks
|L12 Reiseroute ausnimmt, die im Grunde nicht so viel befriedigt, als man hätte
|L13 wünschen sollen. Marokko ist in seinen südlichen Gegenden und so auch Tunis,
|L14 Tripolis, Algier und Barka so gut wie gänzlich unbekannt. Von Hornemann
|L15 läßt sich Vieles erwarten. Was die afrikanische Societät zu London
|L16 durch ihn und künftig durch Andere, was das französisch-afrikanische Etablissement
|L17 von Kaufleuten und Länderuntersuchern leisten werden, steht dahin. Le Vaillant,
|L18 Lemprière und Barrow haben außer dem, was Mungo Park und die
|L19 englisch-afrikanische Societät bekannt gemacht, die neuesten Nachrichten geliefert.
|L20 Überhaupt können wir uns nicht rühmen, etwas mehr als den fünften Theil
|L21 etwa von diesem bedeutenden Welttheile zu kennen. Bruns in seiner Erdbeschreibung
|L22 von Afrika und Hartmann in seinem Werke +L De geographia +
|L23 +L Edrisii + haben viel Schönes gesammelt und Resultate daraus gezogen.
|L24 Rennells Karte von Nordafrika, London. 1798. ist ein treffliches Product
|L25 scharfsinniger Combinationsgabe. S. v. Zach Allgem. geograph. Ephemerid.
|L26 Bd. +Z 3. + S. 53. und die verkleinerte Karte dazu, so wie Bd. +Z 2. + S. 158.
|L27 und dazu Mungo Parks Marsch-Route.

|L28 Anmerkung 4. Über die Menge von Namen in unsern gewöhnlichen
|L29 Karten von Afrika darf man sich nicht wundern. Sie sind aus Edrisi oder
|L30 dem sogenannten +L Geographus Nubiensis +, aus Leo dem Afrikaner und aus mehr
|L31 oder minder bestätigten Nachrichten der aus dem Innern des Landes kommenden
|L32 Kaufleute und Karavanen hergenommen.

|L33 Anmerkung 5. Von Amerika sind uns kaum drei Fünftheile bekannt.
|L34 Die südlichen Gegenden des mittäglichen Amerika, d. h. fast die Hälfte dieses
|L35 letztern, sind uns fast ganz unbekannt. Dasselbe gilt von Nordamerika jenseits
|L36 des sechzigsten Grades, so wie von einem beträchtlichen Theile des zwischen dem
|L37 40 und 60sten Grade gelegenen Landstriches. Hoffentlich werden wir einen
|L38 beträchtlichen Theil von Südamerika durch v. Humboldt näher kennen lernen.
|L39 S. v. Zach Monatl. Correspondenz Bd. +Z 2. + S. 82. und 403. u. f. Noch
|L40 jetzt kennen wir von den Inseln des fünften Welttheils nicht viel mehr als die

|P_234_
|L01 Küsten, und auch diese nicht ganz. Alles hier wirklich Entdeckte mag sich auf
|L02 den etwa vierzigsten Theil des ganzen Welttheiles einschränken.

|L03 Anmerkung 6. Man vergleiche zu diesem Paragraphen Sprengels
|L04 Geschichte der geographischen Entdeckungen. Halle 1783. 8. Forsters
|L05 Geschichte der Entdeckungen im Norden. Frkfrt. 1784. gr. 8. und
|L06 Gaspari vollständ. Handb. der neuesten Geographie. Weim. 1797.
|L07 Bd. 1. S. 13. u. f. Wie vieles war übrigens den Alten schon bekannt, was
|L08 wir jetzt gar nicht kennen, z. B. Ophir, oder was uns nur höchst wenig bekannt
|L09 ist, z. B. das nördliche Indien. Mußte doch Grönland, das schon in
|L10 der ersten Hälfte des neunten Jahrhunderts entdeckt war, wieder in spätern
|L11 Zeiten aufs neue entdeckt werden. Ob es je eine Atlantis gab, deren im Alterthume
|L12 gedacht wird, und was an den Angaben desselben diesen Gegenstand
|L13 betreffend wahr sein mag, läßt sich nun nicht mehr bestimmen. Auch Amerika
|L14 ward höchst wahrscheinlich bereits im Anfange des elften Jahrhunderts entdeckt.
|L15 S. Girtanner Über das Kantische Princip für die Naturgeschichte.
|L16 S. 147. u. f. Und Buache vermuthet nicht ohne Grund, daß es zwischen Japan
|L17 und Californien noch manche Inseln zu entdecken gebe. S. +F Memoires de +
|L18 +F l'institut national des sciences et arts, pour l'an +Z 4. + de la Republ. +
|L19 T. +Z 1 +.}

|L20 ≥ §_38. ≤
|L21 Die Länder sind entweder bewohnt oder nicht. Ist letzteres, so heißen
|L22 sie Wüsten. Doch muß dieses Wort mit Einschränkung gebraucht werden.
|L23 Denn einige Gegenden, wie die in Amerika um Peru her, in denen man
|L24 zwar nur dann und wann einzelne Horden herumziehen sieht, die aber
|L25 eigentlich das amerikanische Paradies ausmachen, sind aus bloßer Willkür
|L26 der Menschen, ohne daß sie die Natur dazu bestimmt hat, unbewohnt.
|L27 In diesem Falle heißen solche Gegenden richtiger Einöden. Andere Örter
|L28 dagegen, in denen ein rother, {&e keiner Fruchtbarkeit oder auch nur des
|L29 Wiesenbaues fähiger}
Sand, der eine Art von Eisenstaub ist, angetroffen
|L30 wird, heißen Heideländer, indem auf ihrem Boden nichts als Heidekraut
|L31 wächst.

|L32 Wüsten sind eigentlich Örter, die von der Natur dazu bestimmt und
|L33 eingerichtet zu sein scheinen, daß die Menschen nicht darin wohnen können.
|L34 Diese sind:

|L35 1. Sandwüsten, in denen nichts als ein fliegender Sand zu finden ist.
|L36 Dahin gehört in Asien die Wüste Gobi oder Schamo zwischen der
|L37 Mongolei und Kalmuckei, ferner die sogenannte Salzwüste, die Persien
|L38 in zwei Theile trennt, in deren einem Ispahan, in dem andern

|P_235_
|L01 aber Kandahar die Hauptstadt ist, die syrische Wüste in Arabien
|L02 {&e und die Wüste Tschanai oder das große Sandmeer zwischen der
|L03 kleinen Bucharei und Tibet. (S. die Karte von China zu v. Zach
|L04 Ephemerid. Bd. 1. St. 1.)}

|L05 Die merkwürdigste Wüste in Afrika ist die Wüste Sahara {&e zwischen
|L06 dem Atlantischen Meere, Marokko, Nigritien und Senegambien,
|L07 die wahrscheinlich die größte unter allen ist, indem sie 60.000 Quadratmeilen
|L08 im Umfange hat. In Amerika giebt es gar keine solche
|L09 Wüste von Erheblichkeit.}

|L10 Weil jeder Same wegen des Sandes nicht tief genug in die Erde
|L11 kommen kann: so wird er zugleich mit diesem fortgeweht, und es
|L12 kann folglich auf einem solchen Boden nichts wachsen. In allen
|L13 Wüsten dieser Art bemerkt man nirgend weder Flüsse noch andere
|L14 Gewässer, dagegen ziehen die Flüsse, die um und an ihnen entspringen,
|L15 alles Wasser von den Wüsten ab. Ja, wenn etwa Berge in
|L16 ihrer Nachbarschaft liegen und sich einige Flüsse von denselben herunterschlängeln,
|L17 so wenden sich diese von einer Seite nach der andern,
|L18 und zwar von der Wüste weg. Hieraus entsteht der große Mangel
|L19 an Wasser in dergleichen Wüsten, und wenn man sich gleich bemüht
|L20 hat, Brunnen in ihnen unter der Erde zu graben: so hat man doch
|L21 bemerkt, daß dasselbe Salz, welches ein Bestandtheil des Flugsandes
|L22 zu sein scheint, ebenfalls auch in diesem Brunnenwasser vorhanden
|L23 war.

|L24 Auch ist die Bemühung vergeblich gewesen, das Wasser aus den
|L25 entfernten und bewässerten Ländern in diese Wüsten zu leiten, weil
|L26 die Canäle, vermittelst deren es fortgeleitet wird, zusammenstürzen,
|L27 und es von den hineinfallenden Heuschrecken und Vögeln, die sich
|L28 alle der großen Hitze wegen in beträchtlichen Schaaren nach dem
|L29 Wasser drängen, stinkend wird.

|L30 Weil sich nun jederzeit die Flüsse von den Wüsten wegwenden
|L31 und ihren Lauf nach der niedrigern Seite hinrichten: so müssen diese
|L32 Wüsten natürlich erhabene Gegenden sein, und weil sich, wenn irgend
|L33 ein Berg da anzutreffen wäre, von diesem das Regenwasser herabsenken,
|L34 in die Erde ziehen und nicht ermangeln würde, in einem
|L35 Flusse oder einer Quelle hervorzubrechen: so muß die Wüste flach
|L36 und ohne Berge, folglich eine erhabene Ebene sein. Sobald es nun
|L37 aber umgekehrt eine erhabene Ebene giebt, so behaupten wir von ihr,

|P_236_
|L01 sie sei eine Wüste. Die Sandwüsten sind beständig mit Bergen, von
|L02 denen sie aber durch ein dazwischen liegendes Thal abgesondert werden,
|L03 umgeben.

|L04 2. Macht die größte Kälte, durch welche nämlich alle Werke der schöpferischen
|L05 Natur erstickt werden, die Länder unbewohnbar, welches dagegen
|L06 die Hitze keineswegs thut, indem an Örtern, wo es am heißesten
|L07 ist, die fruchtbarsten Gegenden, namentlich z. B. Bengalen, das trefflichste
|L08 Land von allen, angetroffen werden. Unter dem 70sten Grade
|L09 der Breite und noch früher werden die Pflanzen schon sparsam, und
|L10 über dem 75sten Grade hinaus findet man wenig mehr als Rennthiere
|L11 und Moos, von welchem letztern allein jene Rennthiere sehr
|L12 fett werden, obgleich es keinen Saft hat. -

|L13 Da wir indessen bemerken, daß die Menschen mehr und stärker
|L14 von Thieren als von Pflanzen ernährt werden, und also vornehmlich
|L15 die Thiere zu ihrer Nahrung erschaffen zu sein scheinen: so wird es
|L16 wahrscheinlich, daß die Rauhigkeit der Kälte (insofern diese wie die
|L17 Wärme ihre Pole hat und sich um selbige herumzubewegen scheint,
|L18 wodurch nach einer gewissen Zeit das Klima verändert wird, daß
|L19 z. B. die beiden Punkte der größten Kälte nicht auf einer Stelle
|L20 bleiben) den Menschen nicht verhindert, auch diese und die verschiedenartigsten
|L21 Gegenden zu bewohnen, indem er allenthalben seine
|L22 Nahrung findet, wie denn die Rennthiere in den allerkältesten Gegenden,
|L23 in Novajazembla und Spitzbergen, sein und leben können.
|L24 Der Mensch ist folglich für die ganze Erde gemacht, und eben daraus,
|L25 daß sein Leib von der Natur so gebildet ist, daß er durch die Gewohnheit
|L26 eines jeden Klimas, auch bei der größten Verschiedenheit
|L27 desselben, gewohnt werden kann, entsteht {&e vielleicht zum Theil} der verschiedene
|L28 Nationalcharakter.

|L29 3. Die Steppen. Dieses sind Gegenden, in denen keine Wälder noch
|L30 Gewässer angetroffen werden, die im übrigen aber mehrentheils einen
|L31 fruchtbaren Boden haben. Auch sie müssen, wie die Sandwüsten,
|L32 hohe Ebenen sein, sind aber, anstatt daß erstere, wie wir sahen, mit
|L33 Bergen umgeben waren, zwischen zwei Flüssen eingeschlossen. Es
|L34 wachsen in ihnen Melonen, die schönsten Blumen, Kirschen und
|L35 schöne Früchte, doch alle nur auf kleinern Sträuchern, Stauden und
|L36 Stengeln, als diese es gewöhnlich sind. Hieraus sieht man, daß zum
|L37 Wachsen der Bäume nothwendig das Aufsteigen der Dünste aus den

|P_237_
|L01 Quelladern und nicht allein nur der Regen erforderlich sei. Die Wälder
|L02 dienen den Menschen und Thieren zur Sicherheit und Schirm;
|L03 wo also jene fehlen, da entfernen sich auch diese. Zu solchen Steppen
|L04 zählen wir die Bessarabische, zwischen dem Dnjestr und der Donau,
|L05 die Ocakovische, zwischen dem Dnjepr und Dnjestr, die Krimische,
|L06 zwischen dem Dnjepr und Don, die Astrachanische, usw.

|L07 {&e Anmerkung 1. Wenn oben von Polen der Kälte die Rede war: so
|L08 soll das keineswegs so viel heißen, als wäre die Kälte für etwas Positives
|L09 anzusehen.

|L10 Anmerkung 2. Nicht immer unterscheidet man genau genug Steppen
|L11 von Wüsten, so wie die Bestimmung dieser Namen selbst und die Natur der
|L12 durch sie bezeichneten Gegenden oft sehr verschieden sind. Von der Astrachanischen
|L13 Steppe gilt zum Beispiel manches, was sonst nur von einer Wüste gilt,
|L14 so wie man wieder gewöhnliche und Salzsteppen zu unterscheiden hat. Man ersieht
|L15 z. B. aus Reineggs Beschreibung des Kaukasus Th. 1. S. 161.,
|L16 daß es in der kurz vorhin genannten Steppe Seen und Flugsand giebt, welchen
|L17 letztern der Verfasser für ein nothwendiges Erforderniß der Salzseen hält, indem,
|L18 wenn starke Winde ihn aus den ausgetrockneten Seen dieser Art weg
|L19 und in andere süßwässerichte Seen oder Moräste führen, diese salzig, jene dagegen
|L20 süß werden.}

|L21 ≥ §_39. ≤
|L22 Inseln sind, wie wir schon sonst bemerkt haben, nichts anders als
|L23 Berge, deren Spitzen über die Oberfläche des Meeres hervorragen. Große
|L24 Inseln sind dem Continent näher, und die Küsten laufen meistens parallel
|L25 mit dem festen Lande. Die größten sind:

|L26 {&e In Europa.
|L27 Großbritannien und Irland, zusammen 6.083 Quadratmeilen.

|L28 In Asien.}
|L29 Borneo, {&e 14.520 Quadratmeilen.}
|L30 Sumatra, {&e 8.062 Quadratmeilen.

|L31 In Afrika.
|L32 Madagaskar, 10.500 Quadratmeilen.

|L33 In Amerika.
|L34 Cuba, 6.000 Quadratmeilen.
|L35 Domingo, 5.000 Quadratmeilen.

|L36 Australien besteht meistens aus sehr beträchtlichen Inseln.}

|P_238_
|L01 Wo das Land große Busen macht, da ist meistens ein Insel-Archipel,
|L02 z. B. der Archipel der Maldiven und Philippinen. Man hat angemerkt:
|L03 1. daß die Berge in einer immerwährenden Kette fortgehen und daß
|L04 nicht auf einmal und hintereinander hohe und niedrige Berge anzutreffen
|L05 sind, sondern daß dieselben nach und nach zu- und abnehmen;
|L06 2. daß, wie Dalrymple sagt, die beträchtlichsten Inseln nahe am Lande
|L07 liegen und in dem Pacifischen, wie überhaupt in allen Meeren, die
|L08 Inseln mit von dem Anspielen des Meerwassers entstanden sind, daher
|L09 auch gemeinhin von der einen Seite, von welcher sie nämlich auf
|L10 diese Weise einen Zuwachs erhalten, steil, von der andern aber sehr
|L11 flach sind. Es ist demnach leicht, die Ursache einzusehen, warum die
|L12 größten Inseln am Lande liegen, weil sich nämlich auf dem festen
|L13 Lande und nahe an demselben die höchsten Berge befinden. Und
|L14 diese sind dann auch am ersten im Stande über die Meeresfläche hervorzuragen.

|L16 {&e Anmerkung. Die Inseln sind dem oben Gesagten zufolge nichts anderes
|L17 als Berge, und obwohl einige von diesen auf eben die Art wie jene entstanden
|L18 sind: so sind doch der Entstehungsursachen bei den Inseln mehrere
|L19 vorhanden. Denn außerdem, daß mehrere von ihnen durch vulcanische Ausbrüche
|L20 erzeugt sind, wie nur noch i. J. 1783 die sogenannte neue Insel bei Island,
|L21 mehrere Inseln im Atlantischen und Mittelländischen Meere, vielleicht Island
|L22 selbst; andere durch Wasserdurchbrüche, wie z. B. Sicilien, Helgoland und mehrere
|L23 Inseln des Mittelländischen Meeres und des Archipelagus, noch andere durch
|L24 Überschwemmungen des Meeres, wie z. B. die Inseln am Ausflusse mehrerer
|L25 Ströme, und wahrscheinlich einige der Philippinen: so sind dagegen endlich auch
|L26 einige nichts anders als ein Polypenproduct, und zwar der sogenannten Corallenpolypen
|L27 oder Lithophyten. Mehrere auf diese Art entstandene Inseln sind uns
|L28 bereits im Südmeere bekannt, und wahrscheinlich ist die Zahl der uns noch
|L29 unbekannten bei weitem größer. S. Forster Bemerk. auf seiner Reise um
|L30 die Welt. Berl. 1783. S. 126. Die Inseln dieser und der vorgehenden Arten
|L31 zählt Fabri in seiner Geistik, S. 41. u. w. sehr umständlich auf. Als eine eigenthümliche
|L32 Art von Inseln verdienen beiläufig noch die sogenannten Schwimmbrüche
|L33 oder schwimmenden Inseln bemerkt zu werden, die aus einer torfigen,
|L34 mit Wurzeln untermengten Grundlage bestehen, und fast allein nur in Landseen
|L35 angetroffen werden, z. B. im See Bamtin bei Gerdauen in Ostpreußen, bei
|L36 Tivoli im +I Lago di bagni + oder +I Solfatara +, und im See Ralangen in Schweden.
|L37 Die Dauer dieser Inseln ist sehr precär und hängt von mehreren zufälligen
|L38 Umständen ab.}

|P_239_

|L01 ≥ §_40. ≤
|L02 Bänke sind nichts anders als Inseln, die mit Wasser bedeckt sind,
|L03 und Bänke, die hervorragen, sind Inseln oder mit andern Worten: Bänke
|L04 sind Erhöhungen unter dem Wasser über dem Boden des Meeres. Es sind
|L05 daher auch überall, wo sich dergleichen befinden, Untiefen vorhanden. Unter
|L06 den Bänken unterscheidet man Fels- und Sandbänke. Die Untiefen
|L07 sind aber den Schiffern zuweilen schädlich, zuweilen nützlich. Der erste
|L08 Fall findet statt, wenn die Schiffe der Untiefen wegen müssen sitzen bleiben,
|L09 der letztere aber, wenn sie die Untiefen zum Ankerwerfen brauchen
|L10 können, denn zu einem guten Ankergrunde ist erforderlich:

|L11 1. daß das Tau des Ankers den Grund erreichen könne und daß das
|L12 Schiff von ihm nicht aller Bewegung beraubt werde, folglich, daß
|L13 das Seil eine schräge Lage bekommen könne und das Meer nicht gar
|L14 zu tief sei; ferner, daß das Seil nicht zu schräg liege und das Schiff
|L15 durch das viele Herumschleudern nicht Schaden leide, folglich muß
|L16 das Wasser nicht gar zu niedrig sein, d. h. eine Tiefe von ungefähr
|L17 10 bis 12 Faden haben;

|L18 2. daß der Boden selbst weder sumpfig noch voll kleiner Steine sei, oder
|L19 gar aus Flugsand bestehe, sondern daß er entweder groben Sand
|L20 oder eine gute Thonerde habe, denn in jenem ersten und letzten Falle
|L21 sinkt der Anker zu tief hinein, daß er gar nicht oder nur mit großer
|L22 Mühe wieder in die Höhe gezogen werden kann; im zweiten Falle
|L23 aber zerreibt sich das Tau an den kleinen Steinen, wodurch {&v das Schiff
|L24 den Wellen und dem Sturme würde Preis gegeben werden.}

|L25 In Europa ist die Doggersbank die größte, auf der auch starke
|L26 Fischereien getrieben werden. Die merkwürdigsten Felsbänke sind: die
|L27 bei Terreneuve, welche an hundert Meilen lang ist, und auf der ein
|L28 großer Kabliau- und Stockfischfang stattfindet. (Überhaupt wird fast
|L29 auf allen Bänken ein lebhafter Fischfang getrieben, indem sich die Fische
|L30 nicht gern auf dem Boden des Meeres aufhalten, sowohl, weil es im
|L31 Grunde des Meeres sehr finster ist, als auch, weil in der Höhe eine gemäßigte
|L32 Kellerwärme angetroffen wird: so daß man die Angel nur hineinwerfen
|L33 und augenblicklich wieder herausziehen darf, um die besten Thiere
|L34 dieser Fischart zu erhalten). {&v Jene Bank ist schon in beträchtlicher Entfernung
|L35 wahrzunehmen,}
weil die Wellen von den Felsen zurückgeschlagen
|L36 werden und in Unordnung gerathen. Auch befindet sich über ihr ein sehr

|P_240_
|L01 kalter Nebel. Die Ursache davon ist unbekannt, wenn sie nicht die oben
|L02 bereits erwähnte allgemeine Ursache sein sollte.
|L03 Ferner gehört diejenige Felsenbank hierher, auf der die Maldivischen
|L04 Inseln ruhen, deren Anzahl sich auf mehrere Tausende beläuft, woher sich
|L05 die maldivischen Könige Herren der tausend Inseln nennen lassen.
|L06 Einige Straßen zwischen diesen Inseln sind so beschaffen, daß man {&v sie gar
|L07 nicht zu passiren im Stande ist.}

|L08 Die vornehmste dieser Inseln ist: die Insel Male.
|L09 Die berühmtesten Sandbänke sind die Dünen, an den englischen
|L10 Küsten. Schon ihre Gestalt weist es aus, daß sie vom Anspielen der
|L11 Meerströme entstanden sind.

|L12 Rheden nennt man endlich die Sandbänke, welche sich an den Häfen
|L13 befinden und zu ihrer Deckung dienen.

|L14 Auch haben wir die sogenannten {&e Austerbänke, Korallen- und}
|L15 Muschelbänke zu merken, auf welchen letztern die stärkste Perlenfischerei
|L16 getrieben wird. Die vorzüglichsten der Art befinden sich im Rothen Meere.

|L17 ≥ §_41. ≤
|L18 Bei der natürlichen Anlage des festen Landes sind drei Stücke vornehmlich
|L19 zu merken:

|L20 1. Die Landrücken,
|L21 2. Die Bassins und
|L22 3. Die Platteformen.

|L23 Ein Landrücken ist derjenige Ort, an dem sich die höchste Gegend
|L24 des Landes befindet. Er ist gemeiniglich das Fundament von Bergen,
|L25 doch findet man {&v ihn auch öfters mit keinen Bergen in genauerem Zusammenhange.}
|L26 Ein allgemeines Kennzeichen, solche Landrücken zu unterscheiden,
|L27 ist, daß sich auf ihnen die Flüsse nach allen Gegenden ausbreiten
|L28 oder scheiteln. Man hat angemerkt, daß dergleichen Landrücken sich bemühen,
|L29 Länder in Bassins abzutheilen und einzuschließen. Insbesondere
|L30 ist dieses da zu merken, wo die politischen Grenzen mit den physischen
|L31 übereinkommen. Böhmen ist ein Land dieser Art. Es erhält alle sein
|L32 Wasser von den herumliegenden Bergen, die es einschließen, und dieses
|L33 Wasser wird wieder durch einen Kanal, die Elbe, abgeführt, so daß, wenn
|L34 diese Öffnung zum Abflusse verstopft würde, Böhmen ein Wasserbehältniß
|L35 werden müßte. Die Elbe ist gleichsam {&v ein Stamm,} der aus den mancherlei
|L36 Wurzelabtheilungen der Flüsse, die in Böhmen entspringen, erzeugt

|P_241_
|L01 wird. {&g } Es sind auch vermuthlich in alten Zeiten die physischen Grenzen
|L02 besser mit den politischen zusammengetroffen, ehe noch die vielfältigen
|L03 Kriege entstanden, {&e die als eine Folge der überschrittenen physischen Grenzen
|L04 anzusehen sind.}

|L05 Alle Länder scheinen anfänglich Bassins oder Becken gewesen zu sein,
|L06 aus denen sich späterhin das Wasser in den Ocean ergossen hat. Die
|L07 Busen sind ebenfalls Bassins, {&v von denen indessen ein Theil eingesunken}
|L08 ist. Der Ocean ist das größte dieser Bassins, welches von Afrika, Amerika
|L09 und durch eine Reihe von Bergen, die, wie der berühmte französische Geograph
|L10 Buache bemerkt, unter dem Wasser von Amerika bis Afrika fortgehen,
|L11 eingeschlossen wird. Die sogenannte Wüste Sahara ist eine Platteform
|L12 von der Größe unsers Welttheils. Alle Sandwüsten sind dergleichen
|L13 Platteformen, so wie diese umgekehrt meistens Sandwüsten sind.

|L14 {&e Anmerkung. Die Land- oder Erdrücken sind gewöhnlich in der Mitte
|L15 des Landes befindlich, und von ihnen senkt es sich allmählig immer tiefer nach
|L16 dem Meere herab. Diese Herabsenkung des Landes nennt man Gesenke oder
|L17 Abdachung und ihre Beschaffenheit und Richtung ergiebt sich aus dem Laufe der
|L18 Flüsse. Eine Platteform oder ein Plateau oder Bergebene ist im Grunde nichts
|L19 anders als ein solcher Bergrücken, insofern er bloß aus einer Erhöhung,
|L20 nicht aber aus einem eigentlichen Gebirge besteht. Die bekannten Landrücken
|L21 und Bergebenen sind:

|L22 In Europa die Schweizer Alpen.
|L23 In Asien vorzüglich die Gegend von Tibet.
|L24 In Amerika der Landstrich unter dem Äquator und nach den westlichen
|L25 Küsten.

|L26 Man vermuthet aber mit größter Wahrscheinlichkeit nicht nur in dem Innern
|L27 von Afrika, etwa um den 10ten bis 15ten Grad nördlicher Breite, sondern
|L28 auch in Nordamerika und sogar in Europa, etwa in der Gegend, wo der Don
|L29 und die Wolga entspringen, noch andere ähnliche Landrücken und Bergebenen.}

|L30 ≥ §_42. ≤
|L31 Berge sind Erhöhungen über die Oberfläche der Erde. Sie sind
|L32 vermuthlich durch die vielen Brüche, die auf der Oberfläche der Erde entstanden
|L33 sind, erzeugt worden. Wie denn auch noch jetzt im Kaukasischen
|L34 Gebirge viele Berge, die aus einer thonartigen Materie bestehen, zum
|L35 Vorschein kommen, die aber, weil die Natur mehrentheils zu ihrer Reife
|L36 gediehen, eine solche Härte nicht erlangen können als die übrigen Berge,

|P_242_
|L01 die aus ihrem flüssigen Zustande in ihren gegenwärtigen übergegangen
|L02 sind.

|L03 Die Berge bestehen entweder aus einem ewigen Steine, welches die
|L04 Felsberge sind, oder aus Erde und Sand, welche Sandberge heißen.
|L05 Wenn sich viele Berge beisammen befinden, so nennt man sie ein
|L06 Gebirge. Wenn aber ein solches Gebirge in einer immerwährenden Linie,
|L07 sie mag gerade sein oder krumm, fortläuft, so heißt es eine Bergkette.
|L08 Es besteht aber eine dergleichen Bergkette aus einem Stamme
|L09 und aus Ästen. Der Stamm der Berge ist derjenige Ort, an dem viele
|L10 Berge beisammen stehen. Äste aber sind Berge, die nur aus dieser Linie
|L11 entspringen und eine andere Richtung nehmen.

|L12 Die Schweiz scheint der eigentliche Stamm aller Berge in Europa
|L13 zu sein. In Schweden zingelt sich gleichsam eine Bergkette um das ganze
|L14 Land, von welcher viele Äste ausgehen, zwischen denen die Flüsse, als
|L15 welche von den Bergketten und Landrücken herabfließen und von den Bergen
|L16 zur Seite mehr Zuwachs erhalten, sich nach dem Finnischen Meerbusen
|L17 ergießen. Eine andere Bergkette erstreckt sich von dem Cap Finisterre bis
|L18 zu den pyrenäischen Gebirgen, von da zu den Alpen und so weiter fort. -
|L19 Eine andere Bergkette umgiebt das halbe Amerika. Noch eine anderweitige
|L20 schließt einen großen Theil von Rußland und das Eismeer ein. Überhaupt
|L21 findet man niemals einen Felsberg ganz allein, sondern beständig
|L22 mehrere derselben beisammen. Diese werden gegen das Meer hin immer
|L23 niedriger, und auf einer etwas großen Insel trifft man jederzeit, wenn sie
|L24 länger als breit ist, eine der größten Länge nach fortlaufende Bergkette
|L25 an, wie z. B. namentlich in Sumatra, oder, wenn sie gerade so breit ist
|L26 als lang, in der Mitte einen Stamm von Bergen, dessen Äste sich nach
|L27 allen Seiten gegen das Meer erstrecken. Die Erde, welche sich auf verschiedenen
|L28 dieser Felsberge findet, scheint nur zufällig dahin gekommen zu
|L29 sein, weil man unter ihr Bäume, Muscheln und andere Dinge der Art
|L30 antrifft.

|L31 {&e Anmerkung. Der Zusammenhang der Gebirge in den außer-europäischen
|L32 Welttheilen ist uns noch sehr unbekannt. Am bekanntesten indessen in
|L33 Asien. Was Europa selbst betrifft: so ist zum Theil schon vorhin erwähnt,
|L34 daß man hier zwei Gebirgketten oder Hauptstöcke der Gebirge, eins in der
|L35 Schweiz, das andere da, wo der Don, die Wolga und der Dnjepr entspringen,
|L36 anzunehmen hat. Jener erste befindet sich innerhalb den Quellen des Rheins,
|L37 der Rhone, der Aare und Etsch, bildet demnach den Mittelpunkt der Alpen,

|P_243_
|L01 die sich eines Theils südlich zum Mittelländischen Meere, dann neben diesem
|L02 östlich mit nachheriger südlicher Abbeugung als das Apenninische Gebirge, durch
|L03 Italien erstrecken; andern Theils nördlich in dem Jura- und Vogesischen Gebirge
|L04 auf der linken Seite des Rhein, in den Sevennen, den Pyrenäen und
|L05 einigen Zweigen dieser letztern, bis zum Atlantischen Meere hinlaufen. Ein
|L06 anderer nördlicher Arm der Alpen bildet den Schwarzwald, das Fichtelgebirge,
|L07 das Thüringerwaldgebirge und geht endlich in die nördlichste Spitze dieser
|L08 Kette, den Harz, hinaus. Nebenarme sind vom Fichtelgebirge her der Böhmerwald,
|L09 das Erzgebirge, das Sudetengebirge, die mährischen Gebirge und die
|L10 Karpaten. Ein östlicher Gebirgstrich der Alpen endlich läuft durch das südliche
|L11 Deutschland hin und theilt sich dann in drei Arme, deren einer sich nordöstlich
|L12 den Karpaten nähert, der andere aber in Südost, neben dem Adriatischen
|L13 Meere, durch Griechenland bis zur äußersten südlichen Spitze von Morea hinstreicht
|L14 und von dem das Gebirge Rhodope, Pangäus und der Hämus wieder
|L15 Nebenäste sind. Der dritte Arm breitet sich gleichfalls bis in die Nähe der
|L16 Karpaten nordwärts aus.

|L17 Der zweite Hauptkern der europäischen Gebirge erhebt sich nördlich in
|L18 das zwischen Rußland und Schweden, dann zwischen diesem Lande und Norwegen
|L19 hinlaufende Sewogebirge, welches eben dasjenige ist, von dem vorhin
|L20 gesagt wurde, daß es Schweden einzingele. Ein zweiter Arm wendet sich
|L21 südlich zwischen dem Don und der Wolga gegen das Kaukasische Gebirge. Ein
|L22 dritter Arm dehnt sich in Nordosten unter dem Namen des Uralgebirges als
|L23 Grenze zwischen Asien und Europa hin. Westlich endlich nähert sich noch ein
|L24 Arm, nicht sowohl von Gebirgen, als vielmehr in einem Landrücken, dergleichen
|L25 jener Gebirgsstamm selbst ist, den Karpaten.

|L26 Über den Gebirgszusammenhang haben sich vorzüglich folgende Schriftsteller
|L27 ausgebreitet: BUACHE in den +F Memoires de l'Academie des +
|L28 +F sciences. + Paris 1752. Gatterer im Abrisse der Geographie. Götting.
|L29 1778. 2 Th. Einleitung, und Fabri in der Geistik. S. 95. u. f.}

|L30 ≥ §_43. ≤
|L31 Folgende {&v Betrachtungen sind in Betreff der Berge} vorzüglich merkwürdig.

|L33 1. Es soll die obere Luft auf Bergen wegen ihrer verringerten Dichtigkeit
|L34 nicht bequem zum Athemholen sein. Allein seitdem mehrere Mitglieder
|L35 der {&e ehemaligen} Akademie der Wissenschaften zu Paris sich
|L36 über drei Wochen lang auf den höchsten Bergen in Peru und der
|L37 Erde aufgehalten haben, obgleich die Luft daselbst noch einmal so
|L38 dünn als in Paris war, so daß sie das Quecksilber nur um 14 Sekunden erhob,

|P_244_
|L01 da es doch zu Paris auf 28 Sekunden stieg: so glaubte man eingesehen zu
|L02 haben, daß die Schwierigkeit Athem zu holen, sowohl in der Bangigkeit,
|L03 die man empfindet, wenn man an die Rückkehr denkt, als auch
|L04 in der Structur der Muskeln, die durch die viele Bewegung und das
|L05 Anspannen der Lunge angegriffen werden, liege. Daß der beschwerliche
|L06 Athemzug nicht sowohl aus der Dünnigkeit der Luft, als vielmehr
|L07 von der Ermüdung herrühre, hat man auch daraus schließen
|L08 wollen, daß man die Adler, die doch von der Luft müssen getragen
|L09 werden, noch über den höchsten Bergen fort fliegen sah. Die dünnere
|L10 Luft ist vielmehr eine Quelle der Munterkeit.

|L11 2. Sollen die Leute, die um und auf den Bergen wohnen, sehr stark
|L12 und tapfer sein und auf alle Weise ihre Freiheit zu behaupten suchen.
|L13 Allein dieses rührt wohl vornehmlich daher, weil es in dergleichen
|L14 Gegenden sehr leicht ist, sich mit wenigen Leuten gegen große Heere
|L15 zu vertheidigen, und weil ferner die Berge auf ihren Spitzen unbewohnt
|L16 und unbewohnbar sind, auch in den Thälern weniger Reichthümer
|L17 zu hoffen sind, sich also Niemand so leicht nach einem Aufenthalte
|L18 in solchen Gegenden sehnt. Auch ziehen die Bewohner von dergleichen
|L19 Gebirgländern beständig umher. Diejenigen Völker, welche
|L20 von Pflanzen leben, sind am freiesten, weil sie solche überall vorfinden.
|L21 Diejenigen, welche von Pferden und von der Milch derselben,
|L22 wie die Tataren, ihre Nahrung hernehmen, folgen zunächst nach
|L23 ihnen. Weniger frei aber sind diejenigen, die von Hausthieren und
|L24 der eigentlichen Viehzucht leben. Und die größten Sklaven von allen
|L25 sind endlich solche Völker, die den Ackerbau treiben, indem sie nicht
|L26 überall ein dazu bequemes Land antreffen.

|L27 {&v Demnach scheint es denn, daß der besondere Charakter der Bewohner
|L28 bergichter Gegenden nicht sowohl in der eigenthümlichen Beschaffenheit
|L29 der hier herrschenden Luft liege.}
Der merkliche Unterschied
|L30 zwischen den Bergschotten und Engländern und den Einwohnern
|L31 der flachen Gegenden Schottlands rührt aber daher, weil letztere
|L32 sehr weichlich erzogen werden.

|L33 3. Soll die Luft in dergleichen bergichten Gegenden die Ursache von dem
|L34 Heimweh, namentlich der Schweizer sein, indem diese, wenn sie in
|L35 andere Länder kommen, besonders bei Anhörung ihrer {&v Nationalgesänge,}
|L36 melancholisch werden, ja, wenn man ihnen nicht erlaubt, in
|L37 ihre Heimath zurückzukehren, dahin sterben. Allein dieses rührt her,

|P_245_
|L01 theils von der Vorstellung der Leute, welche sie sich von der Gemüthsruhe
|L02 machen, welche, wie in allen Ländern, wo die Einwohner in
|L03 mehrerer Gleichheit leben, {&e so auch vorzüglich mit in der Schweiz, die
|L04 Menschen beseelt, die sie denn auch nur da, und nirgend anders als
|L05 auf ihrem vaterländischen Boden antreffen zu können glauben.}
Ein
|L06 anderer Grund dieses Heimwehs besteht in dem größern Kraftaufwande,
|L07 den dergleichen Leute ihres Unterhalts wegen bei sich müssen
|L08 eintreten lassen. Dieses ist auch die Ursache von dem Heimweh der
|L09 Pommern und Westphäler. Es soll auch in keinem Lande der Selbstmord
|L10 so gewöhnlich sein als in der Schweiz, obwohl derselbe übrigens
|L11 mehr die Reichen anzuwandeln pflegt; die Schweizer dagegen sind
|L12 mehrentheils arm. Indessen will man bemerkt haben, daß die Selbstmörder
|L13 in der Schweiz hauptsächlich nur solche Leute sind, die bereits
|L14 in andern Ländern gewesen und an den Ergötzlichkeiten derselben Geschmack
|L15 gefunden haben, und die sich des Lebens eben deshalb berauben,
|L16 weil sie in ihrem Vaterlande jene Vergnügungen entbehren
|L17 müssen. Diese Veränderung in ihnen selbst ist auch Ursache davon,
|L18 daß sie alle einmüthig ihr Vaterland nicht so bei ihrer Rückkehr
|L19 wiedergefunden zu haben versichern, als sie es verließen. Sie halten
|L20 also die Veränderung ihres Subjects für eine Veränderung des Objects,
|L21 weil sie die des erstern nicht wahrzunehmen im Stande sind.
|L22 Das Heimweh der Schweizer ist eine Sehnsucht oder ein Bestreben
|L23 mit dem Bewußtsein der Unmöglichkeit. Es ist immer besser,
|L24 gar keine Hoffnung zu haben als eine ungewisse; denn in jenem Falle
|L25 hegt man weiter keine Sehnsucht, sondern bemüht sich seinem Gemüthe
|L26 die Situation eigenthümlich zu machen, in der man nichts
|L27 mehr zu hoffen hat. Eben daher ist aber nichts beschwerlicher als
|L28 Anstrengung der Kräfte mit dem Bewußtsein der Unmöglichkeit einer
|L29 Erreichung des Zweckes. Das Heimweh findet besonders statt, wo
|L30 es schlechte, von der Natur wenig bedachte Gegenden giebt; denn je
|L31 größer die Simplicität des Lebens ist, desto stärker ist der Affect des
|L32 Gemüthes und der Begierden. Die Unzufriedenheit nimmt mit den
|L33 letztern zu, besonders wenn man sich einer bessern Lebensart erinnert,
|L34 oder sieht, wie es an andern Örtern so um vieles besser ist. Die Familienanhänglichkeit
|L35 ist größer, je dürftiger die Familie ist und je
|L36 bedeutender die Entsagungen sind, die die Natur ihr aufgelegt hat.
|L37 Je mehr man dagegen mit eigenem Interesse belastet ist, welcher

|P_246_
|L01 Fall bei dem Luxus eintritt, um so weniger hängen die Menschen zusammen.

|L03 4. Wenn man für die Höhe der Oberfläche der ganzen Erde die Höhe
|L04 des Meeres annimmt: so ist es sehr leicht, die Höhe der Berge vermittelst
|L05 der Trigonometrie zu finden. Liegen sie indessen in weiter
|L06 Entfernung von dem Meere: so kann solches, der vielen möglicher
|L07 Weise einschleichenden Fehler wegen, nicht so leicht geschehen.
|L08 Wenn man daher bemerkt, daß die Dichtigkeit der Luft mit ihrer
|L09 Höhe von der Erde abnimmt, weil sie in den obern Gegenden nicht
|L10 von einer solchen Luftmasse gedrückt wird als in einer größern Tiefe,
|L11 und daß demnach in einer Erhöhung von 70 Fuß die Dichtigkeit
|L12 der Luft um eine Linie abnimmt: so hat Bernoulli die Höhe der
|L13 Berge durch das Barometer, welches ein Instrument ist, die Dichtigkeit
|L14 und Schwere der Luft zu finden, zu calculiren angefangen.
|L15 Allein man fand späterhin, daß die Dichtigkeit und Schwere der Luft
|L16 nicht nach einem bestimmten Gesetze abnehme, dergestalt, daß wenn
|L17 gleich die obere Luft an die Stelle der untern gebracht und mit einem
|L18 gleichen Gewichte beschwert würde, sie dennoch keine solche Dichtigkeit
|L19 wie die letztere erhalten würde. Mariotte meint zwar, daß so viel
|L20 der Luft an Dichtigkeit abginge, als sie an elastischer Kraft einen
|L21 Zuwachs erhalte, indem die Theile der Erde, die sich in Dünste verwandeln
|L22 und in der Luft, die unten ist, sich aufhalten, eine stärker
|L23 anziehende Kraft haben und die Lufttheilchen mehr im Zwange erhalten.
|L24 Es fand sich aber, daß auch dieses Gesetz nicht anpassend
|L25 war. Dieses sind nun die Schwierigkeiten, die eine hierauf gegründete
|L26 Messung der Berge sehr unsicher machen. Die beste Methode ist
|L27 die, zu gleicher Zeit auf der Höhe des Berges und am Ufer des
|L28 Meeres Beobachtungen anzustellen, und durch eine Vergleichung derselben
|L29 mit einander die Höhe der Berge herauszubringen.

|L30 5. Der Pico auf Teneriffa ist einer der berühmtesten. {&e Seine Höhe beträgt
|L31 nach Einigen 12.420, nach Andern 10.452 Fuß.}
Er wirft seinen
|L32 Schatten weiter als die Tangente, das ist, über 12 Meilen, und die
|L33 Luft in dieser Gegend hat ein sehr dunkles Ansehen von der Repercutirung
|L34 des Schattens.

|L35 6. Eine Reihe von Bergen hat fast jederzeit eine andere solche Reihe
|L36 gegenüber. Die vordersten Gebirge nennt man Vorgebirge, die
|L37 gewöhnlich aus unordentlich über einander geworfenen Steinen bestehen.

|P_247_
|L01 {&e Die nächstfolgende Gebirgreihe heißt das mittlere und eine
|L02 dritte endlich das Hauptgebirge. Das Mittelgebirge ist mehrentheils
|L03 metallartig, und das Hauptgebirge besteht fast nur aus Stein.}

|L04 Auf der andern Seite aber gehen sie auf die nämliche Art fort.

|L05 7. Isolirte Berge haben allezeit ein fürchterlicheres Ansehen als ganze
|L06 Gebirge, weil die vordersten Gebirgsreihen am niedrigsten sind, und
|L07 die erst nachfolgenden höhern, weil sie von jenen gedeckt werden, nicht
|L08 gesehen werden können.

|L09 {&e Anmerkung 1. Manche Reisende haben starke Schilderungen von dem
|L10 beengten Gefühl entworfen, das ihnen auf hohen Bergen soll angewandelt
|L11 sein. Wirklich ist die Dichtigkeit der Luft in größern Höhen vermindert, und
|L12 daß ein kleiner Theil jenes Gefühls davon herrühren mag, kann immer seine
|L13 Richtigkeit haben. Aber Erfahrungen der Art, während einer oder doch nur
|L14 weniger Stunden, nur ein oder ein paar Mal angestellt, entscheiden darüber
|L15 nichts, weil der seltene Eindruck und die Größe des Anblicks unter solchen
|L16 Umständen unfehlbar auch, und wahrscheinlich am stärksten, jene Bangigkeit
|L17 zu erregen im Stande sind. Daß die Bergluft übrigens reiner und gesunder
|L18 ist als unter gleichen Umständen die Luft in ebenen Gegenden, ist durch die
|L19 Erfahrung vielfach bestätigt. Da hier aber der wirkenden Ursachen mehrere
|L20 sind: so bleibt es immer noch auszumitteln übrig, welchen Antheil die größere
|L21 Dünnigkeit der Luft daran habe.

|L22 Anmerkung 2. Ist es eine unleugbare, vielfach bestätigte Erfahrung,
|L23 daß Gebirgsbewohner sich durch Muth auszeichnen: so dürfte davon wohl nur
|L24 wenig auf Rechnung der Luft zu setzen sein. Der meistens undankbare Boden
|L25 auf Gebirgen, man denke nur an den Kaukasus und seine Bewohner, zwingt die,
|L26 welche auf ihm leben, zu den thätigsten Anstrengungen, sich ihre Lebensbedürfnisse
|L27 zu verschaffen. Die Kärglichkeit dieser letztern und daher entstandene Zwistigkeiten
|L28 und Kriege nöthigen jene Leute, fast allein nur und unablässig sich in einer gewissen
|L29 Körperthätigkeit zu erhalten. Das macht sie fest und robust. Die Beschränktheit
|L30 ihrer Wünsche und Bedürfnisse aber, so wie das Gefühl, daß man
|L31 nur sich, was man hat, zu verdanken habe, geben, vereinigt mit dem erstern,
|L32 Selbstvertrauen und Muth.

|L33 Anmerkung 3. Wollte man annehmen, daß bloß die Schweizer am
|L34 Heimweh leiden, von denen dies auch mehr in Rücksicht auf die ältern Zeiten als
|L35 in Beziehung auf die Gegenwart gilt, seitdem ihr Verkehr nicht ausschließlich
|L36 mehr auf ihre Berge und Thäler eingeschränkt ist: so würde man sehr irren, sondern,
|L37 je ärmlicher das Land, je beschwerlicher die Erhaltung des Lebens, je entfernter
|L38 die Sitte vom Luxus ist, um so stärker ist die Sehnsucht nach der Heimath
|L39 bei seinen entfernten Bewohnern. So lernte Frau v. la Roche bei ihrem Aufenthalte

|P_248_
|L01 zu London daselbst einen jungen gebildeten Isländer kennen, dessen Verlangen
|L02 nach seinem armseligen Vaterlande in eben dem Verhältnisse sehnlicher
|L03 war, je rauschender die Vergnügungen und Zerstreuungen jener Hauptstadt des
|L04 britischen Reichs sind. So war der Wunsch in ihre Heimath zurückzukehren bei
|L05 allen denjenigen vorzüglich stark, die man als Außer-Europäer oder sogenannte
|L06 Wilde mitten in den sinnlichsten Genuß unsers Erdtheiles einführte. Selbst von
|L07 dem als Negerknabe geraubten, in Holland durch seine Gelehrsamkeit berühmt
|L08 gewordenen Capitän ist es sehr wahrscheinlich, daß die Sehnsucht nach seiner
|L09 Heimath ihn in Europa unsichtbar machte.

|L10 Das Bedürfniß treibt in unfruchtbarern Gegenden die Menschen näher aneinander,
|L11 und hört dieses Bedürfniß auch als Noth auf: so wirkt es, ist es einmal
|L12 herrschend geworden, doch mit Allgewalt und stärker als jede andere Neigung.
|L13 Welche weise Einrichtung der Natur! Ohne sie würden jene öden Gegenden
|L14 bald ganz verlassen und höchstens der Nothaufenthalt nach erlittenem Schiffbruche
|L15 sein.

|L16 Anmerkung 4. Der erste, der das Barometer zu Höhemessungen anwandte,
|L17 war Pascal in der Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts. Mariotte
|L18 und Boyle stellten etliche und zwanzig Jahre darauf das unter dem Namen des
|L19 erstern bekannte Gesetz auf, daß die Dichte der Luft sich wie der Druck verhalte,
|L20 den sie trägt. Nach seinen Bemerkungen sollte das Barometer bei einer 63 Fuß
|L21 größern Höhe um eine Linie fallen. Nach ihm stellten Halley und Scheuchzer
|L22 Versuche der Art an. Horrebow und de la Hire wollten beobachtet haben,
|L23 daß zu dem Falle des Quecksilbers von einer Linie eine Erhebung von beinahe
|L24 75 Fuß erforderlich sei. Weil die bisherige Regel so oft fehlerhaft befunden
|L25 wurde, glaubte Bouguer die specifische Federkraft der Luft in Anschlag bringen
|L26 zu müssen, der zu Folge verschiedene Luftarten bei gleicher Wärme und Dichtigkeit
|L27 dennoch einen verschiedenen Widerstand leisten. Bernoulli stellte den Satz
|L28 auf, die drückende Kraft verhalte sich, wie das Quadrat der Geschwindigkeit der
|L29 innern Bewegung der Lufttheilchen, mit dem Raume dividirt. Cassini nahm
|L30 an, die Dichte der Luft verhalte sich wie das Quadrat des Druckes. Die neuesten
|L31 Untersuchungen über diesen Gegenstand verdanken wir de Luc und Lichtenberg,
|L32 so wie prüfende Versuche in Bezug hierauf vorzüglich dem unermüdeten Saussüre.
|L33 Das Ausführlichere hierüber findet man bei Gehler a. a. O. Artic. Barometrische
|L34 Höhenmessungen. Daß die bisherigen Höhemessungen vermittelst
|L35 des Barometers so verschieden ausfielen, davon liegt die Ursache wohl darin, daß
|L36 die Dichte der Luft an einem und demselben Orte und bei einerlei Wärme der
|L37 Barometerhöhe nicht proportional ist. Dem zufolge wird es erforderlich, die
|L38 vorhandene Dichte durch unmittelbare Abwägung, am besten vermittelst der
|L39 Gerstnerschen Luftwage, zu bestimmen.}

|P_249_

|L01 ≥ §_44. ≤
|L02 Die Luft auf den Bergen ist weit kälter als die in den untern Gegenden,
|L03 so daß das beständige Eis und der immerwährende Schnee Kennzeichen
|L04 der höchsten Berge sind.

|L05 In der Höhe von etwa einer Viertelmeile und drüber ist keine Abwechselung
|L06 der Witterung mehr, sondern ein beständiger Winter. Hieraus
|L07 ersieht man, daß {&v die Masse der Wärme} nicht eigentlich durch die
|L08 Sonnenstrahlen, sondern vielmehr durch die Erregung der Erdenwärme
|L09 vermittelst jener hervorgebracht werde. Eine solche Erdwärme scheint
|L10 eigenthümlich der Erde zuzukommen, weil man es in der Tiefe, in die man
|L11 bisher gegraben hat, und zu welcher die Sonne nicht durchdringen kann,
|L12 noch allezeit warm findet. Die Wärme wird der Luft in eben der Art
|L13 mitgetheilt wie die elektrische Materie den Federn. Sie scheint sich nach
|L14 dem +L Cubus diametrorum + auszubreiten und eine feine und subtile Materie
|L15 zu sein, die in alle Körper eindringt und mit der elektrischen ungemein
|L16 übereinkommt, außer daß durch diese letztere Materie Wirkungen entstehen,
|L17 wenn sie in eine zitternde Bewegung geräth, die Wirkungen des
|L18 Feuers oder der Wärme aber alsdann entstehen, wenn sie sich von einem
|L19 Partikelchen aus dem andern mittheilt und in ihn übergeht. {&g }
|L20 Perrault merkt an, daß es alsdann warm sei, wenn die Dünste ihre
|L21 Figur und Form nicht verändern. Das Fahrenheit'sche Thermometer
|L22 zeigt die Wärme bei dem Siedpunkte des Wassers durch den 212ten Grad,
|L23 den Grad der Wärme des Blutes unter dem 96sten und die höchste
|L24 Sommerwärme mit dem 70sten Grade an.

|L25 Daß die Kälte der Luft und der hohen Berge aus dem Mangel von
|L26 Erdwärme entstehe, erhellt daraus, daß im Sommer auf den höchsten
|L27 Bergen der obere Schnee liegen bleibt, der untere aber wegschmilzt. In
|L28 der sogenannten heißen Zone erheben sich große Berge und auf deren
|L29 Spitze ein ewiges Eis. Es wird also die Wärme in jenen Gegenden nicht
|L30 so stark sein können, als sie beschrieben wird, ja, nicht einmal so groß als
|L31 in den längsten Tagen innerhalb der temperirten Zonen, weil die Sonne
|L32 daselbst länger über dem Horizonte bleibt als in dem heißen Erdgürtel,
|L33 wo die Nacht beständig zwölf Stunden lang ist, es sich also dort auch eher
|L34 abkühlen kann als in den gemäßigtern Erdstrichen, wo die Nächte während
|L35 des Sommers so überaus kurz sind. Es wird aber ferner auch dies, daß
|L36 die Hitze im Sommer nicht unmittelbar von den Sonnenstrahlen herrühre,

|P_250_
|L01 dadurch dargethan, daß die Wärme, selbst in den längsten Nächten, niemals
|L02 ganz verschwindet.

|L03 Die größte Wärme findet nicht um Mittag statt, sondern erst bald
|L04 nach dem Mittage, obgleich die Sonne dann schon etwas schwächer als
|L05 im ersten Zeitpunkte wirkt. Allein die Aufbehaltung der eigentlichen
|L06 Mittagswärme in Verbindung mit dem Zuwachse, den sie noch nachher
|L07 erhält, bildet die größtmöglichste Wärme. Daher auch die heißeste Zeit
|L08 im Jahre nicht die während des Solstitii ist, ungeachtet die Sonne alsdann
|L09 vermittelst ihrer vertical herabfallenden Strahlen am stärksten wirkt.
|L10 Vielmehr tritt diese erst nach demselben ein, wenn die vorige schon in der
|L11 Erde erregte Wärme noch durch die nachfolgende, wenn gleich geringere,
|L12 verstärkt wird. Wo aber Eis und Schnee vorhanden sind, da kann keine
|L13 besonders fühlbare Wärme aufbehalten werden, sondern diese ist an solchen
|L14 Örtern nur in so fern vorhanden, als sie eine Wirkung der Sonne ist.
|L15 {&e Dieselbe Bewandtniß hat es mit der Kälte, die nicht um Mitternacht,
|L16 sondern um die Zeit des Sonnenaufganges am stärksten ist, weil
|L17 dies der von der durch die Sonnenstrahlen erregten Erdwärme entfernteste
|L18 Zeitpunkt des Tages ist.}

|L19 Linné {&g } meinte, das Paradies möge auf einer Insel des heißen Erdgürtels
|L20 gelegen gewesen sein, da alles übrige Land von dem uralten Meere
|L21 {&v überströmt } war. Sein Grund ist der, weil auf den dortigen hohen Bergen
|L22 alle verschiedene Klimate, am Ufer des Meeres nämlich der heiße, um
|L23 die Mitte der Berge der gemäßigte und oben auf der Spitze der kalte Erdstrich,
|L24 wären anzutreffen gewesen, daher sich da auch alle Arten der Thiere
|L25 und Pflanzen hätten aufhalten können. {&g } {&v Einen Beweis für diese Hypothese }
|L26 nimmt er daraus her, daß, wie er behauptet, an den Ufern von
|L27 Schweden das Wasser immer niedriger werde, es also auch bis dahin gesunken
|L28 sein müsse und ferner noch in der Art sinken werde, daß kein
|L29 Wasser mehr werde zu sehen sein. Da nun der Landrücken des heißen
|L30 Erdgürtels am höchsten liegt: so müsse dieser auch, als das Wasser zu
|L31 sinken begann, zuerst hervorgetreten sein.

|L32 Der Schnee kommt aus einer Höhe von etwa 12.000 Fuß herunter.
|L33 Wenn man also weiß, um welche Zeit der Schnee in einem Lande schmilzt:
|L34 so kann man ungefähr auch auf die Höhe eines dortigen Berges schließen.
|L35 Es rührt aber die Kälte auf den hohen Bergen auch nicht daher,
|L36 weil die Strahlen, die von den umliegenden Gegenden zurückgeworfen
|L37 werden, nicht auf sie fallen können. Denn die Gegend von Quito in Peru

|P_251_
|L01 ist so beschaffen, daß sie {&v mit allem Recht für einen Berg gelten kann, indem
|L02 sie gegen achtehalbtausend Fuß}
über dem Meere und zwischen zwei
|L03 Reihen von Bergen liegt, also als weites und hohes Thal angesehen werden
|L04 kann. Obgleich nun hier die Strahlen von unendlich vielen Gegenden
|L05 zurückgeworfen werden und auf diese Landschaft fallen, so ist es in ihr
|L06 dennoch weit kälter als in den tiefer unten, obgleich dicht neben ihr
|L07 gelegenen Gegenden, daher ihre Einwohner auch {&v eine weiße Farbe
|L08 haben.}

|L09 {&e Anmerkung. Die Wärme haben wir eigenthümlich als Bedingung der
|L10 Ausdehnung für jeden Körper zu betrachten. Nirgend fehlt sie ganz. Wo sie
|L11 fehlte, könnte keine Organisation stattfinden; es wäre da eine gänzliche Aufhebung
|L12 alles Organism. Und weil es keinen streng unorganischen Körper giebt: so würden
|L13 wir uns bei der Annahme eines überall vorhandenen gänzlichen Mangels an
|L14 eigener Wärme, welcher eintreten müßte, wenn wir sie als etwas bloß von außen
|L15 her Gewirktes betrachten wollten, in die Nothwendigkeit gesetzt sehen, einen Nihilismus
|L16 anzunehmen, dem Vernunft und Erfahrung widersprechen. Die Wärme
|L17 ist also allein etwas Positives, wie das Licht, und Kälte wie Finsterniß sind bloß
|L18 Namen für den scheinbaren Mangel jener. Damit aber kann eine von außen her
|L19 bewirkte größere oder minder bewirkte Erregung sehr gut bestehen, und daß diese
|L20 vermittelst der Sonnenstrahlen vorzüglich hervorgebracht werde, ist ganz unleugbar.
|L21 Ob zu diesem Endzweck eine besondere Art der Strahlen von der Sonne
|L22 aus auf die übrigen Weltkörper wirke, wie Herschel bemerkt zu haben glaubt,
|L23 und ob das Licht wieder durch andere Strahlen, sei es hervorgebracht, oder
|L24 bloß, wie die Wärme, erregt werde, müssen wir bis zu näherer Kenntniß der
|L25 Sache dahingestellt sein lassen. Von der Erregbarkeit der Wärme kann der
|L26 Mensch sich durch sich selbst überzeugen, nicht nur durch das Reiben seiner Glieder in
|L27 der strengsten Winterkälte, vermittelst welcher sogar Erfrorne wieder in das Leben
|L28 zurückgerufen werden, sondern auch durch den leidlichern Zustand,in welchem wir
|L29 uns zur Zeit des Sommers befinden, wenn dann auch einmal auf kürzere Zeit
|L30 das Thermometer zu einem Grade herabsinkt, der bei dem Beginn des Frühlings
|L31 uns noch immer zum sorgsamen Heizen unserer Zimmer nöthigen würde. S. Hildebrand's
|L32 Encyklopädie der Chemie. Erlang. 1799. 8. S. 85. u. f.
|L33 Schellings Journal der Physik.

|L34 Hildebrand bemerkt demnach sehr richtig, daß wir eigentlich von keinem
|L35 Körper sagen sollten, er sei warm oder kalt, sondern nur wärmer oder kälter,
|L36 weil hier alles auf dem Verhältnisse zu einem andern Körper beruht. Daher der,
|L37 welcher aus der freien, strengen Winterluft kommt, ein Zimmer sehr angenehm,
|L38 wohl gar warm findet, in dem ein anderer, der sich schon seit einer Stunde darin
|L39 befand, herzlich friert.}

|P_252_

|L01 ≥ §_45. ≤
|L02 In dem heißen Erdstriche schmilzt der Schnee in einer Höhe von
|L03 2.200 Klaftern, weiterhin in einer Höhe von 12.000 Fuß und endlich unter
|L04 dem Pole vielleicht niemals von der Oberfläche der Erde weg. Es dürfte
|L05 also der Schnee aus den Wolken, die eben so weit von der Erde abstehen,
|L06 herunterfallen. Daher Jemand, der sich auf solchen Bergen befände, die
|L07 Beschaffenheit des Schnees experimentiren könnte. {&v Auch hat es manche
|L08 Wahrscheinlichkeit,}
daß der Regen im Sommer mehrentheils aus Schnee,
|L09 wiewohl auch bisweilen aus Regenwolken herabkommt, weil in den obern
|L10 Gegenden beständig einerlei Witterung herrscht, daher auch der Hagel
|L11 Schnee zu sein scheint, dessen obere Rinde abgeschmolzen ist. {&g }
|L12 Weil der Schnee auf hohen Bergen niemals schmilzt, so haben einige
|L13 dafür gehalten, daß er so alt sei als die Welt. Allein man hat gefunden,
|L14 daß derselbe in vielen und besondern Schichten hintereinander liegt, davon
|L15 die erste am lockersten ist, die nachfolgenden aber immer fester werden.
|L16 Ja man ist im Stande, des Schnees jährlichen Zuwachs mit Sicherheit
|L17 zu erkennen, wie man das Alter des Fisches aus den Zusätzen seiner
|L18 Schuppen, die man durch das Mikroskop gewahr wird, {&e oder das des Hirsches
|L19 aus seinen Enden}
beurtheilen kann. Er wird aber durch die Erdwärme
|L20 aufgelöst und fließt herunter. Es geschieht selbst, daß der Schnee,
|L21 welcher {&v unterhalb auf der Spitze des Berges} liegt, ausdünstet und diese
|L22 Dünste mitten durch die übrigen Schneepartikelchen fortfliegen. Daraus
|L23 ersieht man, daß der Schnee auch von den hohen Gebirgen nach und nach
|L24 {&v verschwindet} und ein anderer an seine Stelle kommt.
|L25 Öfters geschieht es, {&e daß außer andern Veranlassungen} der Schnee
|L26 auch durch den Staub, den die Luft allezeit mit sich führt, und der sich
|L27 auf ihm ansetzt, auseinandergebracht und heruntergestürzt wird, worauf
|L28 denn in weniger als einer Minute ganze Dörfer vom Schnee {&v begraben
|L29 dastehen.}
Mehrere auf solche Weise verschüttete Personen sind oft nach
|L30 gar langer Zeit wieder aufgefunden worden, und ihrem Ansehn nach hätte
|L31 man urtheilen sollen, sie wären einbalsamirt. {&g } Da dieser trockne Schnee
|L32 mehrentheils nur von einer dünnen Kruste zusammengehalten wird, so
|L33 kann dieselbe durch einen geringen Zufall, z. E. wenn sich ein Vogel auf
|L34 dieselbe setzt, zerbrochen werden, worauf denn die ganze Schneemasse der
|L35 Abschüssigkeit des Berges wegen herunterrollt. {&e Dergleichen aus der Höhe
|L36 von den Gebirgen herabstürzende Schneemassen heißen Lawinen.}
{&v Aber
|L37 man unterscheidet auch hier noch Staublawinen, die nur den Boden

|P_253_
|L01 der untern Gegend mit leichtem Schnee bedecken, und rollende Lawinen
|L02 im Stück, welche Häuser, Bäume, kurz Alles, was ihnen im Wege steht,
|L03 vergraben und umstürzen.}
Wenn ein Schneepartikelchen sich an das andere
|L04 anhängt und in Bewegung gebracht wird: so vereinigen sich mehrere
|L05 mit ihm, welche dann endlich, bevor sie auf die Erde herabkommen, zu
|L06 einem {&v beträchtlichen Haufen } anwachsen.

|L07 Die Lawinen der erstern Art sind deshalb {&v übel }, weil man ihnen so
|L08 leicht nicht entgehen kann. Den letztern aber ist man zuweilen noch im
|L09 Stande, wenn man sie zeitig genug wahrnimmt, zu entkommen, {&v zu welchem
|L10 Endzwecke }
man auch in der Schweiz verschiedene Anstalten getroffen,
|L11 z. E. spitzige und nach einer Seite zu gebogene Bäume {&v gepflanzt hat.}
|L12 In ein Thal, welches selbst {&v hoch liegt}, in dem es folglich auch stark
|L13 friert, {&v ergießt sich zuweilen von dergleichen hohen Bergen das Wasser. Es
|L14 gefriert aber bereits, indem es herabfließt.}
Hieraus entstehen die Eistafeln
|L15 oder Eismäntel. Unter ihnen befindet sich ein beständiges
|L16 Wasser, aus dem oft die größten Flüsse, z. E. namentlich der Rhein, {&v ihr
|L17 Entstehen erhalten.}
Dergleichen Eismäntel haben öfters eine Dicke von
|L18 zwanzig Fuß, und innerhalb ihrer befinden sich große Höhlen, in denen
|L19 es ungemein finster ist.

|L20 Das Eis überhaupt aber, welches in den {&v gebirgichten Gegenden der
|L21 Schweiz}
angetroffen wird, heißt das Gletschereis. Diese Gletscher haben
|L22 oft {&v sonderbare} Figuren und Gestalten, so daß sie zuweilen das Ansehen
|L23 gewähren, als wären die Wellen des Meeres im Zustande der Unruhe
|L24 {&v mit einmal und plötzlich} gefroren.

|L25 Endlich sind noch die schrecklichen Eisberge in der Gestalt eines Kuchens
|L26 zu merken, die aus dem Abflusse des Wassers von den großen und
|L27 ungeheuren Bergen in die zwischen diesen liegenden Thäler entstehen.
|L28 Die Wärme wird sowohl auf chemische Weise erregt, wenn man nämlich
|L29 eine Materie zu der andern hinzuthut, als auch mechanisch, wenn zwei
|L30 Körper an einander gerieben werden. In eben der Art kann man auch
|L31 vermittelst eines chemischen {&v Verfahrens} Kälte hervorbringen, {&v und zwar
|L32 in einem Grade, wie sie die Natur nur in den nördlichsten Gegenden und
|L33 auch da noch immer selten genug erzeugt, d. h. man hat das Quecksilber
|L34 in der Art zum Gefrieren gebracht, daß es sich hämmern läßt.}

|L35 Das {&v Aachener Gesundbrunnenwasser,} welches sehr heiß ist, muß eben
|L36 so lange, wenn es gekocht werden soll, über dem Feuer stehen, als wenn
|L37 es kalt wäre, und wenn es wieder in der Luft abgekühlt werden soll, so

|P_254_
|L01 muß es ungleich länger stehen als das gewöhnliche gekochte Wasser, wohl
|L02 bis auf 15 Stunden. Es treffen sich hier also chemische Ursachen vor oder
|L03 ein Princip der Gährung der Wärme, welche durch die Luft Nahrung bekommt
|L04 und dadurch die Fermentation befördert. Eine {&v ähnliche Bewandtniß}
|L05 hat es auch vielleicht mit dem Gletschereise, das gleichsam ein Princip
|L06 der Kälte in sich hat. Wenn es daher im Wasser soll aufgelöst werden:
|L07 so erfordert es eine längere Zeit als jedes andere Eis, weil es alsdann
|L08 zum Theil noch immer friert. Auch ist das Gletschereis vorzüglich hart,
|L09 {&v und die Eisberge in der Schweiz haben wie die in Spitzbergen ein bläuliches
|L10 Ansehn, die letztern indessen doch nicht so stark als die erstern.}

|L11 Wenn man ein Stück von diesem Gletschereise herab in das Thal
|L12 bringt: so wird es ungeachtet der Wärme nicht aufgelöst, wenn man es
|L13 gleich einen halben Tag hindurch im Wasser liegen läßt. Dieses rührt
|L14 vermuthlich von den besondern Bestandtheilen her, die sich in diesem Eise
|L15 befinden, wie denn auch Langhanns, ein Landphysicus in der Schweiz,
|L16 aus dem geschmolzenen und zu Wasser gewordenen Gletschereise, wenn es
|L17 sich in die Erde gezogen, einen Spiritus bereitete, der eine empfindliche
|L18 Säure bei sich führte, die aber gleich, nachdem man jenen gekostet hatte,
|L19 wieder verschwand.

|L20 Man kann im Sommer mitten auf dem Felde Eisfelder anlegen,
|L21 wenn man schichtenweise Eis nimmt und Salz dazwischen streut, es nachher
|L22 aber mit Erde belegt. Wenn die Sonne dann das Eis zum Schmelzen
|L23 bringt: so geräth in diesem Falle das Salz mit dem Wasser in engere
|L24 Verbindung, und augenblicklich bildet sich wieder neues Eis.
|L25 Hierbei merken wir zugleich die Erdstürze an, welche entstehen,
|L26 wenn die Flüsse durch ihren Fall die Erde von den Felsen, auf denen sie
|L27 ruht, wegspülen. Hin und wieder aber giebt es Berge, die eine solche
|L28 Höhe haben, daß sie füglich mit ewigem Schnee bedeckt sein könnten, wie
|L29 z. E. der Pik auf Teneriffa; allein man findet auf ihnen zu keiner Zeit,
|L30 oder doch nur dann und wann Eis und Schnee. Dieses rührt aber
|L31 von dem starken Rauch und Feuer her, das aus allen dergleichen Bergen
|L32 emporsteigt und den Schnee dergestalt fortstößt und mit einem solchen
|L33 Stoße herabschleudert, daß er nicht einmal Zeit genug hat, zu schmelzen.
|L34 Von der Höhe des Berges Ätna genießt man die angenehmste Aussicht
|L35 von der Welt, nicht nur über die Stadt Messina hin, sondern auch über
|L36 die ganze Gegend und Insel Sicilien. Die Reinigkeit der Luft auf dergleichen
|L37 Bergen macht auch, daß man den {&v gestirnten Himmel von da aus

|P_255_
|L01 weit prachtvoller und schöner erblickt,}
als man es sich vorzustellen im Stande
|L02 ist. Meistens sind aber die Einwohner solcher Gegenden wie die am Ätna
|L03 gegen dergleichen Reize unempfindlich. {&g }

|L04 {&e Anmerkung. Eisberge und Gletscher sind im Grunde eins und ebendasselbe;
|L05 die beträchtlichsten derselben finden sich in der Schweiz und Tirol, so wie
|L06 auf Spitzbergen. Für den größten Gletscher hält man den auf dem Bernina in
|L07 Bünden, welcher gegen eine Meile im Umfange hat, eine Viertelmeile breit und
|L08 an 6.000 Fuß hoch ist. Schmilzt irgend wo von unten her eine Eislage, so bekommen
|L09 diese Gletscher oft unter donnerähnlichem Krachen breite und tiefe Spalten,
|L10 die der Gegend unerfahrnen Wanderern oft gefährlich sind, indem sie zuweilen
|L11 mit einer leichten Schneekruste bedeckt sind und auf die Weise unbemerkbar werden.
|L12 Das Eis dieser Gletscher aber zeichnet sich nicht bloß durch seine Farbe,
|L13 sondern auch durch seine Durchsichtigkeit und Härte aus, welche letztere es sogar
|L14 zum Drechseln geschickt macht. Seine Durchsichtigkeit aber scheint eine Folge des
|L15 engen Zusammenhanges seiner Theile, also seiner Festigkeit und Härte zu sein.}

|L16 ≥ §_46. ≤
|L17 Die Gewitterwolken sind mehrentheils die niedrigsten. Daher ist man
|L18 auf sehr hohen Bergen vor allem Gewitter sicher und frei, und man sieht
|L19 Blitze unter seinen Füßen, wie sie aufwärts und niederwärts hinfahren.
|L20 Es sammeln sich die Wolken, wahrscheinlich der in ihnen allen enthaltenen
|L21 Elektricität wegen, gerne um die Berge her, daher auch der sogenannte
|L22 Pilatus-Berg seinen Namen +L Mons Pileatus + erhalten hat, indem seine Spitze
|L23 kegelförmig ist und die Wolken gleichsam den übrigen Theil des Hutes
|L24 ausmachen. Zwei Engländer bestiegen einen Berg in ihrem Vaterlande,
|L25 den gerade damals eine Gewitterwolke umgab. Indem sie nun durch dieselbe
|L26 ihren Weg nehmen wollten, erstickte der eine von ihnen, wahrscheinlich
|L27 von den in den Wolken enthaltenen Dünsten. Auch soll ein Gewitter
|L28 sich deshalb fürchterlicher auf hohen Bergen ausnehmen, weil man sowohl
|L29 über als unter sich das Blaue des Himmels gewahr wird. Wenn man
|L30 auf dergleichen Bergen einen Pistolenschuß thut: so giebt dies keinen stärkern
|L31 Schall, als würde ein Stock zerbrochen. Nach geraumer Zeit kommt
|L32 er, wenn er von allen Winkeln und Gegenden repercutirt worden ist und
|L33 ein hundertfältiges Echo zuwege gebracht hat, mit einem erschrecklichen
|L34 Krachen zurück.

|L35 {&e (Beschreibungen solcher von den höchsten Gipfeln der Berge unterhalb
|L36 erblickter Gewitter findet man in gar vielen Reisebeschreibungen und

|P_256_
|L01 Journalen, namentlich auch in des Hrn. O. C. R. Zöllner Wöchentlichen
|L02 Unterhaltungen über die Erde und ihre Bewohner.)}

|L03 ≥ §_47. ≤
|L04 Höhlen befinden sich nur in Felsbergen, und es giebt ihrer sowohl
|L05 natürliche als künstliche. Zu den letztern kann man vorzüglich die sogenannten
|L06 Bergwerke zählen. Wenn in diesen Höhlen die Erdschichten
|L07 horizontal fortlaufen, so heißen sie Stollen, bei einer verticalen Richtung
|L08 aber Schachten. In den Stollen findet man die Bruch- und Marmorsteine,
|L09 das Steinsalz und die Steinkohlen in England. Sie sind oft so
|L10 groß, daß ganze Städte darin Raum haben würden. In England erstrecken
|L11 sich die Steinkohlenwerke bis unter das Meer hin, so daß die größten
|L12 Kriegsschiffe über sie fortgehen. Jene Kohlenwerke werden aber von
|L13 großen Pfeilern, die aus derselben Materie bestehen, unterstützt. Das
|L14 Steinsalz findet man vorzüglich bei Wieliczka {&v im ehemaligen} Polen. Endlich
|L15 ist zu merken, daß in der Länge, wenigstens bei den Stollen, kein Ende
|L16 zu finden ist, wenn man gleich eine Meile weit, wie in Wieliczka, fortgegangen
|L17 ist und die Grenzen von beiden Seiten bestimmt sind. Die Stollen
|L18 werden in die Haupt- und Stechstollen eingetheilt. In jenen kommen
|L19 alle Stollen zusammen, und sie gehören der Landeshoheit; die andern sind
|L20 ein Eigenthum von Privatpersonen. In den Schachten findet man die
|L21 Metalle. Das Ende derselben kann man jederzeit, weil sie kegelförmig
|L22 zugehen, finden.

|L23 Unter den natürlichen Höhlen ist die Martinshöhle in der Schweiz,
|L24 wo das Licht zur Sommerzeit gerade in dieselbe fällt, eine andere auf dem
|L25 Pilatusberge u. s. w. zu merken. Weil öfters eine Kälte bloß von einem
|L26 Winde, welcher Dünste bei sich führt, verursacht wird: so ist es auch kein
|L27 Wunder, daß es in diesen Höhlen sehr kalt ist, weil ein beständiger Wind
|L28 in ihnen weht. Außer diesen ist noch die berühmte Baumannshöhle wegen
|L29 der in Stein verwandelten Tropfen zu merken. Man will in ihr bald
|L30 einen Mönch am Taufsteine, an dem viele Pathen gestanden, bald etwas
|L31 Anderes beobachtet haben. Es findet sich in dieser Höhle eine Art von
|L32 Kalkspat. Weil nun die hineinfallenden Tropfen denselben gleich auflösen,
|L33 so werden diese, wenn das Wasser abgedunstet ist, versteinert und
|L34 pflegen sich mehrentheils gleich dem Eise röhrenförmig zu bilden. Dieselbe
|L35 Bewandtniß hat es mit dem Marmor. Wenn nämlich der mineralische
|L36 Spiritus bei seiner Erzeugung hinzutritt, so macht er, daß die Farbe des

|P_257_
|L01 Marmors höher wird, und ein jeder nach seiner Einbildung bald dieses
|L02 bald jenes darin wahrnimmt.

|L03 Noch ist eine besondere Höhle zu merken, in der viele Namen eingeätzt
|L04 sind, die nun über dem {&v Steine erhöht} stehen. {&e Dieses scheint offenbar
|L05 eine Materie vorauszusetzen, die aus dem Steine vermittelst des Einritzens
|L06 hervorgedrungen}
und durch die Länge der Zeit verhärtet worden
|L07 ist, woraus man {&v füglich} auf ein Wachsthum der Steine geschlossen hat.
|L08 In dem karpathischen Gebirge befindet sich eine Höhle, in der eine
|L09 der auf der Oberfläche der Erde befindlichen ganz entgegengesetzte Witterung
|L10 angetroffen wird, so daß, wenn hier der Winter seinen Anfang
|L11 nimmt, die Temperatur in der Höhle milde wird, und wenn es oben am
|L12 stärksten friert, daselbst Gras wächst, ja, es so warm wird, daß sich die
|L13 wilden Thiere dahin begeben. Wenn es dahingegen an der Oberfläche
|L14 der Erde warm ist: so fängt es an in der Höhle kalt zu werden, bis es
|L15 zu der Zeit, da es oben am wärmsten wird, unten Eiszapfen friert, die
|L16 einer {&v Tanne an} Umfang gleichen, daher sich auch die Ungarn selbiger bedienen,
|L17 um ihre Getränke kalt zu erhalten. Zu diesem Endzwecke aber
|L18 ist nichts besser, als daß man den Krug, in dem sich das Getränk befindet,
|L19 mit nassen Tüchern umgebe und in den Wind hänge, da letzteres denn
|L20 nicht nur kalt bleibt, sondern es auch, wenn es dies noch nicht wäre, um
|L21 so sicherer wird. Hieraus dürfte man nicht unwahrscheinlich den Schluß
|L22 ziehen, daß, wenn es an einem Ende kalt wird, das andere in den Zustand
|L23 der Wärme übergehe. Die Wahrheit dieser allgemeinen Formel würde
|L24 einigermaßen Gewißheit erhalten, wenn man nur noch beweisen könnte,
|L25 daß, wenn es an einem Orte wärmer wird, es an dem entgegengesetzten
|L26 Orte auch in der That kälter werde. - Die Thermometer zeigen in einer
|L27 Schmiede, in der es heiß geworden ist, Kälte an, und ein heißes Eisen
|L28 wird an dem einen Ende noch heißer, wenn man das andere Ende in
|L29 kaltes Wasser steckt. Auch hat man im Sommer einige Fuß tief Wasser
|L30 unter der Erde vergraben und darüber alsdann ein starkes Feuer gemacht,
|L31 worauf es plötzlich und zwar stark erkaltete. Demnach scheint das Feuer,
|L32 welches über etwas anderm angebracht wird, das unter ihm Vorhandene
|L33 kalt zu machen, dasjenige Feuer hingegen, welches unter etwas anderes
|L34 gelegt wird, eben dieses zu wärmen. Diese Erfahrung scheint gleichfalls
|L35 den vorhin angeführten Satz zu bestätigen.

|L36 Was die Luft in diesen Höhlen betrifft: so findet sich daselbst {&v eine
|L37 große Menge}
von Dünsten, die der Gesundheit theils schädlich, theils nützlich

|P_258_
|L01 sind. {&v Auch trifft man} in einigen Höhlen eine sehr warme Luft an,
|L02 die von einer Schicht Schwefelkies, die von ohngefähr entblößt worden
|L03 und den die freie Luft ausgewittert hat, entsteht. Aus diesem Kies wird
|L04 der meiste Schwefel, {&v den wir haben, gewonnen.} So führt de Merou an,
|L05 daß, als die Leute in ein Bergwerk kamen, die Luft daselbst kalt war,
|L06 weiterhin nahm die Wärme zu, so daß sie endlich glaubten, unten müsse
|L07 ein Feuer sein. Allein wenn die Hitze in derselben Proportion hätte zunehmen
|L08 sollen, so müßte sie im Centrum, da hier nur eine kleine Tiefe
|L09 war, etliche tausend Mal stärker gewesen sein. Im Rammelsberge, der
|L10 zum Harzgebirge gehört, ist es eben so heiß und eine Quelle dagegen
|L11 auf ihm so kalt, daß man das Wasser derselben nicht an den Fuß bringen
|L12 kann. Diese große Kälte ist eine Wirkung von dem Hindurchströmen des
|L13 Wassers durch Gyps und Steine. {&v Der vorhin genannte Verfasser bemerkt}
|L14 auch, daß die Hitze {&v in dem Bergwerke, von dem er redete,} erst entstanden
|L15 sei, als die Schachten angelegt wurden, welche den Schwefelkies entblößten.

|L16 Der schädlichste Dampf ist der sogenannte Bergschwaden, welcher
|L17 allein genommen tödtlich, mit andern Materien aber versetzt gesund, ja,
|L18 der beste unter allen Bestandtheilen der Gesundbrunnen ist. Ein Vogel,
|L19 der über eine mit Bergschwaden angefüllte Höhle fliegt, so wie der Mensch,
|L20 der ihr zu nahe kommt, stirbt augenblicklich. Es befindet sich dieser Bergschwaden
|L21 auch öfters in alten Brunnen, wie man diese Erfahrung vor
|L22 mehreren Jahren in Litthauen bei dem Ausgraben eines solchen Brunnens
|L23 machte. Zur Vorsicht muß man ein brennendes Licht in den Brunnen
|L24 herunterlassen; wenn dieses ausgeht, so gilt das als eine Anzeige von dem
|L25 wirklichen Dasein des Bergschwadens, brennt es dagegen fort, so ist er
|L26 davon befreit.

|L27 {&e Anmerkung. Höhlen sind Vertiefungen, meistens in Kalkgebirgen, mit
|L28 mehr oder minder ausgedehnten Gewölben und Gängen. Die Entstehung solcher
|L29 Höhlen beruht bald auf Ausspülungen durch Wasser, bald auf unterirdischen Feuerausbrüchen.
|L30 Die Zahl derselben auf der Erde ist überaus groß, wenn auch nicht
|L31 alle gleich merkwürdig sind. Zu den merkwürdigsten gehören außer der Baumannshöhle
|L32 im Harz die Tropfsteinhöhle bei Slains in Nordschottland,
|L33 die Fingalshöhle auf der Insel Staffa, die Höhle auf Antiparos (s. Rink,
|L34 neue Sammlung der Reisen nach dem Orient. Th. +Z 1. + S. 83 u. f.), die
|L35 Höhle auf Candia oder das Labyrinth (s. das eben angeführte Buch a.a.O.
|L36 S. 24 u. f.) und die ihrer schädlichen und warmen Dämpfe wegen berühmte
|L37 Hundsgrotte in Italien unfern Neapel. Von den im Paragraph erwähnten
|L38 Auswüchsen in den Wänden solcher Höhlen eingeritzter Inschriften giebt das

|P_259_
|L01 Labyrinth unter andern Belege (s. die angeführten Reisen, S. 25). Die obengedachte
|L02 Höhle im karpathischen Gebirge ist die sogenannte Sczeliczahöhle.
|L03 Der Bergschwaden wird auch mit einem französischen Namen +F Mofette + genannt.}

|L04 ≥ §_48. ≤
|L05 Obgleich der von der Petersburger Akademie der Wissenschaften nach
|L06 Sibirien geschickte Professor Mallin drei Grade von dem Polarkreise einen
|L07 Brunnen graben gesehen, in dem das Erdreich {&v durchweg} gefroren war:
|L08 so hat man dennoch durch häufige Beobachtungen gefunden, daß in Höhlen
|L09 von 300 Fuß und einer noch größern Tiefe in allen Gegenden der Welt
|L10 eben eine solche gemäßigte Kellerwärme wie in dem Keller des Observatoriums
|L11 zu Paris anzutreffen sei, wenn gleich diese allgemeine Beobachtung
|L12 durch die angeführten besondern Erfahrungen eingeschränkt wird.
|L13 Wenn wir nun hieraus schließen, daß in der Erde durchweg eine gewisse
|L14 Wärme anzutreffen sei: so entsteht die Frage, woher diese Wärme nun
|L15 rühre.

|L16 Sie kann keinesweges von der Sonne erzeugt werden, weil die von
|L17 derselben erregte Hitze durch die auf den Tag folgende Nacht, so wie durch
|L18 den auf den Sommer folgenden Winter gänzlich zerstreut wird. Wenn
|L19 nun aber die Erde die Gestalt einer Sphäroide daher bekommen hat, daß
|L20 sie sich um ihre Axe bewegt, und ihre Theile unter dem Äquator einen weit
|L21 größern Weg zu laufen und eine weit größere Schwungkraft zu empfinden
|L22 haben als die unter den Polen: so werden jene in ihrer Schwere vermindert,
|L23 obgleich, wie Newton gewiesen hat, die Schwungkraft unter der
|L24 genannten Linie nur der 228ste Theil der Schwere ist. Damit die Materie
|L25 aber einerlei Schwere behielte: so mußte sie sich unter dem Äquator mehr
|L26 erhöhen als unter den Polen, damit sie dort der Materie unter diesen
|L27 das Gleichgewicht halten könnte. Dem zufolge aber muß sie sich vormals
|L28 in einem flüssigen Zustande befunden haben, indem die größte Wahrscheinlichkeit
|L29 der Meinung entgegensteht, als wäre die Erde unmittelbar
|L30 so, wie sie jetzt ist, hervorgebracht worden. Ist sie aber flüssig gewesen:
|L31 so müssen ihre Theile eine natürliche Wärme gehabt haben, weil sie sonst
|L32 nicht hätten flüssig sein und in Verbindung bleiben können. Bei der
|L33 dichtern Zusammenziehung dieser Theile aber werden die hitzigsten unter
|L34 ihnen sich vermuthlich nach dem Centrum gesenkt haben, daher wir in dem
|L35 Mittelpunkte der Erde zwar kein eigentliches Feuer, aber wohl eine andere
|L36 hitzige Materie, z. E. in Fluß gebrachte Metalle oder etwas Ähnliches,

|P_260_
|L01 voraussetzen dürfen, indem ein eigentliches Feuer sich nicht ohne den Zugang
|L02 der Luft zu erhalten im Stande wäre.

|L03 Ehe wir aber das Inwendige der Erde genauer untersuchen, müssen
|L04 wir uns mit den beiden großen Phänomenen, dem Erdbeben nämlich und
|L05 den feuerspeienden Bergen, näher bekannt machen.

|L06 ≥ §_49. ≤
|L07 Es giebt tief in der Erde liegende Höhlen; das zeigen zum Theil
|L08 die Erdbeben an, und da diese sich öfters über ganze Welttheile erstrecken,
|L09 so müssen jene sehr tief sein. Den Erdbeben gehen bald mehr bald
|L10 wenigere Anzeigen vorher, die aber nur von den Einwohnern solcher
|L11 Länder, in denen die Erdbeben häufig sind, bemerkt werden. Diese Anzeigen
|L12 sind folgende:

|L13 1. Die Menschen fangen an schwindlicht zu werden. Dieses kann nicht
|L14 vom Schaukeln der Erde herrühren, weil kein solcher Zustand vor
|L15 dem Erdbeben vorhergeht, sondern vermuthlich ist es die Folge gewisser
|L16 Dünste, die aus der Erde heraufsteigen.
|L17 2. Die Luft wird ängstlich still.
|L18 3. Alle Thiere werden vorher unruhig. Diese haben überhaupt eine
|L19 feinere Witterung als die cultivirten Menschen. Ja, schon der Wilde
|L20 übertrifft darin diese letztern.
|L21 4. Ratten und Mäuse, wie auch
|L22 5. am Ufer des Meeres alles Gewürme verläßt seine Schlupfwinkel
|L23 und kriecht hervor. Endlich erscheinen
|L24 6. in der höhern Luft Meteore mancher Art. {&g }
|L25 Diese Merkmale zeigen an, daß mit der Luft eine Veränderung vorgeht.
|L26 Die Erdbeben stehen in keinem nähern Bezuge auf irgend ein Klima,
|L27 besonders wüthen sie indessen da, wo die Gebirge mit den Küsten parallel
|L28 laufen. {&g }

|L29 Ist die Ursache des Erdbebens nun aber mehr in der Oberfläche der
|L30 Erde, oder tief in dem Innern derselben zu suchen? Hierüber haben sich
|L31 die Physiker noch nicht ganz mit einander verständigt. Einige erklären
|L32 ihre Entstehung durch den Kies. {&g } Wenn man nämlich Feilspäne mit
|L33 Schwefel vermischt und vergräbt: so erhitzt sich diese Masse, und es bricht
|L34 ein Feuer hervor. Aber in der Erde giebt es kein Eisen. Aller Schwefel
|L35 wird aus Kies geschmolzen, und der Kies wird durch die Luft erhitzt. Aber
|L36 wie will man hieraus den Zusammenhang und die Entstehung der Erdbeben

|P_261_
|L01 erklären? Bei Zwickau brennt ein Steinkohlenlager schon seit hundert
|L02 Jahren und kann noch viele Jahrhunderte brennen. Wie langsam
|L03 geht demnach ein solcher Brand vor sich und wie schnell dagegen das Erdbeben.
|L04 Die Ursache dieser letztern wird also nicht mehr an der Oberfläche
|L05 der Erde, sondern tiefer in derselben zu suchen sein.

|L06 Unsere Erde ist {&v ehedeß} flüssig gewesen; man findet fast keinen Körper,
|L07 der nicht Zeichen seiner vormaligen Flüssigkeit an sich tragen sollte. Alle
|L08 Steine, unsere Knochen selbst sind anfänglich flüssig gewesen; die Bäume
|L09 sind aus einem flüssigen Safte entstanden. Ein jeder flüssiger Körper
|L10 wird aber zuerst auf der Oberfläche hart. Demnach wurde auch die Kruste
|L11 der Erde zuerst fest und so ging es immer weiter bis zu ihrem Mittelpunkte
|L12 hin. -

|L13 Aber ist die Erde auch wirklich schon durchweg fest? oder ist sie in
|L14 ihrem Inwendigen noch flüssig? Es ist wenigstens nicht ganz unwahrscheinlich,
|L15 daß sich in der Mitte der Erde noch eine weiche Masse befinde.
|L16 Ja, es ließe sich annehmen, daß, wenn die Erde erst ganz fest wäre, sie
|L17 auch aufhören würde, bewohnbar zu sein. Denn aus ihrem Innern steigen
|L18 Dünste auf, die der Erde ihre Fruchtbarkeit geben. Wäre die Erde
|L19 fest, so könnte auf ihr keine andere Veränderung eintreten, als diejenige,
|L20 welche etwa Sonne und Mond bewirken möchten. Da nun aber unsere
|L21 Witterung ziemlich regellos, also nicht von Sonne und Mond abhängig
|L22 zu sein scheint: so muß unter unsern Füßen die Ursache davon liegen. An
|L23 dem Erdbeben selbst bemerken wir:

|L24 Erstlich eine schaukelnde Bewegung. Diese ist in Häusern von mehrern
|L25 Stockwerken, auf hohen Thürmen und Bergen besonders merklich,
|L26 indem diese Gegenstände bei dem Schaukeln einen großen Bogen
|L27 beschreiben. Wenn das Schaukeln lange anhält: so werden sie in
|L28 ihren innern Theilen erschüttert und fallen um. Es wird die Erde
|L29 unter diesen Umständen von einer Materie unter ihr gleichsam aufgebläht,
|L30 und weil sie immer nach einer Seite fortgeht, so sagt man,
|L31 daß die Erdbeben einen besondern Strich halten, welches man aus
|L32 der Bewegung der Kronleuchter und dem Umfallen der Stühle, nach
|L33 welcher Seite es nämlich geschieht, so wie nach andern, in das Größere
|L34 gehenden Bemerkungen beurtheilt. Das Meer erhält dabei öfters
|L35 gleichfalls eine Schaukelung, die mit der Ebbe und Fluth gar keine
|L36 Verwandtschaft hat, und zwar, weil an einer Seite der Boden niedriger
|L37 wird, fällt daselbst auch das Wasser, und weil es an der andern

|P_262_
|L01 Seite nun höher wird, so fällt es gleichfalls, damit es in ein
|L02 Gleichgewicht komme. Diese Erscheinung aber ist nur bei großen Gewässern
|L03 merklich. Wenn das Erdbeben der Länge nach durch die
|L04 Straßen einer Stadt fortgeht, so werden ganze Straßen zerstört,
|L05 indem sich die Häuser von einer Seite zur andern schaukeln und einmal
|L06 über das andere an einander stoßen. Geht es dagegen nach der
|L07 Breite der Straße fort, so werden die Häuser, weil sie sich einstimmig
|L08 bewegen, erhalten. {&g }

|L09 Zweitens sind aber auch die Stöße, welche nur in einer gewissen Zwischenzeit
|L10 wahrgenommen werden, und die gewöhnlich nicht länger als eine
|L11 Secunde anhalten, zu merken. {&e Dergleichen Stöße sind, da sie von
|L12 unten nach oben und zwar örtlich erfolgen, und weil bei ihnen kein
|L13 Druck und Gegendruck, wie bei der Schaukelung stattfindet, weit gefährlicher
|L14 und zerstörender als die Erdbeben der erstgenannten Art.}

|L15 Selbst auf dem Meere sind dergleichen Stöße fürchterlich, und es
|L16 scheint den Schiffern dabei, als würden sie an den Boden des Meeres
|L17 gebracht. Die Ebenen sind der Gefahr des Erdbebens nicht so sehr
|L18 ausgesetzt als die gebirgichten Länder, daher man in Polen und Preußen
|L19 niemals etwas davon bemerkt hat.

|L20 Die Erdbeben breiten sich ferner auch nach und nach zu weit
|L21 entlegenen Örtern in einem ununterbrochenen Striche aus, so daß sie
|L22 in kurzem von Lissabon aus bis nach der Insel Martinique fortgehen.
|L23 Merkwürdig ist dies, daß sie einen Weg nehmen, welcher dem
|L24 Striche der Gebirge fast gleich kommt.

|L25 {&e Anmerkung 1. Es scheint, daß der Mensch mit jedem Fortschritte seiner
|L26 geistigen Cultur an einer gewissen Schärfe seiner Sinne eine merklichere Abnahme
|L27 erleide, und es kann jenes auch keinen andern Erfolg haben, indem es ihm an
|L28 einer Übung seiner sinnlichen Organe um so mehr mangelt, je ausschließlicher er
|L29 in einer Welt der abgezogenen Contemplation und Betrachtung lebt. Kein Wunder,
|L30 wenn der Matrose schon Schiffe, der Jäger schon einen Vogel erblickt, wo
|L31 wir nicht jene, nicht diesen wahrzunehmen im Stande sind. Aber noch mehr, wir
|L32 haben glaubwürdige Data, daß Menschen bloß vermittelst des Gefühls, oder
|L33 wohl gar des Geruchs Metalle von einander unterscheiden. Ja, in unsern gebildeten
|L34 Ständen giebt es noch immer Leute, die das Anwesendsein gewisser Thiere
|L35 bloß durch den Sinn des Geruches empfinden; und wie viele finden sich, die oft
|L36 bei dem heitersten Himmel bereits die Herannäherung eines Gewitters oder die
|L37 größere Menge elektrischer Bestandtheile der Luft verspüren? Bei der offenbar
|L38 größern Schärfe der Sinne bei den Thieren darf es uns also nicht Wunder

|P_263_
|L01 nehmen, wenn sie und besonders einige von ihnen auch die uns unbemerkbaren
|L02 Symptome eines bevorstehenden Erdbebens lebhafter empfinden.

|L03 Anmerkung 2. Lager von Schwefelkies, zuweilen auch wohl größere Ansammlungen
|L04 des Wassers, die sich einen Ausweg mit Gewalt bahnen, scheinen
|L05 die wesentlichsten Ursachen der Erdbeben zu sein. Eine unmittelbare Einwirkung
|L06 der Atmosphäre bei den Erdbeben anzunehmen, wie dies einige Physiker zu thun
|L07 scheinen, setzte der deutlich und bestimmt gemachten Erfahrungen mehrere voraus,
|L08 als wir deren bis jetzt noch haben. Doch davon weiterhin mehr! Zu den Anzeigen
|L09 bevorstehender Erdbeben zählt man auch noch das Trübewerden des Wassers
|L10 in Brunnen und Quellen und das Herausfahren eines feinen Dunstes aus der
|L11 Erde, der die Füße einhüllt und bei Gehenden die Empfindung erzeugt, als würden
|L12 sie zurückgehalten. Selbst in großen Entfernungen von dem eigentlichen
|L13 Schauplatze der Erdbeben, wohin diese nicht kommen, oder wo sie wenigstens nicht
|L14 verspürt werden, giebt es Erscheinungen, die man nothwendig hernach auf Rechnung
|L15 jenes Naturereignisses setzen muß. So entstanden z. B. zur Zeit des heftigsten
|L16 Erdbebenausbruches in Lissabon, im Jahre 1755, neue Quellen in einigen
|L17 Gegenden Preußens. Über den ganzen Abschnitt die Erdbeben betreffend s. I.
|L18 Kant's Gesch. und Naturbeschreib. der merkwürdigsten Vorfälle
|L19 des Erdbebens vom Jahr 1755. Königsb. 1756. in 4. und in Desselb.
|L20 vermischten Schriften. Halle 1799. Bd. 1. S. 521 und f.

|L21 Anmerkung 3. Am sonderbarsten ist die von dem Erdbeben herrührende
|L22 Schaukelung des Meeres in ihren Ursachen und Gründen, indem das Wasser
|L23 desselben sie oft auch erleidet, wenn dazwischen liegende Länder nicht das Geringste
|L24 von dem Erdbeben empfinden. Auch dieses Phänomen ist näher in der eben angeführten
|L25 Schrift aufgehellt.}

|L26 ≥ §_50. ≤
|L27 Feuerspeiende Berge kann man als {&v Feuerschlünde} betrachten, durch
|L28 deren Mündung eine ihnen angemessene Ladung herausgestoßen wird.
|L29 Der am längsten und in den ältesten Zeiten bekannte feuerspeiende
|L30 Berg, gleichsam der Vater aller übrigen, ist der Ätna. Er erhebt sich in
|L31 einer senkrechten Höhe von 12.000 Fuß über die Oberfläche des Meeres.
|L32 Sein höchster Gipfel ist also mit Schnee bedeckt, und seine Basis beträgt
|L33 mehrere Meilen. An seiner Seite sind durch mannigfache Eruptionen
|L34 andere, kleine Berge entstanden, die aber dennoch alle den Vesuv an Größe
|L35 übertreffen, und deren jeder seinen eignen Krater hat. Er hat indessen
|L36 nicht zu allen Zeiten Feuer gespieen, sondern war manche Jahrhunderte
|L37 hindurch ruhig. So weit die Geschichte der Römer reicht, hat man von
|L38 den Auswürfen des Ätna Nachricht.

|P_264_
|L01 Der Vesuv hingegen war ehedeß ein schöner, mit Wald bewachsener
|L02 Berg. Seit der Erbauung Roms hat er nicht eher als zur Zeit Vespasians
|L03 Feuer ausgeworfen, {&e von welchem Ausbruche uns Plinius einen umständlichen
|L04 Bericht hinterlassen hat (+L Epist. + 6. 16.), und bei welchem die
|L05 erst in diesem Jahrhunderte wieder tief unter der Erde aufgefundenen
|L06 Städte Herculanum, Pompeji und Stabiä verschüttet wurden.}
Der Vesuv
|L07 konnte indessen vielleicht auch schon in noch ältern Zeiten Feuer herausgeworfen
|L08 haben, um so mehr, da er nach der erwähnten Eruption wieder
|L09 500 Jahre lang ruhig blieb und bewuchs!

|L10 Wenn dieser Berg auszuwerfen anfangen will, so hört man um und
|L11 in Neapel unter der Erde ein starkes Krachen und Rasseln, wie das eines
|L12 Wagens. Hierauf erhebt sich aus seiner Öffnung eine Säule von Dämpfen,
|L13 welche am Tage einer Rauch- und in der Nacht einer Feuersäule ähnlich
|L14 sieht, sonst aber, wie Plinius berichtet, wie ein Baum gestaltet sein soll,
|L15 da nämlich der Rauch anfangs gleich einer Säule heraufsteigt, dann aber
|L16 von der Luft nach allen Seiten hingedrückt wird. Hierauf wirft der Vesuv
|L17 eine unbeschreibliche Menge Asche aus, und es folgen viele große Steine,
|L18 unter denen sich auch Bimssteine befinden. Nicht selten fließt auch aus
|L19 ihm zugleich eine ungeheure Menge heißen Wassers hervor; ja, es quillt
|L20 endlich die sogenannte Lava heraus, eine geschmolzene und öfters metallartige
|L21 Materie, aus der die neapolitanischen Goldschmiede sogar zuweilen
|L22 etwas Gold zu ziehen im Stande sein sollen.

|L23 Mehrentheils kommt diese Lava in einer breiartigen Consistenz zum
|L24 Vorscheine, zuweilen aber ist sie auch in der Art flüssig, daß sie in kurzer
|L25 Zeit einige Meilen weit fortrückt. Endlich erhärtet sie, so daß sie in Neapel
|L26 zum Straßenpflaster gebraucht werden kann. Die Lava des Ätna und
|L27 Vesuv sind indessen einigermaßen von einander verschieden.
|L28 Der Auswurf des Vesuv erfolgt mehrentheils nur nach der südlichen
|L29 und westlichen Seite hin; und weil einige Weine zum guten Fortkommen
|L30 einen steinichten Boden erfordern: so findet man auf seiner nördlichen und
|L31 östlichen Seite die schönsten Weine und unter denselben auch die sogenannten
|L32 +L Lacrimas Christi +. Läge der Vesuv nicht so nahe an dem Meere,
|L33 so würde er einen weit größern Schaden anrichten, als es dieser jetzt
|L34 wirklich ist.

|L35 Die ersten Nachrichten von einem Auswurfe des Vesuvs haben wir,
|L36 wie gesagt, aus der Zeit, da die Stadt Herculanum von seiner Asche bedeckt,
|L37 wahrscheinlich aber zugleich auch durch ein Erdbeben versenkt wurde.

|P_265_
|L01 Man hat diese und die beiden andern vorhin genannten Städte bei einem
|L02 Aufgraben wieder entdeckt und in ihnen vieles Hausgeräthe gefunden,
|L03 unter dem sich auch einige Gemälde befinden, deren Farben mehrentheils
|L04 noch ganz wohl erhalten sind, nur daß man in ihnen kein Licht und keinen
|L05 Schatten ausfindig zu machen im Stande ist. Viele dieser Gemälde sind
|L06 in +I alfresco + - Manier oder gegypstem Kalk gemalt. Bücher findet man hier
|L07 sehr selten, und da selbige auf Schilf geschrieben und in Rollen zusammengewickelt,
|L08 auch ganz mit Asche bedeckt sind, so muß die größte Behutsamkeit
|L09 angewendet werden, selbige auseinander zu wickeln, daher ein Mönch
|L10 oft drei Wochen zubringen muß, um nur einige Zolle derselben auseinander
|L11 zu rollen. Eine Arbeit, die sich überaus gut für die Mönche schickt. Merkwürdig
|L12 ist es auch, daß die Namen, welche die Alten den Büchern gaben,
|L13 hauptsächlich vom Schilf, Bast und Baumrinden hergenommen sind.
|L14 Da man auch jetzt das Amphitheater gefunden und keinen Menschen
|L15 in demselben erblickt, wie man denn deren überhaupt keinen in Herculanum
|L16 angetroffen, daher sie alle noch zu rechter Zeit entfliehen und selbst
|L17 alle Alten und Kinder haben mitnehmen können: so muthmaßt man, daß
|L18 sie damals gerade nicht im Amphitheater gewesen seien, wie man dieses
|L19 auch in alten Schriften angegeben findet.

|L20 Nachdem man selbst bis unter die Stadt weiter nachgegraben hat,
|L21 nämlich nicht durch, sondern zur Seite der Lava, so hat man eine noch
|L22 weit ältere Lavaschicht hervorgefunden. Ein deutlicher Beweis, wie es
|L23 scheint, daß der Vesuv schon ehedeß Feuer muß ausgeworfen haben.
|L24 Weil der Vesuv aber mehrentheils alsdann auszuwerfen anfängt,
|L25 wenn der Ätna damit aufhört: so müssen beide Berge mit einander wahrscheinlich
|L26 in Verbindung stehen.

|L27 Der Berg Hekla auf der Insel Island, die mehr nach Amerika als
|L28 zu Europa gehört, und deren eine Hälfte unter dem gemäßigten, die andere
|L29 aber unter dem kalten Erdgürtel liegt, wirft eine große Menge von Asche
|L30 und Wasser aus, das aus der erstaunenden Menge des auf ihm liegenden
|L31 Schnees entsteht. Man will aber auf ihm keine Lava wahrgenommen
|L32 haben.

|L33 Der Berg Cotopaxi in Amerika, der zu den Cordilleras-Gebirgen
|L34 gehört, hält in Rücksicht seiner Auswürfe bestimmte Zwischenzeiten. Man
|L35 kann ihn also und alle dergleichen Berge als Kalköfen betrachten, die mit
|L36 einer einzigen Öffnung versehen sind. Indem das Feuer die Luft durch
|L37 seine Elasticität hinaustreibt, so kann es ohne diese nicht weiter fortbrennen;

|P_266_
|L01 es dringt aber die Luft wieder hinein, und so fängt das Feuer
|L02 aufs Neue an rege zu werden.

|L03 Die feuerspeienden Berge stehen niemals ganz allein, sondern sind
|L04 meistens mit mehreren andern verbunden. Auch trifft man sie sowohl in
|L05 dem {&v heißen als in dem kalten Erdgürtel} an, wiewohl hier nicht so häufig
|L06 als dort.

|L07 Da man auf einigen Bergen große Höhlen und in denselben mitunter
|L08 noch Rauch antrifft: so müssen diese Berge vormals Feuer ausgeworfen
|L09 haben, in spätern Zeiten aber ausgebrannt sein, wie denn auch
|L10 ganze Inseln ausgebrannt sind. Auf den Gebirgen bei Köln und am
|L11 Rhein überhaupt nimmt man Spuren von Kratern wahr. In mehreren
|L12 dieser Krater sind Wasservertiefungen, statt deren hier ehemals Feuer
|L13 ausgeworfen wurde und noch künftig kann ausgeworfen werden. Auch in
|L14 Hessen giebt es viele Krater, und man verkauft dort wie am Rhein den
|L15 Traßstein in Menge, mit dem man unter dem Wasser mauern kann. Dieser
|L16 Stein ist aber nichts anders als der Tuff der Italiener.
|L17 Ehe es zu einem Ausbruche kommt, pflegt alles in den Bergen gleichsam
|L18 zu kochen. Der Rauch der Vulkane soll elektrisch sein, indem er eben
|L19 solche Blitze erzeugt wie die Gewitterwolken. {&g } Den Auswurf begleitet gar
|L20 oft ein Platzregen.

|L21 Die Lava, die aus dem Ätna hervorfließt, beträgt an Masse wohl
|L22 so viel als vier Berge, die dem Vesuv gleichen. In der Nacht glüht sie
|L23 wie Feuer, und wenn sie abkühlt, erlangt sie eine Steinhärte, daher man
|L24 aus ihr Kirchen bauen kann. Allein wenn eine neue Lava auf eine solche
|L25 Kirche trifft, so schmilzt diese weg. Oft wendet sich der Strom der Lava
|L26 durch ein ihm entgegengesetztes Hinderniß, besonders wenn man ihm den
|L27 Weg bahnt. Nicht leicht setzt sich die Erde auf der Lava fest, obgleich
|L28 die Gegend unter den Bergen, wo sich die Asche befindet, sehr fruchtbar
|L29 und mit Bäumen bewachsen ist, deren Durchschnitt auf 80 Zoll
|L30 beträgt.

|L31 Wie ist aber die Erde auf die ältere Lava gekommen? Die Erde hat
|L32 sich nach und nach generirt, denn auf dem glattesten Steine geschieht dies.
|L33 Die Luft trägt zuerst Staub hinauf, und da setzen sich dann der ähnlichen
|L34 Theile immer mehrere an, bis endlich eine wirkliche Erdschicht daraus
|L35 wird, welches aber sehr lange dauern muß. Brydone sah eine noch mit
|L36 keiner Erde bedeckte Lava und schloß daraus, daß sie noch jung sein müsse,
|L37 ob sie gleich seit dem punischen Kriege geflossen war.

|P_267_
|L01 Wenn man in Catanea einen Brunnen gräbt, so kommt man durch
|L02 fünf oder sechs Schichten von Lava, die mit Erde bedeckt sind, wozu, wie
|L03 man glaubt, 16.000 Jahre erfordert werden.

|L04 Moses giebt das Alter des menschlichen Geschlechts an, aber nicht
|L05 das Alter der Erde. Die Erde mag sich schon einige tausend Jahre früher
|L06 gebildet haben, durch jene Angaben des Moses darf man sich nämlich nicht
|L07 einschränken lassen, den physischen Gründen Raum zu geben. Bei Gott ist
|L08 eine Zeit wie der Tag zum Schaffen zu viel und zur Ausbildung der Erde
|L09 zu wenig. {&g }

|L10 In Peru giebt es viele Vulkane und mehrere Schichten von Lava,
|L11 die mit Erde bewachsen sind, worauf wieder neue Verwüstungen folgten.

|L12 {&e Anmerkung 1. Über den Vesuv und Vulkane kann man außer Hamiltons
|L13 Berichten auch De Non, +F voyage pittoresque +, oder den zu Gotha erschienenen
|L14 deutschen Auszug aus derselben nachlesen, so wie die mehrern bekannten Schriften
|L15 über Herculanum und die daselbst aufgefundenen Alterthümer. Über die vulkanischen
|L16 Gebirge am Rhein vergleiche außer mehreren andern G. Forsters Ansichten
|L17 vom Nieder-Rhein usw.

|L18 Anmerkung 2. Das höhere Alter der Erde, als es nach der Angabe des
|L19 Moses zu sein scheint, hat mehrere große Wahrscheinlichkeitsgründe für sich, so
|L20 wie das des Menschengeschlechtes sogar, wie dies aus den von den Franzosen
|L21 neuerdings aufgefundenen beiden Thierkreisen zu Dendara unleugbar zu erhellen
|L22 scheint. S. v. Zach, monatliche Correspondenz. Bd. 2. S. 493 u. f. Was
|L23 dagegen manche Naturforscher noch immer gerne im alten Stiele bleiben, ungeachtet
|L24 sie wohl einsehen könnten, daß wir auf einer höhern Stufe der Cultur stehen, als
|L25 es sich von dem Menschen, der alles durch sich werden muß, erklären läßt!

|L26 Anmerkung 3. Ich füge hier noch einige Bemerkungen bei, die in Beziehung
|L27 auf diesen §. stehen, namentlich aus den +F Voyages physiques et +
|L28 +F lithologiques dans la Campanie etc. Par Scip. Breislak, trad. du +
|L29 +F ms. italien par le General Pommereul. Paris 1801. 2 Tomes. +
|L30 Stabiä ist nicht durch die Asche des Vesuvs verschüttet, sondern, selbst nach
|L31 des Plinius Bericht, durch Sulla zerstört. - Der Vesuv wirft keine eigentliche
|L32 Flamme aus, sondern was Plinius so nennt, sind im Grunde glühende Steine.
|L33 - Der vulkanische Tuff rührt nicht von einem schlammichten Ergusse, sondern von
|L34 Vulkanen her, die ehedeß auswarfen. - Appius legte seinen Heerweg aus dichten
|L35 Laven an, von denen sich ein mächtiges Lager von Sessa an bis Roche-Monfina
|L36 erstreckt. - An verschiedenen Stellen des Vesuvs findet man Tuffstücke vor mit
|L37 deutlichen Abdrücken der Zellenkoralline. Ein klarer Beweis, daß der Vesuv
|L38 unter dem Meere zu brennen angefangen habe. Man findet aber unter den ausgeworfenen

|P_268_
|L01 vulkanischen Stoffen auch solche, die, wenn sie im Dunkeln gerieben
|L02 werden, ein röthliches oder weißes Licht werfen.}

|L03 ≥ §_51. ≤
|L04 Wenn wir nach der Ursache fragen, woher die Erdbeben entstehen:
|L05 so sind einige Physiker der Meinung, sie könnten aus chemischen Gründen
|L06 hergeleitet werden. {&g gestrichen}Sie meinen nämlich, der Schwefelkies, der durch die
|L07 Luft verwittert, und der Regen, der nachher auf ihn gefallen, seien die
|L08 {&v wahre Ursache dieses Phänomens.} Da aber der Schwefelkies nur in wenigen
|L09 Schichten angetroffen wird, das Erdbeben sich aber durch so weite Länder
|L10 nach entfernteren Örtern hinzieht: so dürften die Erdbeben {&v mehr vielleicht}
|L11 aus mechanischen Ursachen herzuleiten sein.

|L12 Das Krachen und Rasseln um und in Neapel gleicht dem Winde,
|L13 daher es vielleicht Dämpfe sein könnten, die sich durch alle unterirdische
|L14 Höhlen hindurchziehen und einen Ausweg an der Oberfläche der Erde
|L15 suchen. Die Luft kann sehr zusammengedrückt werden und erhält dadurch
|L16 {&v eine elektrische Beschaffenheit.} Man hat sogar ausgerechnet, daß die Luft,
|L17 welche von einer andern Luftsäule, die den siebenten Theil des halben Erddiameters
|L18 beträgt, gedrückt würde, eine dem Golde gleiche Dichtigkeit erhalten
|L19 würde. Es würde aber die Schwierigkeit entstehen, ob die Atmosphäre
|L20 von den Dünsten unter der Erde nicht alsdann vergrößert würde?
|L21 Allein sie scheint einen eben so großen Abgang zu leiden, als sie Zuwachs
|L22 erhält, indem die Schwefeldämpfe eine sehr große Quantität von Luft
|L23 verschlucken. Es geht überdies sehr viele Luft auf die Transspiration der
|L24 Menschen, Thiere und Pflanzen, und man hat bemerkt, daß die Luft einen
|L25 sehr großen Antheil am Gewichte des Menschen habe.

|L26 Man findet auch die Luft, so wie das Wasser in der Art mit fremdartigen
|L27 Materien angefüllt, daß man nicht weiß, welches Gewicht der
|L28 Luft eigentlich zuzuschreiben sei. Es ist auch sehr wahrscheinlich, daß alles,
|L29 was sich über unserm Haupte repräsentirt, vorher unter unsern Füßen
|L30 vorhanden gewesen ist. Wir finden sogar feuerspeiende Berge in der See,
|L31 nur daß dieselben, weil der Rauch sehr {&v schwer} durch das Wasser durchbrechen
|L32 kann, nicht so merklich sind. Auf diese Art sind {&v vor nicht gar vielen
|L33 Jahren}
zwei von den antillischen Inseln entstanden, und es läßt sich hiervon
|L34 auf die Entstehungsart {&v aller oder wenigstens sehr vieler} Inseln schließen.
|L35 Da der Rauch, den man öfters über dem Meere wahrnimmt, nebst
|L36 den {&v angeblich zuweilen oben schwimmenden} Bimssteinen {&v die Existenz

|P_269_
|L01 noch mehrerer feuerspeiender Berge im Meere vermuthen lassen,}
so muß
|L02 man nothwendig auch auf mechanische Ursachen {&v kommen, die ihnen zum
|L03 Grunde liegen.}

|L04 Die Erde scheint sich von oben zuerst ausgearbeitet zu haben, in
|L05 ihrem Inwendigen aber noch lange nicht zur Reife {&v gediehen} zu sein, so
|L06 daß noch Theile nach dem Centrum der Erde gezogen werden; einige Partikelchen
|L07 sinken, andere {&v steigen;} ja, es hat das Ansehn, als wenn die Erde
|L08 aufhören würde bewohnbar zu sein, wenn sie irgend jemals zu ihrer
|L09 {&v gänzlichen Vollendung gelangte,} indem bei dem wahrscheinlichen Mangel
|L10 einer Abwechselung der Witterung unter alleiniger Einwirkung der Sonne
|L11 und des Mondes auf die Erde schwerlich weiter Gewächse aller Art fortkommen
|L12 könnten.

|L13 Innerhalb dieses chaotischen Zustandes {&v der Erde in ihrem Innern}
|L14 muß es nothwendig unter der zur Reife gediehenen dicken Rinde derselben
|L15 viele Höhlen und Gänge geben, in welchen Luft verschlossen ist, und diese
|L16 Luft scheint es zu sein, die durch die feuerspeienden Berge ihren Ausweg
|L17 sucht und durch ihre Gewalt eine große {&v Masse} Materie mit sich hinaustreibt.
|L18 Sie scheint es zu sein, die die Erdbeben verursacht, da diese mit
|L19 den Vulkanen eine {&v sehr wahrscheinliche Verbindung} haben möchten, indem
|L20 man bemerkt, daß, wenn ein Erdbeben aufgehört hat, der Ätna {&v auszuwerfen}
|L21 anfängt. Aber umgekehrt kann man nicht sagen, daß, wo es feuerspeiende
|L22 Berge giebt, auch Erdbeben sein müssen. Die Erderschütterungen
|L23 und die Auswürfe wechseln; die letztern leeren das unterirdische Feuer
|L24 aus und sind den entlegenen Gegenden heilsam, obgleich sie die ihnen
|L25 zunächst gelegenen verwüsten.

|L26 Weil man nun niemals die Tiefe, aus welcher die Materie der feuerspeienden
|L27 Berge geworfen wird, hat entdecken können: so muß die Kruste
|L28 der Erde überaus dick sein.

|L29 Wenn wir nun annehmen, daß selbige überall gleich dick ist: so sehen
|L30 wir zugleich die Ursache ein, warum die Erdbeben auf der See nicht so
|L31 heftig als in den an ihr liegenden Vorgebirgen sind. Dort nämlich hat
|L32 die eingesperrte Luft außer der allenthalben gleich dicken Erdrinde zugleich
|L33 eine {&v sehr große Wassermasse} zu heben, daher sie an Örter übergeht, die
|L34 ihr keinen eben so starken Widerstand leisten können.

|L35 Das Feuer bricht in der Spitze des Berges aus. Da ist keine Ursache
|L36 des Auswurfes vorhanden, durch den der Berg erst entstanden ist.
|L37 Der Berg besteht aus Schichten, die im Wasser erzeugt sind, folglich muß

|P_270_
|L01 der Berg durch Ausbrüche entstanden sein. Nachdem der Auswurf der
|L02 wässerigen Dünste und der Substanzen des unterirdischen Chaos aufgehört
|L03 hat: so werfen dergleichen Berge nun eine feurige Materie aus.

|L04 In Italien findet man einen Aschenberg, der aus dem Auswurfe
|L05 feuerspeiender Berge entstanden ist. Im kaukasischen Gebirge entdeckt man
|L06 noch Berge, die gleichsam aus der Erde hervorquillen. Man trifft noch
|L07 auf Inseln, in denen man ganz andere Schichten vorfindet, als die gewöhnlichen
|L08 es sind, z. E. eine Schicht Sand, dann eine Schicht blauen
|L09 Thon. Solche Inseln müssen daher auf eine ähnliche Art entstanden sein.
|L10 Wir bewohnen also nur fürchterliche Ruinen.

|L11 ≥ §_52. ≤
|L12 Wenn man an einem Körper sowohl die Figur als Structur erwogen
|L13 hat: so muß man auch die Mixtur desselben oder die Theile, aus denen
|L14 derselbe zusammengesetzt ist, untersuchen. Wir wollen bei dieser Gelegenheit
|L15 also

|L16 1. den Zusammenhang der Steintheile,
|L17 2. aber auch die Erdschichten selbst erwägen.

|L18 Denn überhaupt ist es anzumerken, daß da, wo die Erdbeben oder
|L19 andere Verwüstungen keine Änderung hervorgebracht, die Materien in
|L20 gewisser Ordnung, die dennoch nicht in allen Ländern gleich ist, über
|L21 einander gelegt sind. Es würde, wenn ein jedes Land seinen Boden
|L22 untersucht hätte, eine +L Geographia subterranea + zu Stande gebracht werden
|L23 können, wie denn {&v ein Franzose} auch wirklich darin den besten Versuch
|L24 geliefert hat.

|L25 Die {&v Erde} ist überhaupt keinesweges als ein Schutthaufe oder Klumpen
|L26 gemengter Materien anzusehen, sondern sie dehnt sich in Lagen und
|L27 Schichten aus, auf denen die Möglichkeit der Quellen beruht. Denn wenn
|L28 die Erde nur ein Schutthaufe durcheinandergemengter Materien wäre:
|L29 so gäbe es auch keine Quellen. Es giebt in der That Inseln, die aus
|L30 dergleichen gemengten Materien bestehen, wo daher aber auch keine Quellen
|L31 angetroffen werden, z. E. die Insel Ascension.

|L32 {&v Fast überall bedeckt unsern Weltkörper} eine sogenannte Dammerde,
|L33 welche aus verfaulten Gewächsen entstanden ist und seit der Römer Zeiten,
|L34 ungefähr vom zweiten Jahrhunderte an, um 6 Fuß zugenommen hat,
|L35 wie man es aus dem {&g } Orte, wohin die nicht metallartigen Steine eines
|L36 Bergwerkes abgesondert geworfen werden, bemerkt hat. Da aber das

|P_271_
|L01 Getreide, welches jährlich abgemäht und von den Menschen consumirt
|L02 wird, mithin auch nicht verfaulen kann, einen Theil von der Dammerde
|L03 ausmacht: so muß dieselbe bei uns beständig verringert werden, wie man
|L04 denn auch solches bei den Scheitelfahren, da nämlich der daran gelegene
|L05 Acker etwas gesunken ist, erfahren hat.

|L06 Nach der Dammerde oder Gewächserde kommt {&v die Jungfernerde, die
|L07 gewöhnlich sehr dünn zu sein pflegt, dann}
der Thon, welcher erst Gewächserde
|L08 sein muß, so wie die Kalkerde, die eine Seethiererde zu sein scheint,
|L09 indem das Laugichte sich in allen Kalken befindet, welches von alten
|L10 Schalthieren und Muscheln herrührt.

|L11 Nach diesen Schichten von Erde kommen allerlei Sandschichten: Kiessand,
|L12 Flugsand, Quell- und Triebsand, hierauf eine Lage von Stammerde.
|L13 Diese Lagen liegen über einander und sind von verschiedener Dicke; aber
|L14 was für eine Dicke eine Erdlage an einem Orte hat, dieselbe Dicke erstreckt
|L15 sich so weit, als sich das Erdlager erstreckt. Die Dicke der Lagen nennt
|L16 man das Lager an sich, aber besonders in Bergwerken Flötz. Wenn ein
|L17 Lager gewisse Producte hat, so hat das andere keine, daher muß eine
|L18 Revolution eingetreten sein, als das Lager entstanden.

|L19 Die Erdlager liegen nicht horizontal, sondern {&v so wie die Landesflächen.
|L20 Das Land ist nämlich abhängig, so daß sich das Wasser durchbohrt.}

|L21 Wenn an einem Orte ein Lager 200 Fuß tief ist, so ist dasselbe
|L22 Lager weit davon am Tage.

|L23 Die Steingebirge werden mit einem allgemeinen Namen Felsengebirge
|L24 genannt, obgleich der Fels eine besondere Gattung von Steinen
|L25 ist, gleich wie die Steine, aus welchen wir die {&v Treppen und Stufen}
|L26 machen, erstens aus gewissen glänzenden Theilen oder dem Spath, dann
|L27 aus einem gewissen Schiefer, den man den Glimmer nennt, und dann
|L28 endlich aus einem lockern Mark bestehen.

|L29 Die Felsgebirge finden sich mehrentheils auf dem Landrücken, welches
|L30 der Theil des Gebirges ist, wo die Spitzen der Berge gleichsam in einer
|L31 Menge {&v zusammenfließen und sich auch weit unter denselben fort ausdehnen,}
|L32 bis sie sich endlich in den Erdschichten verlieren.

|L33 Die Schichten in den Bergen sind entweder ganz, oder flötzweise geordnet.
|L34 Die Gänge der Berge sind Spaltungen in denselben, die bis zu
|L35 einer ewigen Tiefe fortgehen, d. h. die auf der andern Seite keine Öffnung
|L36 haben und perpendiculär sind. Sie sind entweder hohl, oder mit einer
|L37 Materie erfüllt. Mehrentheils quillt in sie der Saft des Steines, welcher

|P_272_
|L01 sich nachgehends verhärtet und in Metalle degenerirt. Daher findet man
|L02 auch in diesen Ganggebirgen die kostbarsten Metalle, als Gold und Silber.
|L03 Über diesen Gängen und unter denselben befindet sich das übrige taube
|L04 Gebirge. (Gebirge heißt eben der Stein, aus dem der Berg vorzüglich
|L05 besteht). Es hängen sich aber die Metalle, besonders Gold und Silber
|L06 nicht unmittelbar, sondern vermittelst eines feinen Stoffes und einer
|L07 Materie von beiden Seiten, welche die Salbänder heißen, mit dem
|L08 übrigen rohen Gebirge zusammen, dessen über dem Gange erhabner Theil
|L09 das Hängende, das unter demselben gelegene aber das Liegende genannt
|L10 wird. Das Stück von dem Gebirge aber, welches dem Gange von
|L11 oben am nächsten ist, heißt das Dach, dasjenige hingegen, was sich ihm
|L12 am meisten von unten nähert, die {&v Sohle} des Ganges. Es {&v geht} aber
|L13 nicht selten dieser Gang in einer geraden Linie durch die übrigen Berge
|L14 fort, daher heißt ein Gang, dessen Richtung in Gedanken verlängert wird,
|L15 das Streichen, diejenige Richtung aber, die er nach der Erde durch den
|L16 Berg nimmt, heißt das Fallen desselben. Das Streichen des Berges
|L17 pflegt öfters ununterbrochen zu sein.

|L18 In den Flötzbergen sind die Schichten der Steine so geordnet, daß
|L19 dieselben horizontal oder in einem Winkel von 45 Graden vom Horizont
|L20 entfernt sind und eine Spaltung, welche in den Flötzbergen substituirt
|L21 wird, als den Anfang und das Ende zu den beiden Seiten des Berges
|L22 haben. Sie umgeben mehrentheils die Ganggebirge, enthalten fast gar
|L23 kein Metall, und findet sich in ihnen noch etwas davon, so richtet es sich
|L24 nach denen, die in den Gangbergen enthalten sind. Ist in Gangbergen
|L25 z. E. Gold, so ist etwas davon auch in den Flötzbergen anzutreffen. Es
|L26 pflegt auf ihnen erst Dammerde zu sein, dann Kalkerde, darauf {&v blauschwarzer}
|L27 Schiefer, ferner Marmor, welcher nichts anders als eine Kalkerde
|L28 ist, die polirt werden kann, zu folgen, zuletzt kommt man auf Steinkohlenschichten
|L29 und dann auf eine rothe Erde. In dem Schiefer dieser
|L30 Flötzberge sieht man {&v Farnkraut,} Fische usw. ganz deutlich ausgedrückt
|L31 und den darauf liegenden Schiefer gleich einem großen Teiche.
|L32 Die vielen Überbleibsel der alten Welt zeigen an, daß die Flötzberge
|L33 schon zu den Zeiten einer bewohnten Welt von den herunterfließenden Materien
|L34 der damals noch etwas flüssigen Gangberge entstanden seien, und
|L35 daß diese letztern schon lange vorher gewesen. Auch wird dieses dadurch
|L36 noch bestätigt, daß die untere Schicht nicht gar zu lange flüssig gewesen,
|L37 und die obern vorher verhärtet sein müssen, indem die untere Schicht nach

|P_273_
|L01 der Seite, wo der größte Druck gewesen, dünner, auf der andern Seite
|L02 aber dicker ist.

|L03 Nachdem Gotthard befunden, daß Steine, die in einer Gegend sehr
|L04 häufig sind, in der andern gar nicht angetroffen werden: so hat er endlich
|L05 entdeckt, daß die Sorten der Materie der Erde in Kreise eingetheilt sind,
|L06 daß der größte Theil metallartig ist, der mittlere, von diesem eingeschlossene
|L07 Kreis aus Mergelarten besteht, dann der letzte, innerhalb welchem
|L08 auch Preußen liegt, sandsteinartig sei.

|L09 Anmerkung. Wenn ein Körper ganz vollkommen ist und seine Theile eine
|L10 ewige und feste Lage haben: so können sich diese und folglich auch selbst der ganze
|L11 Körper in seinem Inwendigen nicht verändern. Da nun aber auf der Erde so
|L12 vielfältige Veränderungen von ihr selbst erfolgen, die fälschlich von den Einflüssen
|L13 der Sonne und des Mondes hergeleitet werden: so vermuthet man, daß sie in
|L14 ihrem Inwendigen noch nicht zur Perfection gediehen sei. Weil die Magnetnadel
|L15 auf jedem Punkte der Erde nach Norden zeigt, so muß die Ursache davon
|L16 in dem Inwendigen oder dem Mittelpunkte der Erde gesucht werden. Weil diese
|L17 aber alle Jahr mehrentheils 2/3 eines Grades von Norden abweicht (im Jahre 1766
|L18 stand dieselbe in Danzig gerade in Norden, jetzt aber im 12ten Grade davon),
|L19 so schließt man, daß ihre Ursache veränderlich, folglich, daß in dem Inwendigen
|L20 der Erde noch nicht alles ausgearbeitet sei.

ENDE, folgt Text »Typ A«